Heiß begehrte Testkartons mit leckerem Ebbelwei.  
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Heiß begehrte Testkartons mit leckerem Ebbelwei.

Apfelweinwettbewerb

Frankfurt: Ebbelwei Nummer 2 spritzt beim Öffnen

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Gelungener Geschmackswettbewerb im Internet: das Apfelwein-Tasting des Kulturtreffs Habel.elf. Wer das Siegerstöffche gekeltert hat, muss sich noch herausstellen.

Hallo? Erst mal die Technik, wie inzwischen üblich in diesen Zeiten: Computer an, Meeting starten, sind alle da? Nein. Oder doch? Aber da fehlt der Ton! Hört ihr uns? Hallo?

Apfelweinwettbewerb. Normalerweise ging man dafür in die Kneipe, genauer: ins Habel.elf, den Kulturtreff bei der Heddernheimer Turnerschaft 1860, verkostete gesellig und stimmte ab. Unnormalerweise muss das jetzt wegen der Abstandsregeln übers Internet laufen. Und das kann ziemlich unterhaltsam sein.

Sabine und Marc sind die Gastgeber dieser Runde, gewissermaßen. Marc hat im vorigen Herbst erstmals selbst gekeltert. Sein Stöffche ist einer von zehn Kandidaten bei diesem „Tasting“. Das ist Englisch, kommt von „taste“, Deutsch: Geschmack. Schmecken soll es. Na, mal sehen. „Ich hab’ mir gesagt, wenn’s nichts wird, wird’s Apfelessig“, sagt Marc.

Zugeschaltet ist Niels, der die zehn Proben in Gläsern vor sich stehen hat. Mit dabei ist Daniela, die den ganzen Tag schon in Online-Meetings war, „aber in solchen ohne Apfelwein“. Startbereit sind auch Anke, Paula, Johann und Matthias, wobei Paula und Johann nicht mit-„tasten“ (minderjährig). Veronika und Jürgen sind zu sehen, aber nicht zu hören.

Zehn Kreationen

Die zehn Kreationen, die heute zur Wahl stehen, heißen: Bad Vilbeler Teufelszeug, Berger Wilde Birne, Hangelsteiner Edelstoff, MDM Äppler, Niederurseler Hang, Premiere neue Bäume, Sortenrein & Pur, Das Stöffche, Survival Meisterstöffche und tripleE – Eschter Eschershaamer Ebbler. Sie stammen von Äpfeln aus Lagen rund um Frankfurt bis in den Vogelsberg, und die Tester heute Abend kommen aus sechs verschiedenen Frankfurter Stadtteilen.

Und los. „Wir haben überlegt, wir probieren der Reihe nach, alle gemeinsam, und wir fangen mit der Nummer 1 an“, sagt Marc. So machen wir’s. Die meisten Teilnehmer füllen die Proben direkt aus den Fläschchen ins Glas, die die Leute vom Habel.elf gefüllt haben. 600 Fläschchen, jeweils zehn in einen Karton. 60 Taster insgesamt. Eine Energieleistung des Teams um Markus Schmid, 1. Vorsitzender der Turnerschaft.

Und? Wie schmeckt Nummer 1? „Die 1 schmeckt nach ’nem schönen, sauren Apfelwein“, sagt Marc. „Note 2.“ Die anderen wollen aber noch nicht benoten. „Ich muss erst mal alle durchtesten“, sagt Niels. „Die 2: sehr fruchtig.“ Daniela: „Die 2 spritzt beim Öffnen!“ Anke: „Die ist sprudelig.“ Tatsächlich: Nummer 2 moussiert ein wenig. Marc: „Flach im Abgang.“

So probiert die Runde fröhlich vor sich hin. Und immer fröhlicher. Sabine: „Die Mengen sind viel zu wenig.“ Erst jetzt stößt Paulina dazu. Sie muss zunächst mal den Vorsprung der anderen aufholen. Marc: „Oh, Nummer 3 schmeckt nach Birne.“ Anke: „Der schmeckt ja überhaupt nicht. Obwohl … der zweite Schluck …“ So erging es Generationen von Apfelweintrinkern. Am Anfang Entsetzen – spätestens nach dem zweiten Glas: schockverliebt.

60 Taste-Sets

Jürgen und Veronika sind jetzt auch zu hören. „Die 2 ist nix.“ Daniela: „Die 4: uääh! Überhaupt nicht mein Geschmack!“ Vorschlag von Paulina: „Wir probieren jetzt pur und später noch mal alle im zweiten Durchgang gespritzt.“ Sabine und Marc: „So viel haben wir nicht mehr übrig!“

Die 60 Taste-Sets, alle mit dem Logo „habel.elf apfel.wein.tasting“ stilecht bedruckt, waren ratzfatz weg. Man erzählt sich, einer, der kein Set mehr bekam, habe sich beim Momberger einen Dreiliterkanister von dessen Selbstgekeltertem besorgt und mache sich damit einen schönen Abend. Frankfurt und der Ebbelwei: Es ist was Ernstes.

Nummer 5 kommt allgemein gut an. Außer bei Veronika. „Ihr findet die 5 gut? Oh Gott!“ Paulina: „Bin schon bei Nummer 7. Der hat einen ganz essigen Geschmack.“ – „Der schmeckt gar nicht nach Apfelwein“, ruft jemand. „Das ist der erste, den ich gleich wegkippe.“ – „Welcher?“ Jetzt kommt die Software gar nicht mehr mit, die Sprechenden groß ins Bild zu schalten, so schnell jagt ein Urteil das nächste. Manchmal stürzt das Programm kurz ab. Dann sieht man eingefrorene Igitt-Gesichter. „Riecht wie ’ne Stahlgießerei, aber schmeckt ganz gut.“ Jemand spricht ganz offen über seine latente Angst, ein Spaßvogel könnte nicht Apfelwein zum Wettbewerb eingereicht haben, sondern eine Flüssigkeit, die sehr ähnlich aussieht.

„Es ist ein schmaler Grat zwischen Apfelwein und Apfelessig“, resümiert Niels. Am Ende entscheidet es sich unter drei oder vier Kandidaten. Die Nummern 2, 3, 5 und 6 sind heißeste Anwärter. „Die 3!“, krähen die Kinder frech in die Diskussion. Alle lachen. Nein, die Kinder haben nicht probiert. „Jürgen, in welchem Alter hast du deinen ersten Apfelwein getrunken?“, fragt Marc. „Mit 14“, sagt Jürgen. Und Daniela? „Ich weiß es nicht mehr.“

Die Online-Party klingt gesellig aus – ruckelig, aber lustig. Der Zaubertrank Apfelwein hat wieder einmal seine Mission erfüllt.

Die Siegerehrung wird wieder im Internet zu sehen sein: am heutigen Samstag, 23. Mai, um 20 Uhr unter dem Motto „Soul, Vinyl & drink.at.home“ auf der Zoom-Plattform und auf Youtube. Näheres unter www.habel-elf.com.

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