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Er hält kleine Buchhandlungen für das richtige Überlebenskonzept: Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, im Haus des Buches in Frankfurt.  

Interview

Direktor der Frankfurter Buchmesse: „Wir nutzen Ökostrom und bieten essbare Strohhalme“

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Juergen Boos, Direktor der Buchmesse Frankfurt, verteidigt die größte Medienschau der Welt in Zeiten des Klimawandels. Vier rechte Verlage kommen.

Juergen Boos, geboren am 9. Mai 1961 in Lörrach, ist seit April 2005 Direktor der Frankfurter Buchmesse. Zuvor hatte der gelernte Buchhändler Führungspositionen bei Verlagen wie Droemer Knaur und Hanser inne. 

Herr Boos, sprechen wir über die Ökobilanz der Frankfurter Buchmesse. Unzählige Flüge, um nach Frankfurt zu kommen, unzählige Autofahrten – ist das nicht völlig unzeitgemäß?
Wir müssen die Buchmesse jetzt gerade erst recht machen. Für viele Menschen aus 150 Ländern ist sie die einzige Möglichkeit, sich zu treffen. Es ist besser, sich einmal im Jahr in Frankfurt zu treffen, wenn alle da sind, als zu einzelnen Terminen nach Paris, Peking oder London zu fliegen. Nach Frankfurt geht man, weil alle da hingehen. Alle Sparten sind vertreten. Seit Jahren sind die Repräsentanten der Filmbranche auch da, in diesem Jahr spielt das Streaming eine große Rolle. Ökologisch lässt sich die Buchmesse verteidigen. Im Übrigen: Die Kolleginnen und Kollegen aus England kommen alle mit dem Zug, keiner fliegt mehr.

Die fahren durch den Eurotunnel?
Ja. Da gibt es Sonderangebote. Der Frankfurter Flughafen ist ja ohnehin überlastet.

Wie fällt denn die Ökobilanz der Buchmesse genau aus?
Wir sind ziemlich weit. Wir haben schon vor Jahren damit begonnen, Ökostrom zu nutzen, also Strom aus erneuerbaren Energien. 2020 werden wir komplett umstellen. Wir bieten essbare Strohhalme an. Wir forcieren die Müllvermeidung. Die Messestände sind sehr viel ressourcenschonender als früher und länger haltbar. Sie sind wiederverwertbar.

Die Buchmesse spiegelt die Bewegung gegen den Klimawandel in ihrem Bereich Weltempfang unter dem Titel „Anthropozän – das letzte Zeitalter?“ wider.
Ich habe mich zunächst sehr schwergetan, als dieser Titel aufkam, weil er schwer verständlich erscheint. Er beschreibt ja, dass es eine Zeit ist, in der der Mensch im Mittelpunkt steht. Mittlerweile ist diese Diskussion aber allerorten präsent.

Wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie, dass wir tatsächlich das letzte Zeitalter erleben?
Ich bin ja auch Science-Fiction-Fan. Insofern glaube ich nicht, dass dies das letzte Zeitalter ist. Es gibt unendlich viele Entwürfe menschlichen Lebens. Aber es ist ganz klar, dass der Klimawandel gegenwärtig das wichtigste Thema überhaupt ist. Neben dem politischen Kampf gegen Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit.

Sie bieten als Buchmesse ein großes Diskussionsforum über den Klimawandel. Sie holen Umweltschützer und Klimaaktivisten wie etwa Lisa Neubauer aufs Podium.
Ja, in unserem Bereich Weltempfang steht die Ökologie im Vordergrund. Aber auch das Auseinanderdriften der Gesellschaft ist für uns ein großes Thema.

Das Auseinanderdriften in Arm und Reich?
Ja, sicher. Dort gilt und auch beim Klimawandel gilt: Das können wir nicht mehr national isoliert diskutieren. Das muss global betrachtet werden. Das ist die neue Qualität.

