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Der Archäologe Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Frankfurter Liebieghauses, mit einer von ihm farbig rekonstruierten antiken Statue.
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Der Archäologe Vinzenz Brinkmann, Leiter der Antikensammlung des Frankfurter Liebieghauses, mit einer von ihm farbig rekonstruierten antiken Statue.

Porträt der Woche

Frankfurt: Die Welt wird wieder farbig

  • Andreas Hartmann
    VonAndreas Hartmann
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Der Archäologe Vinzenz Brinkmann vom Museum Liebieghaus hat mit seiner Rekonstruktion antiker Skulpturen nicht nur die Fachwelt beeindruckt -- nun reisen die „bunten Götter“ sogar ins Metropolitan Museum. Sie nehmen eine politische Botschaft mit.

Eine Ausstellung über „bunte Götter“, die Farbigkeit antiker Skulpturen und ein Symposium an der berühmten Harvard University, das sich mit dem Forschungsthema des Leiters der Antikensammlung des Liebieghauses am Museumsufer beschäftigt – „da dachte ich, die Decke ist erreicht“, sagt der Frankfurter Archäologe Vinzenz Brinkmann.

Aber da ist – nach internationalen Ausstellungen unter anderem in Berlin und München, London, Los Angeles, Mexiko Stadt, Wien, Rom, Istanbul und natürlich auch Frankfurt – immer noch Luft nach oben. 2022 können Vinzenz Brinkmann und seine Frau Ulrike Koch-Brinkmann ihre spektakulären Forschungsergebnisse zu den „Bunten Göttern“ nun auch im Metropolitan Museum New York zeigen. Sogar die strengen Einreisebedingungen in die USA waren zur Vorbereitung der Ausstellung durchlässig. New York im Sommer 2021 ganz ohne Tourist:innen, das sei schon ein Erlebnis gewesen, berichtet Brinkmann.

Der „Paris“, ein Bogenschütze aus dem griechischen Ägina mit rekonstruierter vielfarbiger Bemalung - das Original ist heute steinsichtig.

Anderthalb Jahrtausende nach dem Untergang der antiken Welt kann sich der Forscher, Jahrgang 1958, so sehr für die Kunst und Wissenschaft der Griechen und Römer begeistern, dass es eine Lust ist, ihm zuzuhören. Die Brinkmanns haben nicht nur in der Fachwelt einiges geraderücken können, und etliche Klischees, die lange als allgemeingültige Wahrheiten galten, haben sie im Fundament erschüttert – was wünscht man sich mehr als Wissenschaftler, als Wissenschaftlerin? Das haben sie eben auch nicht nur theoretisch begründet, sondern ganz praktisch an Rekonstruktionen ausprobiert, überarbeitet und weiterentwickelt. Vinzenz Brinkmann ist im Lauf der Jahrzehnte zum Experten für Farbmischungen und Verarbeitungen, für Bronzelegierungen und Patinierungstechniken geworden.

Wohl deshalb ist die immer weiter wachsende Ausstellung zu einem echten Welterfolg geworden, es lässt sich hier ganz praktisch verstehen, wie lebendig diese Figuren einst gewirkt haben müssen. „Ich glaube, wenn ein antiker Künstler unsere Rekonstruktionen zu Gesicht bekäme, würde er uns auf einem guten Weg sehen. Vieles wird man wohl nie bis ins letzte Detail klären können.“ Gerade entsteht für die New Yorker Ausstellung die Rekonstruktion einer antiken griechischen Figur des Metropolitan Museums, die dann dort gezeigt werden soll.

Verstaubt ist das, was die klassische Archäologie über die verlorene farbenfrohe Welt der Antike zu sagen hat, überhaupt nicht, im Gegenteil: Die Forschungen der Brinkmanns enthüllen nicht nur sehr viel über das Altertum, sondern auch noch eine ganze Menge über den (Un-)Geist des 20. Jahrhunderts, das „ideologischste in der Geschichte“, wie es Brinkmann nennt.

Auch Bronzestatuen wie der berühmte „Faustkämpfer“ wirkten in der Antike völlig anders als heute gewohnt, mit feinen Nuancen der unterschiedlich patinierten Oberfläche und metallischen Einlagen.

Das alte Rom, das antike Griechenland, sie sahen mit ihren prunkvollen Bauwerken und unendlich vielen „klassischen“ Marmor- und Bronzestatuen nach Brinkmanns sehr gut begründeten Forschungen nicht so aus wie in Hollywoodmonumentalfilmen oder wie in den großen Museen der Welt dargestellt, nämlich still, marmorweiß, kühl und edel. Die Antike war quietschbunt, Tempel und Figuren leuchteten in Gold und strahlenden Farben. Es gibt zahlreiche antike Beschreibungen davon, bis hin zur schönen Helena, die in einer antiken Tragödie klagt, sie wäre gerne so hässlich wie eine Statue, der man die Farbe abgewaschen habe. Immer wieder fanden sich auch Farbreste auf ausgegrabenen Figuren und Reliefs.

Noch im 19. Jahrhundert war das gut bekannt, erst das 20. Jahrhundert mit seinen Gewaltfantasien und seiner Großmachtästhetik entwickelte eine ausgeprägte Abneigung gegen das orientalisch Schillernde, das als zu schrill Empfundene. Das wollte so gar nicht zu den Rasselehren vom überlegenen weißen Mann passen, der die Kultur erst schöpft, ist Brinkmann überzeugt. Im auf den ersten Blick scheinbar so Harmlosen tarnt sich ein selbstgefälliger, ein selbstverständlicher Rassismus. Es zeige sich hier, sagt Brinkmann, eine große wissenschaftliche Arroganz. Vielleicht erklärt das auch die Wut, mit der Brinkmann schon angefeindet wurde. Die Ausstellung in New York soll auch eine antirassistische sein.

Auf dem Symposium in Harvard, so berichtet der Archäologe, sei damals auch eine bedeutende indische Wissenschaftlerin gewesen, die unter Tränen davon berichtet habe, dass sie selbst als Denkmalpflegerin befürwortet hätte, die historischen Farbreste an steinernen buddhistischen Stupas zu entfernen – als so selbstverständlich habe sie die europäische Ästhetik vom hellen Stein empfunden. Dass die Welt wieder bunter wird – dazu tragen auch die Forschungen aus Frankfurt bei.

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