1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Die vergessenen Fotografinnen der Stars

Erstellt:

Von: Andreas Hartmann

Kommentare

Nini und Carry Hess: Der Schauspieler Schabtai Prudkin. privatbesitz
Nini und Carry Hess: Der Schauspieler Schabtai Prudkin. privatbesitz © Museum Giersch

Carry und Nini Hess gehörten bis zur Nazizeit zu den berühmtesten Fotografinnen ihrer Epoche. Die Stars machten Umwege, um ihnen in ihrem Frankfurter Atelier Modell zu sitzen. Jetzt entdeckt sie eine Ausstellung wieder.

Die Fotografie des Schauspielers Schabtai Prudkin von 1927, die das Museum Giersch für seine Plakate der großartigen, an diesem Freitag eröffnenden Ausstellung „Die Fotografinnen Nini und Carry Hess“ sowie den Titel des Katalogs gewählt hat, ist eines jener faszinierenden Porträts der Zeit, die deutlich machen, warum ein Teil der Kunst der Zwanzigerjahre als „Magischer Realismus“ bezeichnet wird.

Die beiden meisterhaften Frankfurter Fotografinnen Carry Hess, Jahrgang 1889, und Nini Hess, Jahrgang 1884, haben den heute fast vergessenen Schauspieler, Mitglied des „Hebräischen Theaters Habima“, als einen von zahllosen Stars der Zeit in Szene gesetzt – und zwar so gekonnt, dass man bis heute verstehen kann, warum Prominente vor 100 Jahren eigens einen Umweg über Frankfurt nahmen, um sich in dem Fotoatelier ablichten zu lassen. Die Olympiasiegerin Helene Mayer, der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung, der Architekt Hans Poelzig, die Schauspielerin Carola Neher, Max Beckmann, Alfred Döblin, Thomas Mann. Die Liste ließe sich fast endlos verlängern.

Ende der Zwanzigerjahre erweiterten die Schwestern ihr Portfolio um Fotoreportagen, die in den vielen neuen Illustrierten reißenden Absatz fanden, Sport, Theater, auch Akt und Architektur fotografierten sie, lieferten Titelbilder mit interessanten Frauen und schönen Männern.

Ist hier ein weiblicher Blick festzustellen? Das ist eine Frage, die sich Besucherinnen und Besucher der Ausstellung sicher stellen werden und die eine der vielen reizvollen Facetten des fotografischen Werks von Nini und Carry Hess ist.

Das damals hochmoderne Geschäftshaus am Frankfurter Rathenauplatz, in dem das Hess-Atelier untergebracht war, steht noch, und vor der letzten freiwillig gewählten Adresse Unter den Eichen 7 in der Ernst-May-Siedlung in Sachsenhausen liegen drei Stolpersteine für Mutter und Töchter. Doch die Erinnerungen an die jüdischen Schwestern Hess, die auch international zu den ganz großen Fotografinnen ihrer Zeit gehörten, sind fast vollständig ausgelöscht.

Nini und Carry Hess im Museum Giersch Frankfurt

„Die Fotografinnen Nini und Carry Hess“ ist vom 11. März bis zum 22. Mai im Frankfurter Museum Giersch der Goethe-Universität, Schaumainkai 83, zu sehen. Die Ausstellung war wegen der Corona-Pandemie und anstehenden Bauarbeiten im Museum zweimal verschoben worden.

Etwa 120 Originalfotografien , Zeitschriften und Zeitungsartikel aus öffentlichen und privaten Sammlungen rekonstruieren erstmals Leben und Werk der beiden einst prominenten Frankfurter Schwestern, deren Bilder zu den besten der 1920er Jahre gehören.

Der preisgekrönte Ausstellungskatalog (Deutscher Fotobuchpreis 2021/22 in Silber) ist bereits im vergangenen Jahr im Hirmer-Verlag erschienen und kostet an der Museumskasse 29 Euro.

Geöffnet ist das Museum Giersch dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags auch bis 21 Uhr. An Feiertagen ist es von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 7 Euro, Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. aph

Auch die große Ausstellung über Fotopionierinnen der Zwanziger- und Dreißigerjahre im Herbst 2021 im New Yorker Metropolitan Museum zeigte kein einziges ihrer Werke. Das Frankfurter Museum Giersch bietet (nach einer kleinen Schau über die Theaterfotografie der Hess-Schwestern Ende der 90er Jahre in Köln) erstmals überhaupt einen umfassenden Überblick über dieses so phänomenale Werk. Schuld am Vergessen trägt das NS-Regime mit seinem mörderischen Rassenhass und seine Verachtung der Avantgarde der Weimarer Republik.

