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Das jahrelange Leben zwischen Couch, Straße und Elternhaus habe ihn reifer, erwachsener und empathischer gemacht, sagt er.  

Reportage

Drogensucht und Obdachlosigkeit - Die unsichtbaren Jugendlichen von Frankfurt

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Als Sofahopper pendelt ein heute 20-Jähriger sechs Jahre lang von Couch zu Couch oder lebt auf den Straßen Frankfurts. Dann bekommt er endlich Hilfe.

  • Obdachlose Jugendliche konsumieren häufig Drogen
  • Vielen sieht man ihre Situation nicht an
  • Es gibt in Frankfurt Hilfe für die jungen Menschen in Not

Sechs Jahre lang zieht Daniel planlos durch die Straßen Frankfurts, kommt bei Bekannten unter oder schläft bei seinen Eltern. Er lernt das Leben im Schatten der Glitzerfassaden der Bankentürme kennen. „Du bist nachts an Orten, an denen du nicht sein willst.“

Daniel, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, hatte Streit mit seinen Eltern, wie so oft. Er packt seine Sachen und geht. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass er von zu Hause abhaut. Daniel ist 12 oder 13 Jahre alt, so genau weiß er es nicht mehr. Der heute 20-Jährige war jahrelang ein Sofahopper.

Jugendlicher Obdachloser in Frankfurt: Unter Erwartungsdruck gelitten

Beim Gespräch in der Frankfurter Zweigstelle der Sozialarbeiterinnen von Off Road Kids trägt Daniel einen schwarzen Pulli, seine dunklen Haare hat er zurückgegelt, die Seiten sind abrasiert. Meistens kommen Sofahopper wie Daniel bei Freunden oder Bekannten unter und ziehen von Couch zu Couch. Weil sie nicht direkt auf der Straße leben, tauchen sie in Obdachlosen-Statistiken nicht auf. Sie gelten als verdeckt obdachlos und akut gefährdet, völlig auf der Straße zu landen. Wie minderjährige Straßenkinder und junge volljährige Obdachlose gelten Sofahopper als entkoppelte junge Menschen, schreibt die Stiftung Off Road Kids auf ihrer Webseite, die bundesweit als einzige Organisation Sofahopper berät.

Das Deutsche Jugendinstitut DJI schätzt die Anzahl entkoppelter junger Menschen auf bundesweit 37 000. Daniel war lange Zeit einer davon. „Meine Eltern verlangten von mir, dass ich mich anpasse, keinen Stress und einen guten Schulabschluss mache. Aber ich hatte meinen eigenen Kopf“, sagt er. Ganz anders als seine zwei Jahre ältere Schwester. Daniel leidet unter den Erwartungsdruck seiner Eltern. „Ich fühlte mich nicht von ihnen geliebt“, sagt er. Er rebelliert „gegen ihr System“.

Jugendliche in Frankfurt: Harte Drogen mit 16 Jahren

Daniel ist 16 Jahre alt, als er anfängt, härtere Drogen zu konsumieren: Ecstasy, diverse Pillen, Speed, Kokain, Heroin, Crack. Es sollte die schlimmste Zeit in seinem Leben werden. Die Drogen geben ihm die Wärme, die Geborgenheit, die er zu Hause nicht hat. „Viele nehmen Drogen auf der Straße. Du triffst Menschen, die so fühlen wie du. Das verbindet.“ Er weiß, dass Drogen ihm nicht gut tun. Doch das Ausmaß ist ihm damals nicht bewusst. Er sagt oft, dass die Gesellschaft wegschaut, dass die Obdachlosigkeit und der Drogenkonsum in Frankfurt ein Problem sind, weil die Gesellschaft sich nicht für Menschen wie ihn interessiert. Dass Frankfurt als Vorreiter in der Drogenhilfe gilt, weiß Daniel nicht.

