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Frankfurt: Ei Gude, Mephisto

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Von: Stefan Behr

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Der Brückengickel ist symbolträchtig.
Der Brückengickel ist symbolträchtig. © christoph boeckheler*

Der Frankfurter fürchtet den Teufel nicht – er hält ihn vielmehr für seinesgleichen.

Der Frankfurter ist kein Angsthase, gleichwohl treibt ihn eine irrationale Angst vor einer übernatürlichen Macht um. Er befürchtet stets, dass der Fürst der Finsternis ihn beim Schopfe packe und an einen trostlosen Ort verschleppe, wo Mangel, Leid und Not herrschen und ewiges Wehklagen ertönt. Da kann Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke noch so oft betonen, er verbringe niemanden gegen seinen Willen in die Lederstadt, und überhaupt hätten sich dort die Lebensbedingungen deutlich verbessert – diese Urangst werden der Frankfurter und die Frankfurterin einfach nicht los.

Zum Teufel hingegen hat der Frankfurter ein ganz entspanntes Verhältnis. Er fürchtet ihn nicht. Er nimmt ihn nicht mal ganz ernst. Das liegt wohl auch an der Geschichte vom „Brickegickel“, der seit Anfang des 15. Jahrhunderts die Alte Brücke schmückt und eigentlich die Stelle markiert, an der Frankfurt seine zum Tode verurteilten Delinquenten im Main entsorgte. Der Sage nach aber soll der Erbauer der Alten Brücke mit diesem Auftrag schlicht überfordert gewesen sein. Also engagierte er den Teufel zu einem Dumpinglohn als Subunternehmer – eine Tradition, die bis heute in der Frankfurter Baubranche widerhallt. Der Teufel baute dem guten Mann dann in Nullkommanix eine feine Brücke und verlangte dafür lediglich die erste Seele, die diese überschreite. Als es soweit war, trieb der Baumeister einen Hahn über die Brücke, den der genasführte Teufel vor Wut in zwei Hälften zerriss – eine Tradition, die bis heute in der Frankfurter Hähnchenbraterei widerhallt. Seitdem denkt der Frankfurter über den Teufel: Na, mit dem kann man’s ja machen.

Andererseits weiß auch der Teufel, dass er von den Frankfurtern wenig zu befürchten hat: Selbst wenn die ihn aus Versehen mal fangen sollten, stellen sie sich gewisslich so dappisch an, dass das nicht von Dauer sein kann. Wie etwa anno 1851 bei der Festnahme des Räubers Hans Schmalfart, der ob seiner Charakterdefizite als „der Teufel“ bekannt war. Der Teufel und seine Bande raubten dunnemals am Griesheimer Wäldchen eine Griesheimerin aus, die sie aber irrtümlich für eine Niederin hielten und daher aus Sicherheitserwägungen ihre Beute in Griesheim versoffen, wo sie prompt von wütenden Griesheimer Bauern gemobbt wurden. Zwar schaffte es der Teufel noch, zu seinem Schlupfwinkel im Rebstock-Hof zu fliehen, wurde dort aber von den Griesheimern geschnappt und in den Kerker von Bergen gebracht. Nun war Frankfurt damals zwar schon eine freie Stadt, aber Griesheim, Nied, Bockenheim und Bergen gehörten zu Hanau, und auf das Rebstock-Gelände erhoben beide Parteien Anspruch. Und so zankten diese ewig lange um die Rechtmäßigkeit der Festnahme bis hin zum Reichskammergericht in Speyer, und der Teufel konnte in aller Herrgottsruhe aus seinem Berger Verlies entfleuchen. Seitdem denkt der Teufel über die Frankfurter: Na, mit denen kann man’s ja machen.

Und so lebt der Teufel in Frankfurt bis heute mindestens so gut wie Gott in Frankreich. Einige halten ihn gar statt Karl dem Großen für den eigentlichen Gründer der Stadt in ihrer heutigen Form. Denn es ist niemand anderes als der Teufel aka. Mephisto, der in Faust II den heruntergewirtschafteten Kaiser dazu überredet, das Papiergeld einzuführen. Noch heute wird ihm dafür in den Vorstandsetagen der Frankfurter Großbanken in schwarzen Messen gehuldigt, er hat zudem bis zum Jüngsten Tag freien Eintritt in den Deutsche-Bank-Park. Aber auch der gemeine Frankfurter hält den Teufel dank Goethes Propaganda für einen recht lustigen und stubenreinen Gesellen, mit dem jeder Osterspaziergang zum Gewinn wird. Manchmal wird der Frankfurter freilich von Ortsfremden vor dem Teufel gewarnt: Dieser sei im Kern ein Unhold und habe es faustdick hinter den Ohren. Der Frankfurter antwortet solchen Satansskeptikern dann in der Regel, sie sollten sich nach Offenbach scheren.

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