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Frankfurt. Von seinem Büro aus blickt Bela Waldhauser auf die Baustelle an der Kleyerstrasse. Die Wohnhäuser sollen mit der Abwärme des Rechenzentrums beheizt werden.
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Frankfurt. Von seinem Büro aus blickt Bela Waldhauser auf die Baustelle an der Kleyerstrasse. Die Wohnhäuser sollen mit der Abwärme des Rechenzentrums beheizt werden.

Frankfurt

Frankfurt: Rechenzentrum versorgt Neubauquartier Westville mit Wärme

  • Claudia Isabel Rittel
    VonClaudia Isabel Rittel
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Die Datenfabrik Telehouse beheizt demnächst ein komplettes neues Quartier im Gallus. Expert:innen legen viele Hoffnungen in dieses Projekt.

Die Rohre, die demnächst die Wärme des Rechenzentrums Telehouse in die Wohnungen des Neubauquartiers Westville transportieren könnten, sind schon seit Jahren da, hängen über der Kleyerstraße, als warteten sie auf eine neue Aufgabe. Eine ehrenwerte vielleicht.

Denn von 2023 an wird das Rechenzentrum das Quartier mit Wärme versorgen, die sonst einfach verpuffen würde. Davon profitieren werden die Mieter der 1300 geplanten Wohneinheiten, drei Kindergärten, ein Restaurant und Geschäfte des täglichen Bedarfs. Nach dem für 2025 geplanten Endausbau des insgesamt rund 50 000 Quadratmeter großen Areals sollen nach Berechnungen von Mainova 444 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart werden.

Westville Leuchtturmprojekt für Nutzung von Serverabwärme

In Fachkreisen gilt Westville deutschlandweit damit als Leuchtturmprojekt für die Nutzung von Serverabwärme in einem Wohnquartier. Einige erhoffen sich davon, dass es eine große Strahlkraft entwickelt. „Ich würde mir wünschen, dass das Projekt viele Nachahmer findet - vor allem auch, um Abwärme im Gebäudebestand zu nutzen“, sagt der stellvertretende Leiter des Energiereferats der Stadt Frankfurt, Paul Fay. „Es ist wichtig, dass so ein Projekt zeigt, dass es geht.“

Das sieht Ralph Hintemann vom Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit ähnlich. Das Projekt in dieser Form sei in Deutschland einzigartig, sagt er. Zwar gebe es schon ähnliche Projekte – aber keines in dieser Größenordnung. „Gerade für Frankfurt, wo die großen Rechenzentren sind, ist es von großer Bedeutung, dass es ein erstes Projekt gibt“, betont er.

Damit könnte Westvillle Geschichte schreiben

Doch bis dahin muss noch fleißig gebaut werden. Im vergangenen Sommer hat der Projektentwickler Instone mit dem Abriss der ehemaligen Gebäude auf dem früheren Industriegelände der Firma Telenorma im Gallus begonnen, seit dem Frühjahr laufen die Tiefbauarbeiten. Wenn alles fertiggestellt ist, wird Instone 13 000 Quadratmeter mit Quartiersplatz und Straßen an die Stadt Frankfurt übertragen und den Rest an die Bayerische Versorgungskammer übergeben, die die Wohnungen gekauft hat und dann vermieten wird.

„Wir haben das Projekt übernommen, als es noch ungelöste Probleme zum Miteinander von Wohnen und Rechenzentren gab“, sagt Instone-Geschäftsführer Ralf Werner. Damit meint er auch die Klage eines anderen Rechenzentrumsbetreibers gegen den Bebauungsplan mit Wohnungen. Dessen Sorge: Künftige Anwohner:innen könnten sich über die Rechenzentren beschweren. „Doch aus der Schwäche haben wir eine Stärke gemacht“, sagt Werner.

„Da war auch viel Glück und gutes Timing dabei, dass das jetzt so umgesetzt wird“, berichtet Paul Fay vom Energiereferat. Von allen Seiten habe es eine große Bereitschaft gegeben, das Projekt umzusetzen, sagt er. Und so habe sich auch für die entstehenden zusätzlichen Kosten eine Einigung gefunden, mit der alle leben konnten.

Es geht darum, Rechenzentren nachhaltiger zu machen

„Der Impuls kam sehr stark von Herrn Waldhauser“, sagt Instone-Chef Werner. Waldhauser ist Chef von Telehouse, dem Rechenzentrum auf der anderen Straßenseite, und Sprecher der Allianz für digitale Infrastrukturen.

Studiert hat er Physik, Fragen der Stromnutzung liegen ihm. „Die Idee mit der Nahwärmenutzung kam mir, weil es schon zu Telenorma-Zeiten eine Wärmeversorgung von unserer Seite zur anderen Straßenseite gab und die Rohre immer noch vorhanden sind.“

Ihm gehe es darum, dass Rechenzentren nachhaltiger würden, sagt er. „Mit dem Wachstum der Rechenzentren und dem Stromverbrauch müssen wir hier aktiver werden.“

Rechenzentren verbrauchen mehr Strom im Jahr als der Flughafen

Keine leichte Aufgabe. Denn Waldhauser weiß auch: Schon heute verbrauchen die Rechenzentren in Frankfurt etwa eine Milliarde Kilowattstunden Strom pro Jahr und damit mehr als der Flughafen. In den kommenden vier Jahren wird sich dieser Bedarf wohl noch vervierfachen.

