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Frankfurt: Die Wiese lebt

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Von: Thomas Stillbauer

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Von oben aufs frisch eingesäte Wiesendach schauen. Wo geht das? Im Museum für Kommunikation.
Von oben aufs frisch eingesäte Wiesendach schauen. Wo geht das? Im Museum für Kommunikation. © Renate Hoyer

Zur kommenden Klima-Ausstellung im Oktober hat das Kommunikationsmuseum sein Dach begrünt – im Parterre. Wer will, kann schon sein Klimatier wählen.

Es gibt viele Arten von Dächern. Eines ist den meisten gemein: Man stellt sie sich eher auf einem Haus vor: obendrauf. Umso größer die Verblüffung, als sich am Dienstag herausstellt: Das Dach für die Dachbegrünung, um die es beim Museum für Kommunikation (MFK) geht, ist – unten. Also seitlich. Wenn man reinkommt, links.

„Dach“ ist dennoch nicht gelogen. Es ist das Dach überm unterirdischen Ausstellungsbereich. 1990, als dieser Museumsteil eröffnet wurde, hatten die Architekten Behnisch & Partner das Ganze so geplant, dass erstens der Baumbestand erhalten blieb und zweitens eine Grasdecke überm Museum weiterwachsen konnte. Insofern: „Wir stehen gar nicht so schlecht da“, sagt Museumsdirektor Helmut Gold, als es um den Beitrag zum Klimaschutz geht.

Der Beitrag wird jetzt deutlich größer. Im Oktober thematisiert die MFK-Ausstellung „Klima_X“ die Kommunikation der Klimakrise. Im Oktober? Darüber sprechen die jetzt, vor den Sommerferien? Durchaus. Denn erstens ist es das Kommunikationsmuseum, das muss kommunizieren, und zweitens wächst da ja heute schon was für Oktober. Die Wiese.

Eineinhalb Jahre habe das Team an der Ausstellung gearbeitet, berichtet Corinna Engel, die Kommunikationschefin im Kommunikationsmuseum, und in der Zeit sei unter anderem eines aufgefallen: wie verdorrt der Rasen im Sommer aussah, verglichen mit früheren Jahren, als er sattgrün blieb. Auch ein Gesicht der Klimakrise. „Uns war klar, dass solch ein Rasen nicht mehr ganz zeitgemäß ist“, sagt Engel, wegen des großen Wasserbedarfs. Und so wächst zusammen, was zusammengehört: eine Ausstellung über den Umgang mit der Klimakrise – und eine klimafreundliche Garten-, Pardon, Dachfläche.

Da tummeln sich neuerdings laut Umweltamt diverse Wildblumen, Gräser und Kleesorten, alle tief im Boden wurzelnd, somit beständiger gegen Trockenheit als Zierrasen – und ein Segen für die Insektenvielfalt. Die neue Wiese wurde im Mai gepflanzt, der Boden zuvor um nahrhafte Schichten angereichert. Und dazu sieht die Blühfläche aus wie ein X, passend zum Ausstellungstitel.

In der Schau ab Oktober geht es um einen Gesichtspunkt, den man gar nicht wichtig genug nehmen kann. „Woher kommt beim Klimaschutz die Diskrepanz zwischen Wissen und Handeln?“, fragt Direktor Gold rhetorisch. Die Fakten sind allen Vernünftigen klar, warum tun wir nicht, was nötig ist? „Viele sagen, sie würden gern, aber wenn’s so weit ist, wird es schwierig.“ Gold vergleicht es mit dem Vorsatz, das Rauchen aufzugeben, weniger Fleisch, weniger Zucker zu essen. Auch da ist ja das Hauptproblem, von der Erkenntnis zum Tun zu kommen. Beziehungsweise zum Lassen.

Jetzt zum Tier werden

Lasst uns also darüber reden. „Welches Klimatier bist du?“, wird die Ausstellung beispielsweise fragen. Die bockige Ziege, die nichts vom Klimawandel hören will? Die fleißige Biene, die sagt, „die Krise ist da und wir müssen handeln. Ich fang schon mal an“. Das aufgescheuchte Huhn? Der ignorante Strauß? Oder der wütende Gorilla: „Wir haben hier ein Problem und das macht mich wütend! So geht es nicht weiter!“ Auf der Vorschauseite zur Oktober-Ausstellung, www.mfk-frankfurt.de, kann man schon mal sein Klimatier wählen. Bisher liegt die Biene klar vorn. Das macht Mut – und neugierig auf die Schau, an der sich Partner beteiligen, von der Bundesstiftung Umwelt über die Landesenergieagentur bis zum Frankfurter Umweltamt mit seinem Förderprogramm „Frankfurt frischt auf“.

Apropos. Umweltamtsleiter Peter Dommermuth hat beim Termin neben dem Dach (drauf darf man natürlich nicht, es sei denn, man ist ein Schmetterling) den Förderbescheid dabei. Es gibt knapp 20 000 Euro von der Stadt dazu, etwa die Hälfte dessen, was die Wiese kostet. So können das alle machen, die ein Dach in Frankfurt begrünen; man muss dafür kein Museum sein. Dommermuth freut sich aber riesig über die Kooperation mit dem Museum. „Ich glaube, wir haben beide voneinander gelernt“, sagt er. Auch im Amt sei die Kommunikation zur Klimakrise ein großes Thema.

Bis die Ausstellung beginnt, lassen sich vor Ort und im Internet die Fortschritte betrachten, die die Wiese beim Blühen macht. Das geht reihum, die Pflanzen seien so vielfältig, dass immer eine von ihnen gerade das Prinzesschen sei, sagt Hans-Georg Dannert vom Umweltamt (nein, Prinzesschen hat er natürlich nicht gesagt). „Die Wiese muss nur ein- bis zweimal im Jahr gemäht werden“, sagt er, und sie reduziere den Wasserverbrauch um 70 Prozent gegenüber dem bisherigen Rasen. Den perfekten Versprecher des Tages steuert MFK-Sprecherin Regina Hock bei: „Hoffen wir, dass im Oktober die Wüste blüht.“ Heiterkeit in der Runde. Gemeint war die Wiese. Aber warum nicht auch die Wüste?

Blumen und Klee kommen bald. Schmetterlinge freuen sich schon.
Blumen und Klee kommen bald. Schmetterlinge freuen sich schon. © Renate Hoyer

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