Das gab es in den 80er Jahren auch, als die Friedensbewegung die Menschen erfasste.
Aber der Klimawandel ist wirklich ein Thema, das tatsächlich die gesamte Menschheit betrifft. Wir müssen jetzt handeln. Und es geschieht ja auch etwas. Ich nehme nur mal als Beispiel, dass die Plastiktüten zurückgedrängt werden und an Bedeutung verlieren.

Die Buchmesse stellt auch wieder den Kampf für die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit heraus. Sie rufen zu einer Solidaritätsaktion mit den Menschen in Hongkong auf, bei der sich alle Messebesucher mit aufgespannten Regenschirmen auf der Agora, dem Messemarktplatz, versammeln sollen.
Ja, wir planen eine Mahnwache. Aber es geht um mehr. Mit Norwegen haben wir in diesem Jahr einen Ehrengast, der sich drei Ziele gesetzt hat. Einmal natürlich die Autorinnen und Autoren in den Mittelpunkt zu stellen. Das zweite große Ziel ist es, Leseförderung zu betreiben. Die norwegische Kronprinzessin Mette-Marit kommt mit einem Sonderzug in Frankfurt an, in dem nicht nur Autorinnen und Autoren mitfahren, sondern auch Schülerinnen und Schüler. Und das dritte große Thema Norwegens ist die Meinungsfreiheit: Freedom to publish. Norwegen ist in der weltweiten Bewertung auf Platz eins, was die Pressefreiheit betrifft.

Zum ersten Mal hat Norwegen auch die Buchhandlungen in den Gastlandauftritt einbezogen.
Ja, das hat der Projektleiter Halldor Gudmundsson initiiert. Deutsche Buchhändler wurden eingeladen, nach Norwegen zu kommen. Und die Buchmesse hat gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Buchausstellung im norwegischen Lillehammer organisiert. Außerdem verlosen die Norweger Teile ihres Gastlandpavillons dann unter deutschen Buchhandlungen, so dass der Geist von Norwegen dann hierzulande weiterlebt.

Die Frankfurter Buchmesse ist größte Schau für Bücher und andere Medien weltweit.

7200 Verlage aus mehr als 100 Ländern werden vom 16. bis 20. Oktober auf dem Frankfurter Messegelände erwartet.

10 000 Medienvertreter wollen vom Geschehen berichten.

280 000 Besucher werden bei der Buchmesse erwartet.

Von Mittwoch bis Freitag sind nur Fachbesucher zugelassen, am Samstag und Sonntag öffnen sich die Tore auch für das allgemeine Publikum.

Am Samstag, 19. Oktober, und Sonntag, 20. Oktober, können in der Messe Bücher und Medien gekauft werden. jg

Die Buchhandlungen behaupten sich nach wie vor in Deutschland?
Die Situation ist kompliziert. Es gibt nach wie vor eine starke Konsolidierung. Die Zahl der Buchhandlungen sinkt. Wer aus Altersgründen aufgibt, findet oft keinen Nachfolger. Bei den großen Buchhandelsketten gibt es einen Paradigmenwechsel. Vor Jahren waren noch große Buchhandlungen mit bis zu 7000 Quadratmetern das Ziel. Hugendubel in Frankfurt hat 4500 Quadratmeter.

Ich kann mich noch erinnern, als Hugendubel in den 90er Jahren nach Frankfurt kam und dafür die Buchhandlung Kohl am Roßmarkt schließen musste.
Das habe ich miterlebt. Das war meine erste Begegnung mit dem Buchhandel. Heute geht der Trend zu kleineren Buchhandlungen mit maximal 600 bis 700 Quadratmetern. Der Buchhandel wird bestehen bleiben, aber er wandelt sich.

Ist das die richtige Strategie, in die kleinen Einheiten zu gehen mit Stammpublikum?
Ich glaube schon. Intensive Beratung bekommst du nur in den Buchhandlungen. Die literarischen Verlage schließen sich seit zwei Jahren sehr eng mit den Buchhandlungen zusammen.

