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Frankfurt: Die Pionierin, die mit dem Bass tanzt

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Lindy Huppertsberg mit ihrem jahrhundertealten Bass in der Alten Oper.
Lindy Huppertsberg mit ihrem jahrhundertealten Bass in der Alten Oper. © Michael Schick

Die deutsche Jazzlegende und erste Bandleaderin „Lady Bass“ erzählt mit ihrem neuen Programm Musikgeschichte.

Über vereiste Straßen und durch Schneeregen hat sie ihr Lieblingsinstrument heil nach Frankfurt transportiert. Und kehrt mit ihm an den Ort zurück, an dem sie schon viele umjubelte Konzerte spielte.

In einem der Foyers der Alten Oper schält Lindy Huppertsberg ihren Lieblingskontrabass behutsam aus der schützenden Hülle. Ein Instrument mit Geschichte. 1776, im Jahr der amerikanischen Unabhängigkeit, in Böhmen gebaut, im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, als sein Besitzer es aus einem brennenden Haus auf die Straße warf und hinterhersprang, rotbraunes, poliertes Holz, handgeschmiedete Mechaniken. „Ich habe ihn als Ruine bekommen und wiederherstellen lassen“, sagt die Musikerin beiläufig.

Und seither ist die 66-Jährige mit dem Instrument untrennbar verbunden, liebt seinen dunklen Klang. Es hat ein Stück des Weges begleitet, der die gebürtige Kölnerin unter dem Ehrennamen „Lady Bass“ zu einer Legende des deutschen Jazz werden ließ. 1989 erste Leaderin einer Jazzband überhaupt, 1994 eine der Ersten in Europa, die eine reine Frauenjazzformation gründeten, die „Swinging Ladies“, ein Quintett mit US-amerikanischen Musikerinnen. Tourneen durch Europa, Jazzkreuzfahrten im Mittelmeer, seit vielen Jahren Mitglied der Barrelhouse Jazzband, von der Jazzhauptstadt New Orleans als Ehrenbürgerin ausgezeichnet.

Aber man muss Huppertsberg an ihrem Instrument auf der Bühne der Alten Oper erlebt haben, um sie wirklich zu verstehen. Wenn das Publikum im vollbesetzten Großen Haus bei ihren Soli ihren mitreißenden Groove bejubelt, wenn sie mit ihrem Bass zu tanzen scheint. Doch die Bassistin will über ihre Rolle in der deutschen Jazzgeschichte keine großen Worte verlieren. „Ich bin Pionierin“, sagt sie nur knapp, mehr nicht, als wir uns bei einem Milchkaffee zum Gespräch zurückziehen. In Workshops versucht sie jüngeren Jazzmusikerinnen ihre Erfahrungen zu vermitteln, das Organisieren, das Netzwerken („ganz wichtig“), die Aufnahmen im Plattenstudio.

Das Wichtigste, über das sie verfügt, kann man nicht unterrichten: Charisma. Von Anfang an musste sie kämpfen. Der alleinerziehende Vater, Ballettmeister einer Tanzschule, ließ seine Tochter den klassischen Ausbildungsweg der Tänzerin gehen. Gymnasium war da nicht vorgesehen, wurde für unnötig befunden.

„Mit sechs Jahren habe ich schon vorgetanzt.“ Fecht- und Reitunterricht, von dem die Jazzmusikerin noch heute profitiert. „Man lernt Körperspannung.“ Im Alter von vierzehn die erste eigene Wohnung. Durch Zufall traf sie den Jazzpianisten Agi Huppertsberg, die beiden verliebten sich, heirateten. Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, Studium der klassischen Musik, Nebenfach Bass, Hauptfach Klavier, Unterricht beim Solobassisten des Staatstheaters Wiesbaden. Das Hauptfach Bass gab es damals noch nicht, das ist heute anders.

Trotz Klavierunterricht die frühe Liebe zum Bass. Ganz leicht zu erklären. „Der Bass ist das wichtigste Instrument der Band, er gibt das Fundament und den Rhythmus.“ Als ihr Ehemann bei der Barrelhouse Jazzband in Frankfurt begann, arbeitete auch Lindy bald dort. Eigentlich als Roadie, mit nur gelegentlichen Einsätzen am Bass. Damals, in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, gab es nur wenige Jazzmusikerinnen und schon gar keine Bassistin. „Ich kannte damals nur eine Kollegin in Frankreich.“ Huppertsberg ist noch heute bewusst: „Ich hatte den Exotinnenbonus und den Niedlichkeitsbonus.“ Sie lacht.

