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Jan Philipp Stange, Leiter des Studios Naxos, hat nicht nur mit Pflanzen noch eine Menge vor.

Porträt

Die Naxoshalle als Gewächshaus

  • Florian Leclerc
    vonFlorian Leclerc
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Jan Philipp Stange, Leiter des Studios Naxos in Frankfurt, wirbt für ein Zentrum des freien Theaters. Schon jetzt ist sein Studio eine Plattform für die hiesige Avantgarde.

Jan Philipp Stange linst hinter einem Kirschlorbeer hervor. Die FR-Fotografin hat den Regisseur und Leiter des Studios Naxos gebeten, sich in Pflanzennähe zu präsentieren. Macht er sofort. Der 33-Jährige, der seit 2019 kollektiv mit Kolleginnen und Kollegen das Studio Naxos leitet, weiß um die Macht der Bilder. Pflanzen gehören zu seiner Zukunftsvision der Naxoshalle.

Für ein weiteres Motiv schleppt er einen Pflanzentopf in den historischen Aufzug der Naxoshalle, rechts vom Eingang. Dort soll eine Ausstellung dauerhaft an die Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter erinnern, die in der früheren Schleiffabrik während des Zweiten Weltkriegs schuften mussten. Noch bis 1. Oktober läuft die „Themenwoche gegen das Vergessen“ in der Naxoshalle, mit Theaterstücken, Konzerten, Stadtrundgängen und Gesprächen.

Stange führt in die Bibliothek der Naxoshalle, wo Willy Praml Hunderte Bücher untergebracht hat – viele Klassiker darunter wie Shakespeare, Hegel oder Hölderlin. Die Künstlerinnen und Künstler, die dort sitzen, bittet er für die Dauer des Pressegesprächs hinaus. Auch wenn das Leitungsteam des Studios Naxos sich berät – Maylin Habig, Carolin Millner, Simon Möllendorf, Jan Philipp Stange und Nils Wildgans – muss es schauen, ob gerade etwas frei ist. Die Bibliothek, das künstlerische Betriebsbüro, die Kaffeeküche. Sonst bleibt nur die Halle und die Werkstatt.

2016 schloss Jan Philipp Stange sein Regiestudium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst (HfMDK) ab. „Abschlussarbeit“ hieß die Arbeit. Sie lief im Studio Naxos. Mehrere Personen traten auf und behaupteten, Jan Philipp Stange zu sein. „Ich bin Jan Philipp Stange. Nein! Ich bin Jan Philipp Stange!“ Am Ende war es keiner.

In seinen Produktionen interessierten ihn Fragen der Authentizität, sagt er. „Die Art und Weise, wie wir unsere Biografien erzählen, und die oft unter dem Begriff der Authentizität verhandelt wird, halte ich für eine künstliche Erscheinung.“ Das Übersicherzählen sei doch ein performativer Akt der Selbstinszenierung, der meist nur die glänzende Seite des Selbst spiegele. Seine nächste Arbeit ist „Hard Feelings“, in der der Affe aus Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ per 3-D-Effekt auf die Leinwand projiziert wird (ab 15. Oktober).

Sein Zweitstudium der Theaterwissenschaft schloss Jan Philipp Stange ebenfalls ab, bei Hochschulprofessor Nikolaus Müller-Schöll, dem er aus Hamburg nach Frankfurt gefolgt war. Seitdem hat Stange als Regisseur jedes Jahr eine bis zwei Inszenierungen auf den Weg gebracht – unter anderem „Great Depressions“ (2018), die Geschichte eines depressiven Neandertalers. Damit tourte er von Frankfurt nach Düsseldorf, Leipzig, Bremen und Dresden.

Es läuft für Stange. Das Frankfurter Kulturamt hat ihm zwei Mal eine Einzelförderung in Höhe von 50 000 Euro gewährt. Damit kann er ein Team finanzieren. Das Kulturamt fördert das Studio Naxos zusätzlich mit 50 000 Euro im Jahr. Klingt nach viel, ist aber wenig im Vergleich zu dem, was die städtischen Flagschiffe Oper, Schauspiel und Mousonturm bekommen.

Zehn bis 13 Inszenierungen bringt das Studio Naxos im Jahr auf die Bühne, 40 bis 60 Veranstaltungen im Jahr. Mit dem Theater Willy Praml laufen jährlich 150 Veranstaltungen.

Das Studio Naxos ist der angewandte Thinktank der hiesigen Theaterwelt. Der Grund, warum Regisseure, Schauspielerinnen, Choreographen, Musizierende, Performer nicht sofort nach Berlin abwandern. Es ist Plattform für Absolventinnen und Absolventen der HTA, der Hessischen Theaterakademie, wo sich Hochschulen mit Theaterausbildung beteiligen: die Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, die HfMDK, die Bühnenbildklasse der Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach, die Dramaturgiestudierenden der Goethe-Universität. Die junge Avantgarde.

In den Weiten der Naxoshalle, durch die Stange nun führt, ist ein ungestörtes Gespräch schwer möglich – gerade laufen Endproben für ein Stück. Die Schauspielerinnen und Schauspieler treten auf, wo vorher die Sitzplätze waren. Die Fenster sind auf, es zieht.

„Aus dieser Halle ließe sich so viel machen“, sagt Stange. Ihm schwebe ein „freies Theater der Zukunft“ vor, ein „Gewächshaus der Kunst“, das die Industriehalle von 1906 noch stärker zum zeitgenössischen Theaterort umforme. „Die Naxoshalle könnte das Zentrum des freien Theaters sein“, sagt er.

Dafür haben Studio Naxos und das Theater Willy Praml ein Konzept entworfen. Auf einer Illustration sind Pflanzen zu sehen, die unter dem lichtdurchfluteten Hallendach gedeihen. „Wir stellen uns die Naxoshalle als Gewächshaus vor, das sich mit Solaranlagen und Parkflächen im Außenbereich einer klimaneutralen Zukunft stellt.“ Die Halle, die unter Denkmalschutz steht, müsse modernisiert werden, mit einer Heizung für den Winter und Trennwänden, um Proberäume abzugrenzen.

Diese Vision hat Stange in einem Modell umgesetzt, das während des „NODE-Festivals“ vom 2. bis 8. Oktober begehbar ist. Die Vision wird durch eine Virtual-Reality-Brille sichtbar. Stange sagt, die freie Theaterszene nehme rund zwei Drittel der Besucherinnen und Besucher in Frankfurt auf; Oper, Schauspiel und Mousonturm nur ein Drittel. Für diese Leistung seien die freien Theater massiv unterfinanziert. Vieles passiere im Ehrenamt.

Eine Bezahlung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach den Regeln des Bundesverbands Darstellende Künste würde Druck von den Theaterschaffenden nehmen, sagt er. „Das Studio Naxos hat sich den Ruf erarbeitet, die Spielstätte für postdramatisches Theater für Künstlerinnen und Künstler aus Frankfurt und der Region zu sein, für Avantgarde, Installationen, Performance.“

Die Naxoshalle zeigt außerdem Literaturtheater, Filmvorführungen, es gibt Konzerte; das Kabaretttheater Käs und der Jugendladen Bornheim mit Graffiti-Workshop sind hier untergebracht. „So einen Ort gibt es in Frankfurt kein zweites Mal. Es wäre schön, noch mehr daraus zu machen“, sagt er.

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