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Obdachlose

Durch die Nacht mit dem Kältebus: Obdachlose zwischen Bankentürmen und Kirchen

  • Stefan Simon
    VonStefan Simon
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Seit 15 Jahren fahren Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß nachts mit dem Kältebus durch Frankfurt, um nach obdachlosen Menschen zu schauen.

  • Sozialarbeiter:innen sind seit 15 Jahren mit dem Kältebus in Frankfurt unterwegs.
  • Obdachlose werden an ihren bekannten Plätzen in Frankfurt versorgt.
  • In den kalten Monaten leeren sich die Straßen von Frankfurt zunehmend.

Frankfurt - Mit langsamen Schritten nähern sich Johannes Heuser und Elfi Ilgmann-Weiß den Treppen zum Keller einer Kirche in Höchst. Der Zugang ist überdacht und mit einem Tor versperrt. Es ist stockdunkel. „Hallo? Ist da jemand?“, ruft Heuser hinunter. „Ja“, antwortet ein junger Mann, der auf den unteren Stufen der Treppe sitzt. Heuser und Ilgmann-Weiß leuchten mit ihren Taschenlampen auf ihn herab. „Brauchen Sie eine Decke oder eine Isomatte?“, fragt Heuser. „Oder einen Tee?“, ergänzt seine Kollegin. Dominik, so heißt der junge Mann, antwortet: „Ich brauche alles.“

Heuser und Ilgmann-Weiß gehen im Gleichschritt zu ihrem Transporter. Sie sind Sozialarbeiter:innen und fahren mit dem Kältebus seit 15 Jahren in den kalten Herbst- und Wintermonaten nachts durch Frankfurt, steuern bekannte Plätze von Obdachlosen an oder gehen Meldungen von Bürgerinnen und Bürgern nach. Jede Nacht legen sie rund 120 Kilometer zurück. Darüber hinaus koordinieren sie die nächtlichen Routen. Doch alleine sind sie nicht: Insgesamt sieben Sozialarbeiter:innen arbeiten für den Kältebus.

Elfi Ilgmann-Weiß kümmert sich um einen Obdachlosen, der an der Bushaltestelle am Bahnhof Rödelheim schläft.

Kältebus in Frankfurt: Sozialarbeiter:innen steuern bekannte Plätze von Obdachlosen an

Dominik stapft die Treppen hinauf, öffnet das Tor und grüßt freundlich. Er trägt eine schwarze Wollmütze und eine dunkelblaue Jacke. Er ist erst 18 Jahre alt. Eigentlich wohnt er bei seiner Mutter in Rödelheim. „Ich schaue nach meinen Vater. Er wohnt hier seit einem Jahr“, sagt er. Von dem Vater fehlt jedoch jede Spur. Auf seinem kleinen, gut versteckten Plätzchen liegt ein Haufen Bücher. „Es ist etwas unordentlich“, sagt er und blickt in den dunklen Himmel. Es tröpfelt. „Gut, dass ich ein Dach über dem Kopf habe.“ Ob er nur auf seinen Vater wartet oder doch hier wohnt, bleibt in dieser Nacht unbeantwortet. Die Sozialarbeiter:innen werden ihn in den nächsten Wochen im Blick behalten. Ilgmann-Weiß zieht die Augenbrauen zusammen. Sie kann sich an den 18-Jährigen erinnern. „Wir hatten mal versucht, ihn in einer Schule unterzubringen. Das war etwas schwierig.“

Eigentlich sind die Sozialarbeiter:innen nicht wegen Dominik zur Kirche gefahren, der sich mittlerweile wieder zwischen seinen Büchern und den Treppen eingenistet hat. Sie sind wegen einer Frau hier. Die 67-jährige Sozialarbeiterin und ihr Kollege laufen um die Kellertreppe herum an blauen Müllsäcken und Unrat vorbei. Heuser leuchtet auf einen etwa fünf Quadratmeter großen Bereich hinter der Kirche, zwischen Bäumen und Sträuchern. „Hier hat sich jemand wohl eingerichtet“, sagt er.

Kältebus für Obdachlose in Frankfurt: Temperaturen sinken weiter

Und tatsächlich: An einem Baum hängen zwei Lampions, dahinter steht eine Kommode, auf der ein Holzhase, der wie ein Nussknacker aussieht, elektrische Kerzen und eine Holzuhr in Form einer Eule platziert sind. Im Sekundentakt bewegen sich die Augen von links nach rechts. Selbst die Sozialarbeiter:innen staunen nicht schlecht, obwohl sie diesen Job seit vielen Jahren machen und wohl schon so einiges gesehen und erlebt haben. „Hier ist niemand“, sagt Ilgmann-Weiß schließlich. Die beiden ziehen ab.

Drei Stunden zuvor hat Heuser im Kältebus kontrolliert, ob genug Decken, Isomatten, Schokowaffeln zum Tee und Jacken vorhanden sind. Das Fahrzeug steht neben der Übernachtungsstätte am Ostpark. Ilgmann-Weiß kommt mit einer Kanne voll frisch aufgebrühten Früchtetees. Die beiden sind startklar. Es ist 19.30 Uhr, das Thermometer im Auto zeigt vier Grad an. Die nächsten Nächte sollen kälter werden.

