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Polizeibeamte fordern Drogenkonsumenten vor dem Druckraum in der Niddastraße auf sich zu entfernen.

Diskussion

Wie sieht die zukünftige Drogenpolitik aus?

  • Stefan Simon
    vonStefan Simon
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Die CDU will sich am Züricher Modell orientieren. Andere melden Kritik an. Derweil hat die Corona-Krise die Situation Drogensüchtiger verschärft.

Gabi Becker, die Leiterin der „Integrativen Drogenhilfe“, konnte sich kaum noch auf ihrem Stuhl halten, als Benjamin Wiewiorra, Polizist und CDU-Politiker, ein Loblied auf die Züricher Drogenpolitik sang. „Zürich hat eine vergleichbar große Szene wie Frankfurt. Wir können das Modell von Sip Züri auch in Frankfurt umsetzen“, sagte er. Doch Becker widersprach: „In Zürich sind keine Sozialarbeiter auf der Straße und die machen auch keine aufsuchende Sozialarbeit. Für Sip Züri sind 65 Mitarbeiter allein für den öffentlichen Raum zuständig.“

Die beiden diskutierten am Donnerstagabend per Videoschaltung über Drogenpolitik. Die CDU hatte unter dem Titel „Junkies. Dealer. Polizei. Frankfurter Drogenpolitik auf dem Prüfstand“ eingeladen. Mit dabei waren außerdem Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) und Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) sowie über 100 Zuhörer und Zuhörerinnen.

Die Diskussion drehte sich um mehrere Bereiche der Drogenpolitik, wie etwa den Vorschlag der CDU, den Frankfurter Weg durch das Züricher Modell zu erweitern. In Zürich arbeiten Sozialarbeitende und Pflegende in „SIP“-Teams – das steht für Sicherheit, Intervention, Prävention. Sie sprechen Drogenkonsumierende an, weisen sie auf Konsumräume hin und unterbinden den offenen Drogenkonsum.

Schweiz hat andere Rahmenbedingungen

Die Idee von Sip Züri findet Becker ja nicht per se schlecht. Die Schweiz habe aber andere Rahmenbedingungen. „In Frankfurt ist beispielsweise der Wohnraum angespannter“, sagt sie. „Solange wir Menschen haben, die keine Wohnung finden, wird für die, die nachkommen, kein Platz gemacht. Da stoßen wir an Grenzen.“

Die Situation im Bahnhofsviertel sei generell desolat, sagte Frank. „Durch den Lockdown wurde das Elend der Drogensüchtigen noch sichtbarer. Der Frankfurter Weg verbessert die Situation für Betroffene systematisch, aber wir brauchen mehr Ressourcen, um den Menschen effizienter zu helfen.“ Das Züricher Modell sei vielversprechend.

Die Situation sei schwierig, aber die Hintergründe seien unterschiedlich, sagte Majer. „Die Plätze in den Einrichtungen mussten drastisch reduziert werden. Gleichzeitig wurden Drogensüchtige aus Gefängnissen und stationären Einrichtungen sowie psychiatrischen Kliniken entlassen. Die gingen alle ins Bahnhofsviertel.“ Der Platz für die Drogenabhängigen ist enger geworden, seitdem in den vergangenen Jahren Hotels und mehr Wohnungen im Viertel entstanden. „Gleichzeitig haben wir in den letzten Jahren durch Crack eine schwierige Situation.“

Gabi Becker stimmte Majer zu und ergänzte: „Die Situation für diese Menschen ist dramatisch. Aus ihrer Sicht ist das Bahnhofsviertel ihr Zuhause.“ Des Weiteren seien sie nicht das Problem. Hinzu kämen Prostitution, Spielhallen, Gastronomie und der Partytourismus.

Ein weiterer Streitpunkt war die Priorisierung seitens der CDU für Frankfurter Drogensüchtige. Zwei Drittel kämen nicht aus der Stadt. „Wir verfolgen einen humanitären Ansatz, aber es kann nicht sein, dass andere Städte sich nicht um die Menschen kümmern“, sagte Frank.

Die Konsumierenden kämen in die Stadt, weil sie „hier ihren Stoff kaufen können“. Außerdem gelte die Freizügigkeit für alle Menschen.

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