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Trotz Rettung läuft der Ausverkauf in der Karstadt-Filiale auf der Zeil vorerst weiter.

„Was passiert in fünf Jahren?“

Karstadt auf der Zeil - Die Nerven in der Filiale liegen weiter blank

  • Helen Schindler
    vonHelen Schindler
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Die Stimmung bei den Mitarbeitenden in der geretteten Karstadt-Filiale auf der Zeil in Frankfurt ist angespannt. Die Kundinnen und Kunden freuen sich über die Neuigkeiten.

  • Die Karstadt-Filiale auf der Zeil wird überraschend gerettet und wird bis 2025 weiterbetrieben.
  • Trotz guter Nachrichten für die Mitarbeitenden und Kundinnen und Kunden ist die Stimmung weiterhin angespannt.
  • Wie es nach den kommenden fünf Jahren in Frankfurt weitergehen soll, ist nicht bekannt.

Frankfurt – Aufatmen bei Karstadt in Frankfurt: Die für den 31. Oktober diesen Jahres geplante Schließung der Filiale auf der Zeil ist vom Tisch, das Geschäft wird bis mindestens Januar 2025 weiterbetrieben. Auch wenn das für den Vorbeilaufenden oder die Kundin erstmal nicht ersichtlich wird: Die Ausverkaufsschilder in den Schaufenstern und im Inneren der Filiale hängen noch, überall steht in übergroßen Lettern „Alles muss raus“ und „Alles reduziert“. Ein Aufsteller vor dem Eingang verspricht zusätzlich 30 Prozent Rabatt auf alle „Rotpreis-Produkte“ und 70 Prozent Rabatt auf Bademode.

Karstadt auf der Zeil in Frankfurt gerettet: Die Stimmung ist angekrazt

Nun – so könnte man meinen – ist die Erleichterung bei den 240 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Filiale in Frankfurt groß. Schließlich ist ihr Arbeitsplatz bis Anfang 2025 sicher. Doch von Erleichterung oder gar Euphorie ist am Montagmittag nichts zu spüren. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wollen und dürfen sich gegenüber der Presse nicht äußern. „Die Stimmung bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist noch angekratzt“, sagt ein Abteilungsleiter und verweist darauf, dass die Kommunikation über den Betriebsrat laufe. Von Befragungen im Haus bitte man abzusehen.

In der Tat haben die Beschäftigten in Frankfurtes momentan nicht leicht: Es ist viel los am Montagmittag. Insbesondere in den unteren Etagen herrscht Trubel, an den Kassen bilden sich zum Teil lange Schlangen. Eine Mitarbeiterin im zweiten Stock bedient zwei Kunden, die Interesse an einer Jacke der Marke Tom Tailor haben. Allerdings fehlt das Preisschild. „Ich kann da nichts machen“, sagt die hektisch hin und her laufende Verkäuferin. Diese Abteilung existiere nicht mehr, ohne Artikelnummer könne sie den Preis nicht herausfinden. Die beiden Kunden bleiben ratlos mit der Jacke zurück.

Karstadt auf der Zeil Frankfurt: Leserin berichtet von einem „völligen Chaos“

Tom Tailor ist nicht die einzige Marke, die ihre Zelte in Frankfurt bereits abgebaut hat. Auch von Esprit, Globetrotter und vielen weiteren sind nur noch leere Regale übrig geblieben. Davor stapeln sich nackte Schaufensterpuppen, eingezäunt von rot-weißen Absperrbändern. Auf den anderen Etagen sieht es nicht viel besser aus, teilweise sind Regale komplett leergeräumt, vieles wirkt chaotisch.