Nini Hess und ihre Mutter Lina wurden deportiert, vermutlich starb die Mutter kurz darauf in Theresienstadt, die Tochter 1942 oder 1943 in Auschwitz. Carry Hess, die 1933 nach Frankreich geflohen war, überlebte Krieg und NS-Besetzung schwer verletzt, während ihr Verlobter, von dem wir nicht einmal den Namen kennen, wohl ebenfalls in einem deutschen Konzentrationslager starb.

Nach einem entwürdigenden Streit mit deutschen Behörden um „Wiedergutmachung“ erlag sie 1957 einer Herzschwäche, auf einem Auge erblindet. Eines ihrer wenigen letzten Bilder zeigt den Arzt Albert Schweitzer, aufgenommen 1952. Das Atelier mit dem Fotoarchiv hatte die SA schon 1938 in der Pogromnacht verwüstet.

„Bis heute kenne ich kein einziges originales Negativ der Schwestern Hess“, sagt Eckhardt Köhn, der mit seiner Mitkuratorin Susanne Wartenberg in Bildarchiven wie dem bekannten von Ullstein in Berlin, in Privatsammlungen oder Zeitschriften der Zwanzigerjahre nach Fotos gesucht hat. Dabei kamen zwar zahllose Meisterwerke zum Vorschein, doch viele scheinbar selbstverständliche Dinge ließen sich nicht klären. „Wir konnten zum Beispiel nicht herausfinden, wo Carry und Nini Hess ihre Ausbildung gemacht haben“, berichtet Köhn, 70, emeritierter Professor der Frankfurter Goethe-Uni.

Auch andere Dinge werden wohl immer ungeklärt bleiben. Wie groß war wohl das Werk, wie viele Fotografien umfasste es? Was waren die Hess-Schwestern für Menschen? Private Dokumente wie Briefe oder Tagebücher sind nicht erhalten, einige wenige Zeitungsartikel beschreiben die Arbeit der beiden.

Und auch der vielleicht größte Wunsch des Kuratorenteams Köhn/Wartenberg ist im Zuge der Ausstellungsvorbereitungen nicht in Erfüllung gegangen. Sie hatten gehofft, doch noch irgendwo Bildnisse von Nini und Carry Hess zu finden, die sie selbst zeigen. Von Carry Hess gibt es lediglich eine sehr abstrahierte Medaille aus dem Jahr 1921, von Nini Hess ein Gruppenbild im Fastnachtskostüm. So besteht diese beklemmende Ironie weiter, dass ausgerechnet die beiden großen vergessenen Porträtistinnen der Weimarer Republik Frauen ohne Gesicht bleiben.

Nini und Carry Hess: Die Tänzerin Irene Weill. Jork/Berlinische Galerie
Nini und Carry Hess: Die Tänzerin Irene Weill. Jork/Berlinische Galerie © Museum Giersch
Prof. Eckhardt Köhn hat im Museum Giersch die spektakuläre, mehrfach verschobene Ausstellung über die beiden Frankfurter Glamourfotografinnen und NS-Opfer Carry und Nini Hess gemacht. Bild: Christoph Boeckheler
Prof. Eckhardt Köhn hat im Museum Giersch die spektakuläre, mehrfach verschobene Ausstellung über die beiden Frankfurter Glamourfotografinnen und NS-Opfer Carry und Nini Hess gemacht. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*
Selbstbewusste Weiblichkeit war ein wichtiges Motiv der Kunst der 20er Jahre. Auch die Schwestern Hess porträtierten oft starke Frauen wie die Schauspielerin Dorothea Wieck. Bild: Christoph Boeckheler
Selbstbewusste Weiblichkeit war ein wichtiges Motiv der Kunst der 20er Jahre. Auch die Schwestern Hess porträtierten oft starke Frauen wie die Schauspielerin Dorothea Wieck. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*
Auch Aktfotografien machten die Schwestern Hess gelegentlich. Bild: Christoph Boeckheler
Auch Aktfotografien machten die Schwestern Hess gelegentlich. Bild: Christoph Boeckheler © christoph boeckheler*

Auch interessant

Kommentare