Hilfe

Wer obdachlose Menschen nachts bei großer Kälte auf den Straßen sieht, wird gebeten, den Kältebus unter 069/ 43 14 14 zu informieren.

Die Initiativen „Helferfreunde Frankfurt“ und „Markus und seine Freunde auf der Straße“ verteilen am Donnerstag, 3. Dezember, Hunderte Weihnachtspakete an Bedürftige in Frankfurt. Verteilungen finden unter anderem im Tagestreff Weißfrauen und Bärenstraße statt sowie in der Sozialstation der Diakonie am Flughafen.

Weitere Informationen unter der Facebookseite: https://web.facebook.com/HelferfreundeFFM.

Kältebus in Frankfurt: Viele neue Obdachlose aus Südosteuropa

Der Kältebus rollt durch Bornheim, der Autor dieses Textes mit dem eigenen Auto hinterher. Normalerweise ist eine Mitfahrt im Bus möglich, doch nicht in Zeiten von Corona. Die erste Fahrt führt Heuser und Ilgmann-Weiß nach Eschersheim. Eine Anwohnerin hatte den Sozialarbeiter:innen mitgeteilt, dass ein Mann im Vorgarten der Kirche liegt. Ilgmann-Weiß und ihr Kollege laufen den Weg ab, doch Fehlanzeige – niemand da.

„Fahren wir mal zu unserem alten Bekannten nach Rödelheim“, sagt Heuser. Altbekannte Gesichter sehen die beiden oft. „Wir kennen die meisten. In den letzten Jahren sind viele Südosteuropäer hinzugekommen, vor allem aus Rumänien und Bulgarien“, sagt Heuser. Sie landen oft auf der Straße, weil sie keine Rechtsansprüche haben. Doch in diesem Jahr seien es etwas weniger als sonst. „Sie kommen in dieser Jahreszeit zum Flaschensammeln und Betteln wegen der Weihnachtsmärkte. Aber die fallen ja dieses Jahr aus.“

Der Großteil jener Obdachlosen, die trotz klirrender Kälte draußen blieben, seien psychisch erkrankt oder zumindest auffällig, sagt Heuser. „Die gehen ungern in geschlossene Räume oder sind Einzelgänger. Ab und an kommt dann doch mal jemand, wenn es sehr kalt wird.“ Dennoch kennt der 60-Jährige Obdachlose, die er noch nie in einer Übernachtungsstätte gesehen hat. „Der Eisenbahn-Reiner zum Beispiel. Der kommt nie.“

Kältebus in Frankfurt: 160 Obdachlose leben auf der Straße

160 Obdachlose leben nach Angaben der Stadt in Frankfurt auf der Straße. Doch in den kalten Nächten leeren sich auch vermehrt die Straßen. Heuser und sein Team treffen rund 80 Personen an. Etwa 100 Obdachlose übernachten nach Angaben des Sozialdezernats in der B-Ebene am Eschenheimer Tor. Im gesamten Stadtgebiet stehen 425 Schlafplätze zur Verfügung.

Der Kältebus erreicht den S-Bahnhof in Rödelheim und bleibt vor einer Bushaltstelle stehen. Ilgmann-Weiß geht auf einen Mann zu, der dort zusammengesunken im Sitzen schläft. „Hallo? Hören Sie mich?“ Keine Reaktion. Währenddessen ruft aus einem Fenster gegenüber der Haltestelle eine ältere Frau: „Lassen Sie den Mann in Ruhe!“ Die Sozialarbeiterin blickt auf und dreht sich zu ihr um. „Wir sind hier, um ihm zu helfen.“ „Na, dann ist ja gut“, entgegnet die ältere Frau und nickt zufrieden. Ilgmann-Weiß legt eine Decke über den schlafenden Obdachlosen. „Den kennen wir schon seit 20 Jahren. Er hat psychische Probleme, wenn er jetzt wach wäre, würde er uns erst mal ein paar Geschichten erzählen“, sagt sie.

Kältebus in Frankfurt: Viele Obdachlose sind den Sozialarbeiter:innen bekannt

Der Kältebus rollt weiter ins Westend. Die Bankentürme ragen über die Dächer der Stadt. Zwischen den Wohnhäusern am Beethovenplatz liegt auf einer Matratze unter dem Torbogen der Kirche ein Mann. Er wärmt sich mit einer Decke, die mit einem Löwen bestickt ist. Die Gotteshäuser scheinen ein beliebter Ort für Obdachlose zu sein. Heuser lacht: „Nein, so ist das nicht. Das ist heute nur Zufall.“

Der Obdachlose ist ebenfalls ein alter Bekannter. Die beiden kennen ihn seit 20 Jahren. Um ihn herum liegen Tüten, ein Rucksack und weitere Habseligkeiten. „Mir ist kalt“, sagt er. „Brauchen Sie eine Decke? Wollen Sie Tee?“, fragt Ilgmann-Weiß. „Nur Tee“, antwortet er. Die Sozialarbeiterin bringt ihm zwei Becher heißen Früchtetee. „Dann einen schönen Abend noch“, wünscht sie ihm. Der Obdachlose bedankt sich und mummelt sich tief in seine Decke ein.

Rubriklistenbild: © peter-juelich.com

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