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Da ist viel Platz: Östlich der A5 soll ein neuer Frankfurter Stadtteil entstehen.

Stadtentwicklung

Digitale Debatte über neuen Stadtteil

  • Hanning Voigts
    vonHanning Voigts
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Der „Bürgerdialog“ der Stadt Frankfurt zum geplanten neuen Stadtteil im Nordwesten wird wegen Corona ins Internet verlegt. Es geht um die Frage, wie die Stadt der Zukunft aussehen soll.

Wenn man das Wort „Bürgerdialog“ hört, dann stellt man sich eine Halle voller Menschen vor, Arbeitsgruppen mit Flipcharts und Klebezetteln und kontroverse Diskussionen, die hier und da ins Gepöbel abgleiten. Was sich am Samstagmorgen im Atrium der Frankfurter Stadtwerke abspielt, hat damit auf den ersten Blick rein gar nichts zu tun: Der riesige Saal ist still und leer, zwei Männer hocken vor mehreren miteinander verkabelten Laptops, in der Mitte des Raums steht eine Kamera, die auf die Bühne filmt.

Und trotzdem ist die Debatte mit rund 100 Frankfurter Bürger:innen in diesem Moment in vollem Gange, auch wenn man es nicht sieht. Wegen der steigenden Corona-Infektionszahlen hat das Stadtplanungsamt den dritten Teil seines „Bürgerdialogs“ zum geplanten neuen Stadtteil im Frankfurter Nordwesten ins Internet verlegt. Im Saal sind nur eine Moderatorin, einige Mitarbeiter:innen des Amts und die Technik, die Diskussion findet im Videostream statt.

Man hätte gerne wieder direkt mit den Bürger:innen diskutiert, aber Corona „hat uns einen Strich durch die Rechnung gemacht“, sagt Planungsdezernent Mike Josef (SPD), der sich auf die Bühne gesetzt hat, zur Begrüßung. Man wolle die öffentliche Beteiligung an dem Riesenprojekt trotz der Pandemie unbedingt fortführen – zumal der Abschlussbericht des Magistrats bereits Ende kommenden Jahres in der Stadtverordnetenversammlung beraten werden solle.

Viele grüne Flächen

Die Debatte, die an diesem Samstag über die virtuelle Bühne geht, ist bei weitem nicht die erste zum neuen Stadtteil. In zwei Abschnitten mit vielen öffentlichen Veranstaltungen hatten die Frankfurter:innen bereits die Möglichkeit, Ideen für das neue Quartier einzubringen. Im Anschluss hatten sieben Planungsteams, in denen jeweils Expert:innen für Städte- und Landschaftsplanung zusammenarbeiten, Konzepte für die Planung des Stadtteils entworfen. Die sieben Studien sollen nun im Stream vorgestellt und darüber diskutiert werden, erst gemeinsam, dann in sieben virtuellen Arbeitsgruppen. Die Ergebnisse der Debatte gehen an die Fachjury, die am kommenden Mittwoch einen der Entwürfe zur weiteren Bearbeitung empfehlen soll. Das Ergebnis soll Ende 2021 der Bericht des Magistrats an die Stadtverordneten sein.

Zu Beginn gibt es noch die typischen technischen Schwierigkeiten, die seit Corona viele aus eigener leidvoller Erfahrung kennen. Einige im Stream sehen kein Bild, teils ist der Ton zu leise. „So ein virtuelles Gespräch ist nervig“, beschwert sich ein Teilnehmer im parallel laufenden Chat. Dann aber sind alle Probleme behoben und die Planungsteams, die etwa aus Frankfurt, Köln, Wien und Paris zugeschaltet sind, stellen ihre Entwürfe vor. Die Studien tragen klangvolle Namen wie „Mikropolis“, „PlusStadt“ oder „Taunusterrassen“ und entwerfen detaillierte Visionen des neuen Quartiers, einer grünen Stadt der Zukunft.

Auffällig sind die vielen Gemeinsamkeiten in den Entwürfen. Fast alle wollen in dem Gebiet nordwestlich von Praunheim und östlich der A5 gleich mehrere voneinander getrennte Quartiere entwickeln, mit ganz unterschiedlichen Wohnformen vom Einfamilienhaus bis zum genossenschaftlichen Wohnprojekt, mit viel Freifläche, Grün und renaturierten Flussläufen. Viele Skizzen setzen auf E-Bus, U-Bahn und Fahrrad, häufig ist von Autofreiheit die Rede. Mehrere Projektteams setzen auf kollektiv genutzte Flächen für ganze Nachbarschaften, es geht viel um soziale Durchmischung und Nachhaltigkeit, um Urban Gardening und reduziertem CO2-Ausstoß.

Autofreie Quartiere

Nach der ersten Runde kommen die Bürgerinnen und Bürger zu Wort. In der Diskussion zum Entwurf des Planungsteams 6 aus Berlin und Wien will ein Mann wissen, welche Stellung der Individualverkehr mit dem Auto in der Skizze habe – und bekommt als Antwort, dass es Parkplätze nur in einer Quartiersgarage geben solle, weil die Wohnviertel größtenteils autofrei gedacht seien. Eine Bürgerin macht darauf aufmerksam, dass in Frankfurt vor allem ärmere Familien, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund verzweifelt Wohnraum suchten, was ihr in der Skizze zu wenig vorkomme. „Die dürfen nicht außen vor gelassen werden.“ Die Debatte ist munter, aber diszipliniert, vor allem gut informiert: Viele der Menschen, die sich beteiligen, sind selbst vom Fach oder haben sich tief in die Materie eingearbeitet.

Er selbst habe noch keinen Favoriten unter den Entwürfen, sagt Planungsdezernent Josef am Rande der Veranstaltung. In vielen der Skizzen fänden sich gute Ideen, gerade zu Klima- und Nachhaltigkeitsthemen. „Daran kommen wir einfach nicht mehr vorbei“, sagt Josef. Man denke schließlich über Quartiere nach, die frühestens in acht bis zehn Jahren gebaut würden – deshalb sei auch die Beteiligung der Bürger:innen so wichtig. Er selbst gehe fest davon aus, dass trotz aller Kritik aus den umliegenden Kommunen zumindest östlich der A5 ein neuer Stadtteil entstehen werde, so Josef. Letztlich brauche es dafür aber die politische Zustimmung der Regionalversammlung. „Wir können in Frankfurt nur unsere Hausaufgaben machen.“

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