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Frankfurt: Drei Frauen mit einer großen Vision

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Von: Timur Tinç

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Sabine Schmitt, Harpreet Cholia, Maria Maris (von links) wollen in der Antidiskriminierungsstelle viel bewirken. Christoph Boeckheler
Sabine Schmitt, Harpreet Cholia, Maria Maris (von links) wollen in der Antidiskriminierungsstelle viel bewirken. Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Harpreet Cholia, Maria Maris und Sabine Schmitt arbeiten seit 1. September in der Frankfurter Antidiskriminierungsstelle und wollen sich mit viel Energie für eine diskriminierungsfreie Stadt einsetzen.

Harpreet Cholia (38), Maria Maris (50) und Sabine Schmitt (55) haben eine Vision: Frankfurt soll eine diskriminierungsfreie Stadt werden. Am 1. September haben die drei Frauen in der neugeschaffenen Stabsstelle für Antidiskriminierung, die im Dezernat von Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg (Grüne) angesiedelt ist, ihre Arbeit aufgenommen. „Wir sehen uns als eine Stelle, die andere Ämter und Dezernate unterstützt“, sagt Leiterin Cholia. Es gibt große Erwartungen. Die Antidiskriminierungsstelle ist in dieser Form in der Bundesrepublik einmalig. Zudem wird ab dem 1. Januar die Ombudsstelle ihre Arbeit aufnehmen, die im Amt für multikulturelle Angelegenheiten untergebracht und über konkrete Beschwerden über Diskriminierung beraten wird.

Die Stabsstelle wird eng mit der Ombudsstelle zusammenarbeiten, ist aber in erster Linie für die politischen Strategien und Netzwerkarbeit zuständig. „Wir haben den Anspruch, viel zu bewegen“, sagt Cholia. In den ersten zwei Monaten sind Cholia, Maris und Schmitt zunächst in die Konzept- und Recherchearbeit eingestiegen. Welche Projekte gibt es bereits? Was für Aufträge ergeben sich aus dem Koalitionsvertrag? Welche Themen können sie selbst anstoßen? „Es gibt viele Missstände in der Gesellschaft, und die Gewaltbereitschaft hat zugenommen“, sagt Cholia, in Frankfurt in den vergangenen Monaten insbesondere gegen queere Menschen.

„Die gestiegenen Angriffe in ganz Deutschland auf Flüchtlingsheime hat mich in die 90er Jahre zurückversetzt“, sagt Schmitt. Angesichts der aktuellen Krisen und Ängste habe sie bei Menschen einen Rückzug in ihre eigenen Communities festgestellt, um dort Sicherheit zu finden. „Wir müssen uns fragen, wie wir der Entfremdung entgegenwirken können“, sagt Schmitt. Maria Maris ergänzt, dass es auch einige Gruppen gebe, die Rassismus verleugneten und ihn selbst schürten, und nannte als Beispiele die AfD oder die Querdenkerszene.

„Wir brauchen eine konstruktive Streitkultur“, findet Maris. Wichtig sei es, den Menschen die Angst zu nehmen und sie nicht abzustempeln. Das gelte insbesondere für Menschen, die in Institutionen arbeiteten, in denen es strukturellen Rassismus gebe, „meistens in Ämtern mit einer gewissen Hebelwirkung, die Landes- und Bundesrecht umsetzen“, sagt Maris. Die Verwaltungsangestellten seien nicht per se rassistisch. Es gebe zwar auch Diskriminierungen, aber manchmal liege es auch an den Gesetzen. Geplant sind unter anderem Fortbildungen für die mittleren und oberen Führungsebenen in der Verwaltung, damit diese als Multiplikatoren für ihre Mitarbeitenden wirken können. Schmitt ergänzt, dass eine Frage sei: „Was brauchen Menschen auf der Arbeit an Empowerment, um sich sicher zu fühlen, anerkannt, akzeptiert und angenommen sein?“ Die drei Frauen wollen Lust entfachen, an den Kampagnen teilzunehmen, da es sich um gute Ziele handele, die auch für die Teilnehmenden einen Mehrwert hätten.

