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Christoph Mäckler hält nicht viel von Stadtpolitik in Sachen Architektur.
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Christoph Mäckler hält nicht viel von Stadtpolitik in Sachen Architektur.

Öffentliche Plätze

„Frankfurt droht eine Verödung der Innenstadt“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Der Frankfurter Architekt Christoph Mäckler spricht im Interview über die Wichtigkeit öffentlicher Plätze und eine gute Mischung aus Wohnen und Arbeiten.

Herr Mäckler, in den Zeiten der Corona-Pandemie gewinnt der öffentliche Raum besonders an Bedeutung. Würden Sie dieser These zustimmen?

Eindeutig. Der öffentliche Raum ist der soziale Raum unserer Demokratie. Da treffen sich die Menschen, da feiern sie, da demonstrieren sie. Der öffentliche Raum ist wichtiger als die Häuser, wichtiger als die Architektur. Und gerade jetzt in der Zeit der Corona-Pandemie ist es für die Menschen von großer Bedeutung, dass es öffentliche Räume gibt, in denen sie sich wohlfühlen. Wenn Sie nur eine kleine, beengte Wohnung haben, wissen Sie es sehr zu schätzen, dass es draußen einen schönen kleinen Platz gibt, wo Sie auf einer Bank sitzen können, einen Ort, den Sie gerne aufsuchen. Insbesondere in der Zeit der Pandemie.

Aber die Qualität des öffentlichen Raums gerade in den Innenstädten ist oft schlecht.

Im Jahr 2019 hat das Deutsche Institut für Stadtbaukunst eine Konferenz organisiert, bei der die „Düsseldorfer Erklärung“ beschlossen wurde. Diese Erklärung, mit der eine gute und dauerhafte Gestaltung von Häusern und Platzräumen sowie eine funktionale und soziale Vielfalt gefordert werden, hat neben über einhundert Baubürgermeistern aus ganz Deutschland auch unser Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef unterschrieben. Die Städte müssen kompakter werden und gleichzeitig eine Aufwertung der öffentlichen Plätze erfahren. In der Frankfurter Innenstadt muss viel mehr gewohnt werden, wir brauchen eine gute und funktionale Mischung von Wohnen und Arbeiten. Es gibt viel zu wenig Wohnen in der City. Aber die Innenstadt ist planungsrechtlich fast immer ein Kerngebiet, da dürfen keine Wohnungen entstehen. Das muss geändert werden.

Zur Person

Christoph Mäckler wurde am 17. April 1951 in Frankfurt am Main geboren. Er arbeitete schon während des Architekturstudiums in den Büros der großen Architekten Gottfried Böhm und O. M. Ungers. Er ist nicht nur als Architekt, sondern auch als Stadtplaner und Kritiker von Architektur und Städtebau hervorgetreten. 2008 gründete Mäckler in Dortmund das Institut für Stadtbaukunst, das seit 2020 in Frankfurt am Main angesiedelt ist.

Er war Vorsitzender des Gestaltungsbeirats für die neue Altstadt in Frankfurt. Zu den wichtigen Bauten , die er in Frankfurt entworfen hat, zählen die Hochhäuser Opernturm und Tower 185. Er ist der Architekt des neuen Deutschen Romantikmuseums, das 2021 eröffnet werden soll. Er konzipierte den Wiederaufbau der Alten Stadtbibliothek, in dem das Literaturhaus untergebracht ist, ebenso wie die Neugestaltung der Alten Brücke.

Wenn das nicht geschieht, was wird dann aus der City?

Es droht eine Verödung. Es wird nicht mehr lange dauern, dann werden viele Kaufhäuser an der Zeil schließen. Dann wird es dort sehr öde werden, weil wir eine Monostruktur zugelassen haben. Es gibt dort kein Wohnen mehr. Noch einmal: Wir brauchen eine soziale und funktionale Mischung in der Innenstadt.

Wie erreichen wir das?

Wir müssen die Zeil wieder zu einer normalen Straße machen – auch mit Autoverkehr. Ich weiß, wir haben darüber schon einmal gestritten. Aber die Zeil sollte wieder eine Straße mit zwei Fahrspuren werden. Mit breiten Bürgersteigen und dem heutigen Streifen mit Platanen in der Mitte. Heute dürfen Sie auf der Zeil nicht einmal mit dem Fahrrad fahren! Was ist denn die Zeil heute? Die Zeil ist nach Geschäftsschluss menschenleer und damit ein Angstraum. Wir setzen dort nachts massiv Polizei ein, um die Situation in den Griff zu bekommen. Tagsüber ist die Zeil heute im Grunde eine große Shoppingmall, nur ohne Glasdach. Aber diese Shoppingmalls gehören der Vergangenheit an, sie sind nach Geschäftsschluss alle öde und leer.

Was fordern Sie von der Politik?

Es muss dafür gesorgt werden, dass wir eine soziale und funktionale Mischung an der Zeil bekommen. An der Zeil muss gewohnt und gearbeitet werden, wie sie dies beispielsweise in der Braubachstraße haben.

Gerade abends wird ja auch deutlich, dass die Folge von Goetheplatz und Rathenauplatz öde und leer ist. Was muss dort geschehen?