Rechnerisch könnte bis 2030 der gesamte Wärmebedarf von Haushalten und Büros in der Mainmetropole durch die Abwärme von Rechenzentren gedeckt werden - nur unter der Voraussetzung allerdings, dass Abwärme und Wohnungen zusammenfinden. Und hier lauert so manche technische Hürde. Dabei geht es immer wieder um die Frage, welche Temperatur die Abwärme hat und auf welche Temperatur Verteilnetze angelegt sind.

Die Mainova baut die Leitungen

Für Bernhard Pfister, der sich beim Frankfurter Energieversorger Mainova um die Entwicklung von Wärmeprojekten kümmert, ist die Nutzung von Abwärme aus Rechenzentren daher aktuell nur bei Neubauten realisierbar. Die Abwärme, die durch das Kühlen der Server entsteht und die Telehouse zukünftig an die Nachbarn abgeben wird, hat eine Temperatur von 30 bis 35 Grad Celsius. Geld fließt dafür nicht. Allerdings hat sich Telehouse gegenüber Mainova verpflichtet, diese Abwärme 15 Jahre lang zu liefern.

Das sind wichtige Punkte. Denn um die Wärme von der Straße in die Wohnungen zu bringen, investiert Mainova einen Millionenbetrag. Der Versorger baut 500 Meter Leitungen, um die Abwärme vom Rechenzentrum in die Heizzentrale zu bringen. Müsste Mainova für die Abwärme zahlen, wäre die Nutzung laut Pfister nicht konkurrenzfähig.

Nur auf Abwärme zu setzen, reichte Instone aber nicht. „Wir brauchen da für die Menschen eine Redundanz“, sagt Werner in Anspielung auf die redundante Stromversorgung der großen Datacenter. „Die Leute sollen es ja warm haben, auch wenn aus irgendeinem Grund das Rechenzentrum mal abgeschaltet werden muss oder ausfällt.“

im Winter kommt auch Fernwärme ins Spiel

Unter der Rebstöcker Straße baut Mainova nun 260 Meter Fernwärmeleitungen, um das Neubaugebiet anzuschließen. Vertraglich zugesichert ist laut Mainova, dass 60 bis 70 Prozent der Wärme aus Abwärme zur Verfügung gestellt werden und maximal 40 Prozent aus Fernwärme kommen. Die Abwärme soll im Sommer in der Regel das Quartier komplett versorgen. Im Winter und zu Spitzenzeiten wird auch Fernwärme genutzt. Insgesamt rechnet Mainova mit einer Wärmeabnahme von 4000 Megawattstunden pro Jahr.

Beide Wärmequellen werden in einer Heizzentrale im nördlichen Teil des Areals zusammengebracht (siehe Grafik). In einem Kellerraum des Gebäudes sind auf rund 150 Quadratmetern ein Wärmetauscher, zwei Wärmepumpen, Pufferspeicher und Druckhaltegefäße geplant. Hier wird das Niveau der Wärme erhöht und sie dann über das Nahwärmenetz, das die Mainova im Quartier installiert, zu den einzelnen Wohnblocks gebracht.

Für die Heizungen in den Wohnungen wird eine Wassertemperatur von 35 Grad Celsius gebraucht, für das Erwärmen von Duschwasser aber 70 Grad. In den Kellern der jeweiligen Häuser werden daher getrennte Anlagen zur Bereitstellung von Heizungswasser sowie zur Trinkwassererwärmung installiert.

Westville-Quartier ist nur der Startpunkt

Die alten Rohre über der Kleyerstraße, die daran erinnern, dass das heutige Telehouse-Gelände und das Neubauquartier, früher zu einem gemeinsamen Industrieareal gehörten, hätte Werner gerne erhalten. Doch sie seien völlig durchgerostet, sagt er. Sie werden demnächst ersetzt.

Für Hintemann ist das Westville-Quartier nur ein Startpunkt. „In der nächsten Zeit werden wir da noch einige weitere Projekte sehen.“ Fay vom Energiereferat verbindet mit der Zukunft auch die Hoffnung, „dass irgendwann alle Rechner mit Wasser gekühlt werden“. Damit wäre die Temperatur der Abwärme höher und der Austausch einfacher. Eine Voraussetzung, unter der Abwärme leichter in Bestandsimmobilien genutzt werden könnte. Bislang jedoch sind Wasserkühlungen noch die Ausnahme. „Vielleicht braucht es dazu auch eine Vorgabe der EU“, sagt Fay.

Blick auf das geplante Quartier Westville im Gallus. Rechts im Bild die Kleyerstraße, entlang der sich die Fassade des Rechenzentrums Telehouse zieht.
Abwärmenutzung im Bauquartier Westville.

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