Alle drei Frauen waren sowohl in der Beratung, als auch in der politischen Bildung aktiv und haben Wurzeln in der Wissenschaft. „Wir brauchen Leitplanken von Gesetzen, um den Finger drauflegen zu können“, sagt Schmitt. „Wir wollen nicht mehr und nicht weniger, als dass diese Rechte zum Einsatz kommen.“ Die 55-Jährige, die aus dem Saarland stammt, hat in Frankfurt soziale Arbeit an der Fachhochschule studiert. Antirassistische, antifaschistische und feministische Themen haben sie in ihrer Studienzeit geprägt und für solche Themen hat sie sich außerparlamentarisch politisch engagiert.

In den 1990er Jahren hat sie vier Jahre in der Drogenarbeit gearbeitet. Anschließend hat sie eine Weiterbildung zur Projektfachfrau Internet- und Webdesign gemacht und hatte später eine eigene Beratungsfirma im Bildungsbereich. Sie ging wieder zurück in die Sozialarbeit zum Bildungsverein Kubi, der mittlerweile eine gemeinnützige Gesellschaft ist. Dort leitete Schmitt ab 2012 die Jugendhilfe in Schulen, wo es um Kinderschutz, Kinderrechte, interkulturelles Lernen und Lebensplanung ging. Später, als sich eine Welle von Jugendlichen der Terrororganisation „Islamischer Staat“ angeschlossen haben, hat sie politische Bildungsprogramme aufgesetzt.

Maria Maris ist in Rumänien geboren und lebt seit rund 20 Jahren in Frankfurt. An der Goethe-Universität hat sie Erziehungswissenschaft studiert und ist dann in die Antisemitismusforschung gegangen. Danach landete sie im Schulwesen, in einer Förderschule für lernbeeinträchtigte Kinder, dazu kam die psychosoziale Betreuung von mehrfach benachteiligten Menschen. Zuletzt arbeitete sie in einer Sozialberatungsstelle mit Rom:nja und Sinti:zee aus Rumänien. Maris wird sich in der Antidiskriminierungsstelle insbesondere um das Thema Antiziganismus kümmern.

Harpreet Cholia ist als Tochter indischer Eltern in London geboren worden und vor 14 Jahren nach Deutschland gekommen. Sie hat an der Goethe-Universität im Fachbereich Soziologie mit dem Schwerpunkt städtische, geschlechtsspezifische und rassifizierte Praktiken von Postmigrant: innen in Großbritannien promoviert. Dann ist sie im Stadtteil Gallus bei der Migrantenselbstorganisation eingestiegen und hat das Projekt Kulturbrücke geleitet. Die Liste der weiteren Aktivitäten ist lang: Vorsitzende des Hessischen Flüchtlingsrats, Dozentin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Darmstadt, Arbeit bei der Beratungsstelle „Response“ für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt, Bereichsleiterin für Diversität und Demokratie bei der Gemeinnützigen Frankfurter Frauen-Beschäftigungsgesellschaft (GFFB), Engagement für die Bildungsinitiative Ferhat Unvar. Und das ist bei weitem nicht alles.

„Ich bin mittlerweile stolze Frankfurterin“, sagt Cholia. Ihre Energie will sie nun bei der Antidiskriminierungsstelle einbringen und etwas bewegen. Gerade beim Thema LGBTIQ sind die drei Frauen schon mittendrin in der Arbeit. Ende November werden sie an einer Gesprächsrunde mit Aktivist:innen aus der queeren Szene und der Polizei teilnehmen. Neben den Institutionen will die Stabstelle auch Ehrenamtlichen ihre Unterstützung anbieten. Ein Fachbeirat Antidiskriminierung mit verschiedenen Akteur:innen gibt es als Idee. „Wir wollen den solidarischen Zusammenhalt in der Stadt durch Partizipation stärken“, sagt Maris. Dazu gehöre auch eine Erinnerungskultur und Geschichtsaufarbeitung – unter anderem auch die der Gastarbeiter:innen und aktuelle Themen, wie den Anschlag von Hanau.

Ganz wichtig ist Harpreet Cholia auch das Monitoring und das Qualitätsmanagement der eigenen Arbeit. Dazu soll es Kooperationen mit der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geben, aber auch Austausch mit anderen deutschen und internationalen Städten. Kürzlich war eine Delegation aus der Stadt Toronto in Frankfurt, mit der es künftig gemeinsame Projekte geben soll. Es sollen Fachtage und Fachwochen zu verschiedenen Rassismusthemen durchgeführt werden.

Kurzum: Harpreet Cholia, Maria Maris und Sabine Schmitt haben sich viel vorgenommen, um dafür zu sorgen, dass Frankfurt diskriminierungsfrei wird.

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