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Frankfurt: Die Schallplatte, das Knistern, auch auf der Haut

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Von: Thomas Stillbauer

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Michael Baumann im „No. 2“ an der Wallstraße.
Michael Baumann im „No. 2“ an der Wallstraße. © christoph boeckheler*

Sachsenhäuser Läden für Schallplattenliebe: Auf das Alter komm es an, auch bei den Abspielgeräten.

Die Schallplatte war tot. Jetzt ist die CD tot und die Schallplatte lebt wieder. Besonders im Frankfurter Plattendreieck in Sachsenhausen. Da gibt es gleich mehrere Läden, die von gebrauchten Tonträgern leben – und von den Dingen, die die Platte zum Klingen bringen.

„Plattenspieler sind seit fünf, sechs Jahren wieder sehr begehrt“, sagt Marc Douha vom Geschäft „Die Röhre“ an der Walter-Kolb-Straße. Da gibt es – natürlich – Röhrenverstärker, alles gebraucht und von Fachleuten überarbeitet, es gibt Kassettendecks, CD-Player, und es gibt Schallplattenspieler. „300 bis 500 Euro sollte man für einen gebrauchten Plattenspieler rechnen“, sagt der 58-Jährige. Er hat auch ein paar noch günstigere Geräte denn: „Erstaunlich, in letzter Zeit kommen auch mal 14-Jährige und brauchen was Billiges.“ Die Spannbreite insgesamt: Für 150 bis 5000 Euro dreht sich der Plattenteller.

Die Ware stammt meist aus den 60er- bis 90er-Jahren und kriegt ein Jahr Vollgarantie mit auf den Weg. Das Alter spielt eine Rolle, denn die Zeit, das „Damals“, ist ein großer Faktor. „Viele haben die Schallplatte seit Corona wiederentdeckt“, sagt Douha. „Sie bedeutet für die Leute in erster Linie Erinnerung – und die Musik darf nicht zu clean klingen.“ Die Fans erinnern sich daran, was sie mit ihrem ersten Geld gekauft haben, Smokie, Sweet, Boston, Led Zeppelin, Deep Purple, was sie damals stolz auflegten. „Man hat sich am Samstagabend mit Freunden getroffen und Musik gehört“, sinniert Douha, und wer dabei war, sinniert natürlich mit. Einer kaufte die Platte, sieben Leute hatten das Werk anschließend auf Kassette. Und bei allen dasselbe Knistern, aus den Boxen, auf der Haut.

Schon fast so lang wie die Schallplatte – na gut, das ist leicht übertrieben, also: Schon seit 1984 gibt es „No.2 Records“, einst aus einem Frankfurter Flohmarktstand erwachsen, heute mit 50 000 Tonträgern aus zweiter Hand in der Wallstraße sesshaft. Wie läuft’s? „Gut und schlecht“, sagt Inhaber Michael Baumann. „Die Schallplatte gut, die CD schlecht.“ Woran liegt’s? „Meine Theorie ist: an Corona.“

SCHALLPLATTENLÄDEN

Der Mr. Flat Record Store befindet sich im Offenbacher Stadtteil Bieber in der Von-Brentano-Straße 8. Die Öffnungszeiten sind montags, dienstags, donnerstags und freitags von 10 bis 13 und 14 bis 19 Uhr. Mittwochs von 14 bis 19 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr.
www.mr-flat-records.de

In Offenbach gibt es außerdem noch den Schallplattenladen Main Records in der Bieberer Straße 63, der viele Platten zu Techno, Electro und House Music hat. Öffnungszeiten nach Vereinbarung: www.mainrecords.net

In Frankfurt halten sich mehrere Läden, die Schallplatten anbieten, darunter „Die Röhre“, die auch Hifi-Geräte im Sortiment hat, Walter-Kolb-Straße 5-7, geöffnet Dienstag bis Freitag von 14 bis 18, Samstag von 10 bis 16 Uhr. Weitere Plattenläden ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

No. 2 Records, Wallstraße 15, Montag bis Freitag 11 bis 20, Samstag 10 bis 16 Uhr.

City Beat Records, Dreieichstraße 5, Montag bis Freitag 12 bis 18, Samstag 12 bis 16 Uhr.

Sick Wreckords, Schulstraße 1, Dienstag bis Freitag 14 bis 19, Samstag 11 bis 16 Uhr.

Bigblack Record Store, Eiserne Hand 8-10, Montag bis Freitag 11 bis 19, Samstag 10 bis 14 Uhr.

Mythos Records, Höhenstraße 20, Montag bis Freitag 14 bis 20, Samstag 11 bis 20 Uhr.

Lucky Star Records, Heidestraße 152, Dienstag bis Freitag 11 bis 19, Samstag 11 bis 16 Uhr.

Tactile Record Store, Friedberger Landstraße 114, Mittwoch bis Freitag 14 bis 19, Samstag 12 bis 17 Uhr.

Memphis Records, Friedberger Landstraße 100, Mittwoch bis Freitag 14 bis 19.30, Samstag 11 bis 19 Uhr.

Analogetonträger, Gronauer Straße 2, Montag bis Freitag 14 bis 19, Samstag 10 bis 16 Uhr.

Barrett’s Revenge Records, Berger Straße 335, Dienstag 13 bis 16, Samstag 11 bis 14 Uhr. tim/ill

Die Leute hätten die Zeit genutzt, daheim auszumisten, und dabei habe ihr Bannstrahl die CD getroffen. „Man kann ja alles streamen, und die LP ist eigentlich viel schöner“ – die Erkenntnis habe sich wohl durchgesetzt, als einer von mehreren Mosaiksteinen, glaubt Baumann.

Die Secondhandschallplatte sei allerdings schon lange Zeit sehr gut gelaufen, und die Kundschaft habe klare Vorstellungen: „Bitte nicht die neue Pressung, das sagen auch schon die jungen Leute.“ Weil die alte Originalpressung aus den 70er-, 80er-Jahren immer noch die klangvollere sei.

Laden mit Atmosphäre

Corona hat auch den Secondhandläden das Leben schwergemacht. Einen zusätzlichen Onlinehandel zu betreiben, sei für ihn keine gute Alternative, sagt Baumann. „Das machen wir nur ausnahmsweise bei Besonderheiten. Gängiges gibt es hier im Laden – die Atmosphäre macht den Unterschied.“

Apropos online: Ganz akribisch hat die Konkurrenz „Sick Wreckords“ um die Ecke in der Schulstraße ihr Angebot ins Netz gestellt, säuberlich unterteilt in Stilrichtungen unter der Überschrift „Was wir alles haben“. So genau nimmt es Salvatore Lauria von „City Beat Records“ drüben in der Dreieichstraße nicht, jedenfalls nicht zurzeit – die Website wird gerade überarbeitet. „Ich habe mich spezialisiert auf die gut erhaltenen Alten“, sagt er.

Seit 25 Jahren im Geschäft, kennt Lauria die Wellenbewegungen bei den Schallplatten. „Es geht hoch und runter“, wie bei einer Vinylscheibe, die zu viel Sonne abbekommen hat. „Pink Floyd, die Stones, Uriah Heep, so was geht immer. Je härter, desto besser.“ Die Schallplatte transportiere den Sound am besten. „Aber es muss alles passen, von der Nadel bis zu den Lautsprechern.“

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