Das ist die Überlebensstrategie?
Ja. Bei den kleinen und mittelständischen Buchhandlungen führt das sogar zu Wachstum. Aber andere fallen aus dem Markt, wenn sie zu große Flächen und zu teure Mietverträge haben.

Die Buchmesse stellt sich den technischen Veränderungen. Ein großer neuer Themenbereich ist Audio, wo es um Hörbücher und Streaming geht.
Das Hörbuch ist ja eine alte Entwicklung, es hat in Deutschland einen Marktanteil von fünf Prozent erreicht, mehr nicht. Jetzt ist Streaming da, ein weltweites Phänomen. Viele fangen an, Podcasts zu hören. Ein großes Wachstumsthema, die Frankfurter Buchmesse hat die Vorreiterrolle.

Sie geben auch dem Selfpublishing unter dem Namen „Frankfurt Authors“ mehr Raum.
Das hat sich auch sehr verändert. Früher gab es das Selbstveröffentlichen aus Eitelkeitsgründen. Jetzt hat sich das professionalisiert. Das müssen wir darstellen. Die Selfpublisher werden auch für die Agenten und Rechtehändler interessant.

Das ist das wirtschaftliche Herz der Frankfurter Buchmesse. Der Rechtehandel ist weiter gewachsen.
Wir mussten mit dem Literarischen Agentenzentrum in die Festhalle umziehen, wo wir 332 Agenturen und 800 Händlerinnen und Händler haben. Es gibt neue Märkte. Sogar in den USA wächst die Zahl der Übersetzungen aus dem Ausland ein wenig, früher war das eine totale Einbahnstraße in die andere Richtung.

Spielen die rechten Verlage in diesem Jahr eine Rolle?
Die üblichen Verdächtigen sind gekommen. Vier von mehr als 7200 Verlagen.

Wieder in einer Sackgasse platziert wie im vergangenen Jahr?
Ja. Das ist in erster Linie der Sicherheit geschuldet. Ich will nicht von einer Normalisierung der Situation sprechen.

Aber muss die Buchmesse rechte Verlage zulassen?
Ich bleibe bei meinem Standpunkt: Wir müssen dieses Spektrum zulassen. Es wird immer Streit um die Teilnahme einzelner Verlage und einzelner Länder geben. Schon wegen der problematischen Menschenrechtssituation. Ich nenne die Volksrepublik China, den Iran, die Türkei als Beispiele. Da gibt es eine ganz lange Liste.

Wird die Situation bei den Menschenrechten nicht immer schwieriger?
Durch die sozialen Medien ist die Aufmerksamkeit größer geworden, und das ist auch gut so.

Sie bauen das Bookfest mit seinen Veranstaltungen immer weiter aus und gehen ins Frankfurter Stadtgebiet hinein.
Wir machen das mit angesagten Locations und Off-Spaces, um ein jüngeres Publikum zu gewinnen.

Bei der Stadt gab es ein Grummeln, weil das ja eine Konkurrenz zu dem Festival Open Books der Stadt ist.
Wir haben uns in die Augen geschaut und waren uns dann einig: Diese Stadt kann gar nicht genug solcher Veranstaltungen rund ums Buch haben. Wir bündeln die Energie. Die Verlage suchen den Kontakt mit dem Publikum.

Das ist auch der Grund dafür, dass jetzt der Samstag zum verkaufsoffenen Samstag wird.
Das war der Wunsch der Verlage. Denn die Leute haben nicht verstanden, warum sie die Bücher nicht mitnehmen konnten.

Jetzt spielen wir zum Schluss wieder das Spiel, das wir jedes Jahr spielen. Ihr Favorit, Ihre Favoritin für den Deutschen Buchpreis?
Ich schätze Saša Stanišic sehr. Aber ich setze auf eine Newcomerin: Raphaela Edelbauer mit ihrem Titel „Das flüssige Land“. Ganz gruselige Dinge geschehen, ein großes Loch entsteht in einem Ort, der nicht gefunden werden will. Die Autorin spielt hier mit Versatzstücken von H. P. Lovecraft.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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