Die Verkäuferinnen und Verkäufer kommen mit dem Aufräumen in Frankfurt nicht hinterher. So berichtet auch eine FR-Leserin von einem „völligen Chaos“, das sie am vorvergangenen Samstag in der Schuhabteilung im zweiten Obergeschoss beobachtet habe. „Schuhkartons und Schuhe wild durcheinander, auch auf den Gängen, die anprobierte Ware wird irgendwo stehen gelassen“, berichtet die Leserin. „Ich hatte das Gefühl, hier wird Leichenfledderei betrieben.“ Eine Verkäuferin, die versucht habe, zusammengehörige Schuhe und Kartons zu finden, sei mit den Nerven am Ende gewesen, „konnte nur mit Mühe Tränen zurückhalten und berichtete, dass das jeden Tag wieder aufs Neue passiere. Das sei eine Sisyphusarbeit und eine extreme Belastung.“

Kunden freuend sich über den Verbleib der Karstadt-Filiale auf der Zeil in Frankfurt

Bei den Kundinnen und Kunden ist die Stimmung am Montag positiver, auch wenn die Neuigkeiten noch nicht bei allen angekommen sind. Eva W. und Marcel W. sind kürzlich aus Berlin nach Frankfurt gezogen und hatten noch nicht mitbekommen, dass die Filiale auf der Zeil gerettet wurde. „Das freut uns“, sagt Eva W. „In Berlin waren wir oft bei Karstadt. Dort hat man immer eine große Auswahl und bekommt alles auf einmal.“

Auch Sanja Galic freut sich, dass die Filiale auf der Zeil in Frankfurt vorerst bleibt. Sie gehe ab und zu bei Karstadt einkaufen. „Ich habe hier schon Parfum, Taschen und Portemonnaies gekauft“, erzählt die Kundin. Schade findet sie, dass die Bankfiliale innerhalb Karstadts geschlossen hat. Leila Ghorbani hat am heutigen Montag während des Einkaufs erfahren, dass die Filiale gerettet ist. „Ich bin hier immer zufrieden und kaufe sehr regelmäßig hier ein“, sagt sie.

Frankfurt: Karstadt auf der Zeil gerettet – „Ich frage mich, wie das hier weitergehen soll“

Carmen N. ist weniger optimistisch gestimmt. „Ich frage mich, wie das hier weitergehen soll“, sagt die Kundin, die sich im Erdgeschoss umschaut. „Hier sieht es schlimm aus.“ Aufgrund des laufenden Abverkaufs seien viele gute Produkte vergriffen. Die Verkäuferinnen und Verkäufer seien diejenigen, die darunter litten, die nun die doppelte Arbeit machen müssten.

„Hier ist die Auswahl besser als im Kaufhof, dank der riesigen Fläche kann man die Ware toll präsentieren“, sagt Carmen N., die selbst 40 Jahre lang im Verkauf gearbeitet hat und nun in Rente ist. Insbesondere die Strick- und Taschenauswahl sage ihr zu. Allerdings fehle ihr die Zwischenmenschlichkeit, sie sei in der Karstadt-Filiale in Frankfurt noch nie angesprochen worden. „Das Verkaufsdenken fehlt bei vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“, findet sie. Das führt sie auf zu wenig geschultes Personal zurück.

„Karstadt ist mit Sicherheit ein Wahrzeichen im Stadtbild Frankfurts“

Karstadt ist mit Sicherheit ein Wahrzeichen im Stadtbild Frankfurts“, findet Stephane Bittoun, der ebenfalls am Montagmittag in der Filiale unterwegs ist. Er freue sich für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Wenn Banken, die teilweise durch Eigenverschulden in die Krise geraten sind, gerettet werden, sollte es auch für Warenhäuser eine Rettung geben.“ Doch frage er sich, wie es mittelfristig weitergehe. „Was passiert in fünf Jahren? Ist der Abriss nur aufgeschoben? Da müssen Zukunftskonzepte erarbeitet werden,“ sagt der Kunde. (Von Helen Schindler)

Obwohl die Rettung der Karstadt-Filiale in Frankfurt feststeht, halten sich Parteien jenseits der SPD mit Jubel betont zurück – liegt das am Wahlkampf?

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