Doch kann man das von einem 20-Jährigen erwarten, dessen Leben sechs Jahre lang völlig aus den Fugen war? „Die Menschen haben nur dieses eine Bild von Obdachlosen im Kopf, von ungepflegten Leuten, die auf der Straße rumliegen.“ Ihm habe man das nicht angesehen. Daniel sagt, dass er immer gepflegt war und saubere Kleidung trug. „Ich bin damit ja nicht alleine, die wenigsten entsprechen dieser Vorstellung.“ Man könnte auch sagen, Menschen wie Daniel sind unsichtbar in Frankfurt. „Man fühlt sich ganz unten und nicht als Teil der Gesellschaft“, sagt er.

Obdachlosigkeit und Drogenkonsum in Frankfurt

Diese Zeit habe ihn „härter, selbstbewusster, erwachsener und reifer“ gemacht. Er sei auch empathischer geworden, weil er weiß, wie sich Obdachlose fühlen. Diese Worte, sie bleiben hängen. Wenn Daniel vor einem sitzt, dann sitzt da kein 20-Jähriger. Er ist ruhig und zurückhaltend. Er ist sehr konzentriert und redet mit gelassener Stimme. Daniel bleibt während des Gesprächs über fast regungslos, kein Zittern in der Stimme, keine Tränen.

Während seiner schlimmsten Zeit, im Jahr 2016, ist Daniel das gesamte Jahr über fast nie zu Hause. Und wenn er mal zu Hause ist, sehen seine Eltern nicht, wie high ihr Sohn ist. Vielleicht haben sie es verdrängt, denkt Daniel. Dennoch sagt er: „Wie konnten sie das nicht erkennen?“ Als seine Schwester über Bekannte erfährt, dass ihr Bruder drogenabhängig ist, informiert sie die Schule, die wiederum meldet sich bei Daniels Eltern.

Erst jetzt reagieren sie. Daniels Vater, Onkel und ein Bekannter klappern mit ihm mehrere Kliniken ab; erst eine Klinik in Niederrad nimmt den damals 18-Jährigen auf. Daniel verbringt einen Monat in der geschlossenen Psychiatrie. Suchttherapie, Entzug, das volle Programm. Nach der Suchttherapie ist seine Familie für ihn da. Sie fahren in den Urlaub in die Türkei. Seine Eltern schenken Daniel einen Kater. „Er bedeutet alles für mich. Er ist mein Freund, mein Baby. Er hilft mir sehr. Unsere Verbindung ist sehr stark“, sagt er. Das Gefühl, dass seine Familie nach so vielen Jahren für ihn da ist, für ihn sorgt, sich für ihn interessiert: Es ist das Gefühl, das Daniel immer haben wollte.

Frankfurt: Professionelle Hilfe für jugendliche Obdachlose wichtig

„Du kannst es schaffen, da rauszukommen, aber ohne die Familie, Freunde und professionelle Hilfe klappt das nicht.“ Das Problem sei, dass die meisten Sofahopper kein Vertrauen in die Behörden hätten. Als Daniel 18 ist, sucht er Hilfe beim Jugendamt. Doch die schicken ihn weiter zum Jobcenter. Weil Daniel ein junger Volljähriger ist und nicht minderjährig, ist das Jugendamt nicht verpflichtet, ihm zu helfen.

Er hätte sagen müssen, dass er pädagogischen Bedarf benötigt. So ist es gesetzlich geregelt. „So junge Leute können das kaum selbst herausfinden. Sie brauchen professionelle Hilfe“, sagt Dvora Leguy, Sozialarbeiterin bei Off Road Kids und Betreuerin von Daniel. Diese Hilfe suchte Daniel und stieß durch Zufall auf die Sozialarbeiterinnen.

Heute pendelt Daniel nicht mehr zwischen Elternhaus, Sofas und Straße. Er hat seinen Drogenkonsum gut im Griff, geht regelmäßig zur Therapie und hat seinen Realschulabschluss. Seit zwei Jahren wohnt er wieder bei seinen Eltern. Er will eine kaufmännische Ausbildung absolvieren und in eine WG ziehen. „Die Leute müssen meine Geschichte lesen“, sagt er. „Sie ist stellvertretend für viele andere. Diese Leute brauchen Hilfe, denn es kann ein Happy End geben. Schau mich an.“

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