Zunächst muss zwischen Goetheplatz und Rathenauplatz ein Gebäude entstehen, das diese beiden viel zu großen Plätze voneinander trennt. Die Fundamente für ein solches Bauwerk sind schon vorhanden. Man muss es nur noch bauen. Ein Gebäude mit Wohnungen und unten beispielsweise mit einem Café. Das ist der erste Schritt. Der zweite ist, dass dort vernünftige Bäume gepflanzt werden. Diese heutigen Hutzelbäumchen sind doch ein Witz! Der Goetheplatz lädt nicht zum Verweilen ein. Das hat auch mit der abweisenden Glasfassade des Büro- und Geschäftshauses an der Ostseite des Platzes zu tun. Diese Glasfassaden sind aber auch aus ökologischer Sicht absolut falsch, weil sie nämlich dazu führen, dass sich eine in Zeiten des Klimawandels ohnehin schon heiße Innenstadt noch weiter aufheizt, da diese Häuser nicht ohne Klimaanlagen auskommen. Unter diesem Gesichtspunkt können Sie an der Zeil die Hälfte aller Gebäude austauschen. Wir brauchen stattdessen normale befensterte Fassaden, in denen sich nicht alles spiegelt.

Fachleute beklagen ja die Monotonie der immer gleichen Fassaden gerade in der Innenstadt. Wie kommt es dazu, dass so viele Bauten entstehen, die sich ähneln?

Die Stadt kümmert sich zu wenig um architektonische Qualität. Sie sucht nicht die richtigen Architekten aus. Es gibt aber junge Architekturbüros in Deutschland, die wieder sehr gute Fassaden entwerfen. Die müssen nur eine Chance bekommen.

Befürworten Sie einen Gestaltungsbeirat für die Stadt, der sich um architektonische Qualität kümmert?

Ja, aber natürlich. Dass die Stadt einen Gestaltungsbeirat ablehnt, ist nicht nachvollziehbar. Wie in anderen Städten auch braucht es einen Gestaltungsbeirat, der dafür sorgt, dass sich ein Gebäude in seine Umgebung einfügt, dass es Rücksicht nimmt auf den Ort und seine Umgebung.

Das neue Gebäude auf dem früheren Gelände der Frankfurter Rundschau, Ecke Große Eschenheimer Straße und Stiftstraße, wirkt wie ein Ufo aus einer fremden Galaxie.

Dieses Gebäude auf dem historischen Stammgelände der Frankfurter Rundschau geht in keiner Weise auf seine Umgebung ein. Das hat die Stadt leider nicht verhindert. Die Stadt, aber auch der Bund kümmern sich viel zu wenig um Baukultur. Ein vernünftiger Gestaltungsbeirat, in dem auch die Vertreter der politischen Parteien sitzen, führt schon durch seine Existenz zu mehr Bewusstsein für den öffentlichen Raum der Stadt.

Auch die Qualität der Plätze Hauptwache und Konstablerwache lässt sehr zu wünschen übrig. Was muss dort geschehen?

Städtebau ist eine Arbeit, die man sowohl langfristig als auch kurzfristig angehen muss. Langfristig muss die Stadt dafür sorgen, dass sie Bauland behält oder wieder in die Hand bekommt, um auf die Gestaltung der Stadt Einfluss nehmen zu können. Sie muss eine Bevorratung von Bauland betreiben. Kurzfristig muss man Plätze wie die Konstablerwache oder den Roßmarkt wieder in Ordnung bringen und für die Bürger attraktiv gestalten, so dass sie sich dort gerne aufhalten. Das tut die Stadt nur leider nicht.

Was muss geschehen, damit aus der Hauptwache wieder ein guter Platz wird?

Das Erste ist, dass das große Loch zur S- und U-Bahn-Station geschlossen wird, damit überhaupt wieder eine Platzoberfläche entsteht. Die Zugänge zur B-Ebene sollten neu gestaltet werden. Dann ist es immer hilfreich, sich anzuschauen, wie der Platz früher ausgesehen hat. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte die Hauptwache als Platz eine völlig andere Raumform. Das Gebäude der Kaufhof-Sportarena hat den Platz zum Roßmarkt hin abgeschlossen. Man sollte über diese räumliche Fassung der Hauptwache nachdenken. Dann muss die Versiegelung der gesamten Hauptwache durch diesen aseptischen Plattenbelag weg. Stattdessen könnte man schon aus ökologischen Gründen eine wassergebundene Platzfläche anlegen. Das Schillerdenkmal, das früher auf der Hauptwache stand und dem Platz Charakter verlieh, sollte dort wieder aufgestellt werden wie auch der Hermesbrunnen am Rathenauplatz.

Seit Jahrzehnten wird auch über die Aufwertung der Konstablerwache diskutiert, ohne dass etwas geschehen ist.

Die Konstablerwache funktioniert als Wochenmarkt perfekt. Hätte der Platz etwas mehr Schönheit, würde er zu einem Marktplatz werden, auf dem man auch gerne verweilt. Man könnte auf der Plattform des Platzes beispielsweise eine zweigeschossige Bebauung als Ring ringsherum setzen, in der Verkaufsstände untergebracht sind. Denken Sie an den Viktualienmarkt in München. Der hat eine solche Marktbebauung. Darüber würde gewohnt. Das Problem bei der Konstablerwache sind auch die Fassaden der umstehenden Gebäude, die sind eine Katastrophe. Man müsste die Platzfassaden einiger Häuser neu anlegen. Um einen Anreiz für private Investoren zu schaffen, könnte die Stadt ihnen erlauben, um ein bis zwei Geschosse höher zu bauen. Die Randbebauung ist an einigen Stellen zu niedrig. Dazu braucht es Mut. Aber auch hier gilt leider: Unserer Politik fehlt der Mut.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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