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Die Westend-Synagoge in Frankfurt wurde 1910 erbaut und 1950 wieder geweiht. Bild: Peter Jülich

Kultur

„Für mich ist es die schönste Synagoge der Welt“

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Am 6. September 1950 wurde die Westend-Synagoge nach der Schändung in der NS-Zeit feierlich wiedereröffnet.

Die meisten Passanten, die durch das Frankfurter Westend schlendern, kennen die hellen Mauern aus Muschelkalk und die großen ziegelroten Dächer der dort stehenden Synagoge nur von außen, sehen vielleicht den Polizisten, der das Gebäude rund um die Uhr bewacht, oder die Betonpoller – und wären wohl sehr überrascht von einem Blick ins Innere. Der Kontrast zwischen schlichtem Äußeren und prachtvoll-farbigem Innenraum könnte kaum größer sein. Den großen Kuppelsaal prägen Elemente des Jugendstils, wunderbare, 1950 geschaffene Mosaike und Glasfenster des bekannten Künstlers Hans Leistikow sowie die Restaurierungen des Architekten Henryk Isenberg aus den späten 1980er Jahren.

„Für mich ist das die schönste Synagoge der Welt“, schwärmt der Rechtsanwalt Marc Grünbaum, der zugegebenermaßen ein bisschen parteiisch ist: Der heute 50 Jahre alte Vorstand der Jüdischen Gemeinde ist mit dem Bauwerk groß geworden, der Frankfurter kennt jeden Winkel in dem großen Haus, kann viele persönliche Geschichten erzählen, auf unscheinbare Details aufmerksam machen. Für ihn und sicher auch die meisten anderen der 6400 Mitglieder der Gemeinde ist es weit mehr als ein Bauwerk, es ist ein Haus voller Erinnerungen, ein Treffpunkt für das Frankfurter Judentum, ein Stück Heimat.

Mosaik-Löwen des Künstlers Hans Leistikow bewachen im Gebetssaal die Thora-Rollen.

Vor genau 70 Jahren, am 6. September 1950, wurde die Synagoge nach der Verwüstung in der NS-Zeit und mehrjähriger Renovierung wieder geweiht. Das Ereignis hatte große Symbolkraft, fast alle anderen deutschen Synagogen waren in der NS-Zeit zerstört worden, oder die jüdischen Gemeinden waren nach Verfolgung und Völkermord viel zu klein für die alten Gebäude, so etwa im benachbarten Offenbach. Die dortige Synagoge, in der selben Zeit erbaut, ist heute ein Veranstaltungssaal.

Der frühere Gemeinderabbiner Georg Salzberger, der die NS-Zeit in London überlebt hatte und nicht mehr dauerhaft nach Frankfurt zurückkehrte, hielt die Festpredigt, wie die Frankfurter Rundschau damals unter der Überschrift „Das haben wir alle gewusst...“ berichtete. „Wir haben auf ein Schuldbekenntnis gewartet, doch es ist keines gekommen. Wir können nicht vergessen, was uns angetan wurde, aber wir werden versuchen zu verzeihen“, zitiert die FR aus der Rede von Philipp Auerbach vom Zentralrat der Juden.

Warum die Westend-Synagoge nicht völlig zerstört wurde, ist unklar. „Es gibt Berichte, dass hier am 9. November 1938 und in den Tagen darauf gezündelt wurde, aber sie wurde nicht wie die anderen Synagogen abgefackelt und abgerissen“, sagt Grünbaum.

Die Westend-Synagoge

Am 28. September 1910 entzündete der Rabbiner Caesar Seligmann das ewige Licht in der neuen Synagoge in der Freiherr-vom-Stein-Straße im Frankfurter Westend. Erbaut hatte sie der aus Liechtenstein stammende Franz Roeckle, der später zum glühenden Nationalsozialisten wurde. Dies recherchierte der Architekt Henryk Isenberg, unter dessen Leitung die Synagoge in den späten 1980er Jahren restauriert wurde.

In der Pogromnacht am 9. November wurde die Westend-Synagoge beschädigt und wie alle anderen Immobilien der jüdischen Gemeinden 1939 zwangsweise an die Stadt Frankfurt übertragen.

Bei der Wiedereröffnung am 6. September 1950 war die Synagoge das größte jüdische Gotteshaus in Deutschland. Nur wenige weitere, etwa in Essen von 1913 und Augsburg von 1917, haben die NS-Zeit überstanden. Die wohl bekannteste Synagoge in der Oranienburger Straße in Berlin ist ein Wiederaufbau.

Vielleicht lag es daran, dass die Nachbarhäuser relativ eng stehen und die Brandstifter oder die Feuerwehr ein Übergreifen der Flammen befürchtete. Während des Zweiten Weltkrieges seien in dem geschändeten Gebäude Kulissen der Städtischen Bühnen gelagert worden, berichtet Grünbaum.

Seit 1950 wird die Synagoge wieder intensiv für Gottesdienste genutzt. „Wir sind eine sehr lebendige, offene Gemeinde“, sagt er. „Für uns war es da sehr bitter, dass wir erstmals seit 70 Jahren wegen Corona schließen mussten. Das hat uns die Schärfe der Pandemie vor Augen geführt. Viele Menschen haben doch eine sehr starke emotionale Bindung an die Synagoge. Aber wir waren, soweit ich es weiß, zumindest in Europa die ersten, die wieder aufgemacht haben. Das verdanken wir auch der Architektur, die es möglich macht, den Gottesdienst zu begehen.“ Sogar Führungen sind inzwischen wieder möglich. Die kleineren Gebetssäle in den Seitenräumen bleiben aber bis auf weiteres geschlossen, und unter der imposanten blauen Kuppel sitzen die Gläubigen weit auseinander.

Ein Feier zur Erinnerung an die Neuweihe entfällt corona-bedingt, die Jüdische Gemeinde Frankfurt zeigt aber auf ihren Facebook- und Instagram-Seiten einige Bild-und Tondokumente von der damaligen Feier, unter anderem eine Rede von Frankfurts Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD).

Heute nutzen verschiedene jüdische Strömungen das weitläufige Haus, das hat auch die Architektur im Inneren verändert. So hatte die Liberale Gemeinde, die die Synagoge vor 110 Jahren erbaute, beispielsweise eine Orgel, die noch vorhanden ist, auf der aber nicht mehr gespielt wird. Im Erbauungsjahr 1910 war der prächtige Bau in zurückhaltendem Jugendstil im Übrigen gar nicht außergewöhnlich. In Frankfurt war die Synagoge der liberalen Gemeinde das vierte große jüdische Gotteshaus, in der Stadt gab es ältere, prächtigere. Vor allem die Hauptsynagoge, am heutigen Börneplatz gelegen, war stadtbildprägend, gemalt von Künstlern wie Max Beckmann.

Heute ist die Westend-Synagoge, nach den Schändungen und Zerstörungen in der Nazizeit, die größte noch erhaltene in Deutschland und ein architektonisch herausragendes Denkmal – weit über die Stadtgrenzen hinaus.

Seit dem Ende der corona-bedingten achtwöchigen Schließung sind wieder Führungen durch das historische Gebäude möglich. Anfragen für Gruppenbesichtigungen an synagogenfuehrungen@jg-ffm.de. Die Jüdische Volkshochschule bietet auch individuelle Touren an: volkshochschule@jg-ffm.de.

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