Auf die Mitmusiker der Barrelhouse Jazzband lässt sie bis heute nichts kommen. „Die sind ja 68er und haben auf mich völlig cool und relaxed reagiert.“ Schlechte Erfahrungen gab es eher mit US-Kollegen. Keine näheren Einzelheiten. Nur so viel: „Das Machotum blühte.“ Doch die Bassistin verschaffte sich als Musikerin Respekt. 1989 die Gründung der ersten eigenen Band: „Lady Bass & The real gone Guys“. Der US-amerikanische Jazzbassist Ray Brown, der ihr Lehrer war, verlieh der jungen Frau ihren Ehrentitel, der sich bald in der Musikszene herumsprach. Huppertsberg schert sich bis heute nicht um strikte Trennlinien des Jazz. Schon damals spielte sie Soul genauso wie Rhythm and Blues und Cool Jazz. „Ich habe keine Angst, verschiedene Stile zu mischen.“

Zur Person

Lindy Huppertsberg wurde am 11. Januar 1956 in Köln geboren. Sie hatte Tanz- und Klavierunterricht. Als sie den Jazzpianisten Agi Huppertsberg heiratete, wurde sie 1979 Roadie und bald auch Bassistin bei der Barrelhouse Jazzband, bei der auch ihr Ehemann spielte.

In Mainz studierte sie Bass und Klavier. 1989 gründete sie ihre erste Band Lady Bass & The real gone Guys. 1994 folgte die erste Frauenjazzband The swinging ladies, 2002 Witchcraft und schließlich Swinging Ladies 2.0.

Der Barrelhouse Jazzband gehört Huppertsberg seit 2014 wieder an, mit ihr wird sie 2023 das 70-jährige Bestehen feiern.

Mit einem Programm zu ihrem Leben ist Huppertsberg am 19. März 2023 im Kleinkunsttheater „Pipapo“ in Bensheim und am 22. April in Guntersblum im Jazzclub Rheinhessen zu Gast. jg

Im Jahr 1987 dann die erste Jazzkreuzfahrt, mit vielen US-Jazzmusikern wie Clark Terry oder Roy Hargrove, Auftritte vor 600 Passagieren. Dreizehn Jahre lang ging das so.

Es war ein logischer, irgendwann selbstverständlicher Schritt, eine Band nur aus Jazzmusikerinnen zu gründen. 1994 war es so weit. In den USA bildete die Bassistin das Quintett „The Swinging Ladies“, besetzt außer ihr nur mit US-Musikerinnen. „Es gab in Europa keine Musikerinnen für alten Jazz.“ Also flog sie nach Boston, nahm mit ihrer Formation gleich die erste Platte auf, ging auf Tournee: Schweiz, Spanien, Italien, Niederlande. Kein langes Nachdenken. „Ich wollte spielen, ich wollte mein Ding machen.“ Es fällt der Begriff, der für Huppertsberg bis heute entscheidend ist: Unabhängigkeit.

Auch in Deutschland tourte die Band bald von Festival zu Festival. Sie wirkte als Vorbild. „Viele sind aufgesprungen“, erinnert sich die Leaderin. Und gesteht freimütig, „ich bin sehr stolz darauf“. Tatsächlich gelang der Musikerin, was kaum eine andere Kollegin vollbrachte: Sie konnte von ihrer Musik leben. 2002 dann der nächste Schritt: „Witchcraft“ entstand, mit der Pianistin Anke Helfrich, der Schlagzeugerin Carola Grey, den Gastsolistinnen Stacy Rowles an der Trompete sowie am Flügelhorn und am Saxofon Carolyn Breuer.

Es war ein selbstbewusstes Bekenntnis der Frauen: „Craft bedeutet ja gleichzeitig Stärke, aber auch gutes Handwerk.“ Immer mehr Frauengruppen bildeten sich im Jazz. In der wilden Pionierzeit der späten 90er und frühen 2000er Jahre blieb den Musikerinnen gar keine Muße, ihre Rolle zu reflektieren. Erst jetzt hat Huppertsberg be- gonnen, sich „mit meiner musikalischen Geschichte zu beschäftigen“.

Entstanden ist ein Programm, bestehend aus dem Auftritt eines Jazzerinnentrios, aus Lesung und Multimediaschau, mit dem die Bassistin jetzt auf Tournee geht. Es ist eine Reflexion der jüngeren Jazzgeschichte, eine Art Selbstvergewisserung.

Ihre Wurzeln vergisst die Musikerin dabei nicht. Im Jahre 2014 kehrte sie zur Barrelhouse Jazzband zurück. „Ich konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich noch lange auf der Bühne stehen würde.“ Doch ihre Auftritte sind nach wie vor gefragt. Und 2023 steht ein Jubiläum bevor, dem sie jetzt schon entgegenfiebert: 70 Jahre Barrelhouse. 30 Kon-zerte plant die Band, mit dem Höhepunkt am 21. Oktober, natürlich in der Alten Oper in Frankfurt.

Draußen ist der Eisregen abgeklungen, die Temperatur steigt, alles taut. Huppertsberg, die im Januar ihren 67. Geburtstag feiern wird, ist entschlossen, weiter unbeirrt ihren Weg zu gehen. „Unabhängigkeit ist mir wichtig.“ Mittlerweile hat sie die Swinging Ladies 2.0 ins Leben gerufen, immer noch mit ihren langjährigen Weggefährtinnen Anke Helfrich und Carola Grey, aber auch mit Jazzerinnen einer neuen Generation wie Stephanie Lottermoser (Saxofon) und Cora Brunner (Trompete und Flügelhorn). Es geht weiter.

Der jahrhundertealte böhmische Bass ist bereits in seiner Schutzhülle verschwunden. Bald wird sie wieder tanzen mit ihm.

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