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Christopher Street Day in Frankfurt: „Dieser CSD ist politischer denn je!“

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Von: Kiki Bruder

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Der Christopher Street Day in Frankfurt hatte in diesem Jahr das Motto „30 JAHRE CSD... und kein bisschen leiser!“. Foto: Michael Schick
Der Christopher Street Day in Frankfurt hatte in diesem Jahr das Motto „30 JAHRE CSD... und kein bisschen leiser!“. Foto: Michael Schick © Michael Schick

Nach vermehrten gewalttätigen Angriffen in der Frankfurter Innenstadt fordert die queere Community einen besseren Schutz in Notsituationen und eine politische Gleichbehandlung

Frankfurt – Eine pfeifende, jubelnde und tanzende Menschenmasse bewegt sich am Samstag (16. Juli) mit dröhnenden Bässen durch die Straßen der Frankfurter Innenstadt. Tausende Regenbogenflaggen und Hits von Lady Gaga und Drag-Ikone Rupaul kündigen schon von weitem den Christopher Street Day (CSD) in Frankfurt an. Mit ausgelassener Stimmung, viel Glitzer und nackter Haut zeigt sich das ganze Spektrum der queeren Community und macht deutlich: Wir sind hier und wir gehen nicht weg!

„Ich stehe heute hier mit vier Stahlschrauben im Kiefer, deshalb fällt es mir auch etwas schwer, zu sprechen“, sagt der 26-jährige Manuel Irlbeck vor Start der Demonstration am Römerberg. Er steht dort, um seine politische Gleichbehandlung einzufordern, so wie es Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transidente oder einfach queere Menschen in Frankfurt seit 30 Jahren tun. Der politische Aspekt der Parade soll auch dieses Jahr nicht in Vergessenheit geraten.

Ansprache beim CSD in Frankfurt: „Ich wurde am dritten Juli Opfer einer homophoben Gewalttat“

Ein bisschen aufgeregt sei Irlbeck, auf einer Bühne vor so vielen Menschen zu sprechen. Dennoch überwindet er sich, denn was er zu sagen hat, betrifft die ganze Community. „Ich wurde am dritten Juli Opfer einer Gewalttat – einer homophoben Gewalttat“, sagt Irlbeck. Er sei nachts mit einem Kumpel im queeren Szeneviertel in der Nähe der Konstablerwache unterwegs gewesen und von einem Unbekannten queerfeindlich beleidigt worden. Seinem Kumpel habe er gegen den Kopf getreten und Irlbeck sei bei dem Angriff vermutlich mit einer Waffe der Kiefer gebrochen worden. „Es ist wichtig, dass wir etwas dagegen tun“, sagt Irlbeck. Häufig werde er gefragt, wofür es heutzutage überhaupt noch einen CSD brauche. Der Vorfall sei eine ganz klare Antwort auf diese Frage. „Dieser CSD ist politischer denn je!“

Manuel Irlbeck und sein Kumpel Daniel Dorminger sind nicht die einzigen Betroffenen. In den vergangenen Monaten kam es vor allem im Bereich der Konstablerwache immer wieder zu gewaltvollen Zusammenstößen mit queerfeindlichem Motiv. Eine Gruppe von Betroffenen und Aktivist:innen hatte sich infolge des Angriffs auf Irlbeck und Dorminger vor der Stadtverordnetenversammlung für akuten besseren Schutz eingesetzt.

Mehr Polizeipräsenz in Frankfurt: Community befürchtet auch mehr Übergriffe durch Beamt:innen

Die Polizei kündigte daraufhin auf Twitter an, besser auf die Übergriffe zu reagieren. Um die queere Community besser zu schützen, werde die Polizeipräsenz rund um das Szeneviertel sowie der Kontrolldruck auf Täterklientel erhöht. Für viele ist diese Reaktion eine große Errungenschaft, doch Konsens herrscht darüber innerhalb der Community nicht.

Um sich klar gegen die Forderungen des CSD und die Ankündigungen der Polizei zu positionieren, versammeln sich einige CSD-Teilnehmer:innen unter dem Motto „No Pride with Cops“ vor Demobeginn am Liebfrauenberg. Ein Bedürfnis nach mehr Sicherheit sei angesichts der vermehrten Angriffe in Frankfurt und den Morden in einer Schwulenbar in Oslo im Juni verständlich. Sie fürchten jedoch, dass durch mehr Polizeipräsenz und einen „erhöhten Kontrolldruck auf Täterklientel“ rassistisch motivierte Kontrollen und Übergriffe durch Polizeibeamt:innen ansteigen und vor allem migrantische Personen und Bipoc (Abkürzung von Black, Indigenous, People of Color, zu Deutsch: Schwarz, Indigen und Menschen nichtweißer Hautfarbe) betroffen sein werden. „Was wir mit Betroffenen und einem Zusammenschluss aus queeren Vereinen und Aktivist:innen gefordert haben, war keinesfalls umfassende Überwachung durch die Polizei, sondern konkrete vorurteilsfreie Hilfe im Notfall eines Angriffs“, sagt Annette Kühn, freie Aktivistin in verschiedenen queeren Vereinen.

Viele homophobe Polizeiübergriffe in der Vergangenheit: Sie müssen vertrauenswürdiger werden

Historisch ist das Vertrauen der queeren Community in die Polizei stark geschwächt. Mit „Stonewall war ein Aufstand“ erinnert ein Schild einer Teilnehmerin an den Beginn der queeren Bewegung in den USA. Vor der Legalisierung und Normalisierung queerer Lebensweisen wurden homosexuelle und transidente Menschen von Polizist:innen verfolgt und unterdrückt. Auch heute ist dies an vielen Orten der Welt noch bittere Realität.

„Ich verstehe, dass etliche von euch Vorbehalte gegen die Polizei haben, aber ohne sie werden wir es nicht schaffen“, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) in seiner Rede vor der Demo am Römerberg. Es sei beschämend, dass die queere Community nach den Errungenschaften der vergangenen 30 Jahre jetzt wieder Angst haben und um Hilfe bitten müsse. Die Polizei müsse auch vertrauenswürdiger werden, das sei klar. Doch mehr polizeiliche Präsenz könne nicht die einzige Lösung sein. „Jetzt ist auch Zeit für Homosolidarität. Wir können nicht immer nur die Polizei rufen, sondern müssen auch füreinander da sein.“ Außerdem sei es etwa wichtig, bereits in den Schulen anzusetzen. „Ihr könnt euch sicher sein, dass der Magistrat all diese Themen angehen wird“, so Majer.

Viele Ansprachen während des CSD in Frankfurt: Die erste Demonstration in der Stadt war 1992

„Der allererste CSD in Frankfurt im Jahr 1992 stand unter dem Motto Homosolidarität“, erinnert Kai Klose, hessischer Minister für Soziales und Integration. Solidarität sei heute so notwendig wie nie seitdem. „Wir dürfen nie glauben, dass das, was wir heute haben, selbstverständlich ist“, so Klose. (Kiki Bruder)

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