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Frankfurt: Edle Mode aus einer dunklen Zeit

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Von: Anja Laud

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Maren-Christine Härtel, Kuratorin der Mode- und Textilsammlung des Historischen Museums, und Restauratorin Laurence Becker schauen sich das Ensemble an.
Maren-Christine Härtel, Kuratorin der Mode- und Textilsammlung des Historischen Museums, und Restauratorin Laurence Becker schauen sich das Ensemble an. © christoph boeckheler*

Das Historisches Museum erwirbt Abendkleider von Margarethe Klimt. Die Modeschöpferin leitete im Dritten Reich das Modeamt, das Frankfurt zu einer Modemetropole machen sollte.

Eine Figurine mit einem schwarzen Abendmantel, unter dem ein blassrosa, mit plissiertem, schwarzem Chiffon bedecktes Abendkleid hervorlugt, steht in der Restaurierungswerkstatt des Historischen Museums. Das Haus konnte dieses Ensemble sowie ein weiteres Abendkleid von der Familie der österreichischen Modeschöpferin Margarethe Klimt erwerben. Klimt hatte das Modeamt geleitet, das die Nationalsozialisten 1933 gründeten, um Frankfurt zu einer deutschen Modemetropole zu machen. Es sind vermutlich die einzigen noch existierenden Modelle, die im Modeamt entworfen wurden.

Maren-Christine Härtel, Kuratorin der Mode- und Textilsammlung, und Restauratorin Laurence Becker schieben mit behandschuhten Händen den Mantel des Ensembles zur Seite, um einen Blick auf das darunterliegende Abendkleid zu werfen. Der Chiffon bedeckt wie eine Schürze nur den vorderen Teil. Der sparsame Einsatz dieses Stoffes ist wohl nicht dem Mangel der Kriegsjahre geschuldet, sondern „das Plissee hätte beim Hinsetzen Schaden nehmen können. Außerdem hätte eine Frau damals nicht den Mantel ausgezogen, der Teil eines Ensembles war“, sagt die Kuratorin.

Doch die Stoffe, aus denen das Ensemble und das champagnerfarbene Abendkleid geschneidert wurden, verraten, dass auch dem Modeamt trotz des Anspruchs, hochwertige Mode für die deutsche Frau zu schaffen, während des Zweiten Weltkriegs keine wertvollen Stoffe wie Seide zur Verfügung standen. „Die drei Kleidungsstücke bestehen, so weit man es bis jetzt beurteilen kann, aus synthetischen Materialien“, sagt Becker. Die Restauratorin, die zuletzt Tapisserien in der wiedereröffneten Löwenburg in Kassel restaurierte, wird sich mit Beginn des kommenden Jahres den Modellen aus dem Modeamt widmen. Geld der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung macht deren Restaurierung möglich. „Sonst hätten wir die Kleider, so wie sie sind, nur verwahren können und hätten für die Zukunft auf Gelder hoffen müssen“, sagt Härtel.

Mode aus Frankfurt

Das Modeamt wurde 1933 auf Initiative des NS-Oberbürgermeisters Friedrich Krebs gegründet. Die Förderung des deutschen Schneiderhandwerks war Teil seiner Strategie, aus der „Stadt der Juden und Demokraten“ eine „Stadt des deutschen Handwerks“ zu machen, ein Beinamen, den Frankfurt mit Zustimmung Adolf Hitlers 1935 erhielt.

Margarethe Klimt (1892-1987) war eine österreichische Modeschöpferin. Sie leitete neben einer Modeklasse in der Städtischen Kunstgewerbeschule von 1934 an auch das Modeamt , eine Ausbildungsstätte für Frauen, die ihren Gesellenbrief als Schneiderin hatten.

1938 bezog das Modeamt das „Schloss der Mode“, eine Villa in der Mainzer Landstraße 57, die die Stadt von dem jüdischen Eigentümer, dem 1936 emigrierten Unternehmer Paul Hirsch, erworben hatte. 1944 wurde sie bei einem Bombenangriff zerstört.

Im „Archiv Frankfurter Modeamt“ befinden sich heute u.a. über 1900 Fotografien, Entwürfe und einige Accessoires. Es ist im Historischen Museum angesiedelt. lad

Über 200 Arbeitsstunden

Die Restaurierung der drei Kleidungsstücke ist ein intensiver und aufwendiger Prozess. der über 200 Arbeitsstunden benötigen wird. Auch wenn in der Restaurierungswerkstatt eine Waschmaschine steht, gewaschen werden dürfen die Roben darin keineswegs. Kleinste Stoffproben werden demnächst an die Bundesanstalt für Materialforschung nach Berlin gehen, damit die eine Faseranalyse macht. Dann erst kann die Restauratorin mit speziellen Lösungsmitteln die Kleider von Schmutz und Schweiß befreien. In einem weiteren Arbeitsschritt wird sie Risse oder gelöste Nähte reparieren, aber nur wenn diese Schäden den Erhalt des Kleides gefährden, denn alle Spuren der Zeit sollen nicht ausgelöscht werden. Zuletzt werden die Modelle in speziellen Feuchtkammern geglättet, denn mit dem Bügeleisen dürfen sie ebenfalls nicht bearbeitet werden.

Parallel zu den Restaurierungsarbeiten läuft ein Forschungsprojekt, dessen Ergebnisse in einem Buch münden sollen. Ob die vom Modeamt entworfenen Modelle für eine Massenproduktion geeignet waren, ist eine der Fragen, die es zu erforschen gilt. Kritiker:innen warfen dem Amt vor, Mode für die gehobene Gesellschaft zu schaffen. In Frankfurt sollte aber keine „Haute Couture“ nach französischem Vorbild, sondern eine „Hochmode“, so die Sprachregelung der Nazis, nach deutschem Zuschnitt entstehen. „Margarethe Klimt fuhr sogar nach Paris zu den Modeschauen“, sagt Härtel. Das sei nicht gerne gesehen worden.

Als Zugeständnis entwarf das Modeamt, das eine Ausbildungsstätte war, einen Overall für die arbeitende Frau. Ob Hoch- oder Alltagsmode, das, was von den hochfliegenden Plänen der Nazis übrig geblieben ist, wird im „Archiv Frankfurter Modeamt“ verwahrt, das im Historischen Museum angesiedelt ist, darunter Fotografien der Fotografin Emy Limpert, die von den Modellkleidern kunstvolle Bilder anfertigte. Härtel und Becker hoffen, dass die ihnen weitere Erkenntnisse zu den Kleidern aus dem Besitz von Margarethe Klimt geben werden.

Der Rock hat sich bei diesem Abendkleid vom Oberteil gelöst, wie Restauratorin Laurence Becker zeigt.
Der Rock hat sich bei diesem Abendkleid vom Oberteil gelöst, wie Restauratorin Laurence Becker zeigt. © christoph boeckheler*

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