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Frankfurt: Die Mikrobe und das Weltall

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Der jüdische, russischstämmige Künstler Costa Bernstein in seinem kleinen Atelier in Frankfurt.
Der jüdische, russischstämmige Künstler Costa Bernstein in seinem kleinen Atelier in Frankfurt. © Monika Müller

Der Maler Costa Bernstein versucht, seinen Platz in der Welt zu finden. Ein Porträt.

In seiner kleinen Wohnung unterm Dach am südlichen Mainufer hat sich Costa Bernstein einen Hochsitz gezimmert. Von hier aus geht sein Blick weit über die Flusslandschaft im Dunst der Mittagshitze, die Alte Brücke im Vordergrund, den Dom und die Skyline wie ein Bühnenbild dahinter. Wenige Tage vor seinem 49. Geburtstag hockt der Künstler hier. Er versucht zu verstehen und zu verarbeiten, was gerade in seiner ersten Heimat geschieht. Als Spross einer alten jüdischen Familie wurde er im sowjetischen Leningrad geboren, seine Eltern aber stammen aus der Ukraine. Der Bildhauer sagt unumwunden, Israel gebe ihm „ein Gefühl von Zuhause“, aber auch in Frankfurt, wo er seit 2004 lebt, fühle er sich heimisch.

All diese widerstrebenden Emotionen. Wohin mit ihnen? Sein Leben lang will der Bildhauer und Maler einfach nur arbeiten, unbehelligt von der Welt. Aber das war nie einfach. Als jüdisches Kind in Leningrad, so erinnert er sich knapp, „habe ich in die Fresse gekriegt“. Ein kurzes Lächeln wandert über sein Gesicht. „Aber ich habe auch zurückgegeben.“ Antisemitismus. Er hat ihn sein ganzes Leben lang erfahren. Will aber eigentlich nicht darüber sprechen. Schulterzucken.

Im Alter von neunzehn Jahren wanderte der begabte Zeichner, statt weiter an der sowjetischen Hochschule zu studieren, nach Haifa in Israel aus. Der junge Mann hatte Angst davor, als Soldat in den blutigen russischen Tschetschenienkrieg geschickt zu werden. Mit 20 Jahren leistete er seinen Militärdienst in Israel ab. Und fand sich später im Einsatz im palästinensischen Gazastreifen wieder. Nur Künstler sein: Das war nie einfach.

2004 dann die Übersiedlung nach Frankfurt am Main. Viele Ausstellungen. Sein Ruf als Künstler wuchs. Sammler begannen sich für ihn zu interessieren. Seine expressiven, farbigen Bildwelten kamen an. Der Maler integriert alle möglichen Fundstücke aus dem Alltag in sein künstlerisches Universum. Vom Busfahrschein bis zum alten Metalldeckel, dem er rasch ein Gesicht gibt. „Ein Fundstück aus Sachsenhausen.“ Ein Lachen. Schon in Tel Aviv ein Schlüsselerlebnis. Bei einem Aushilfsjob in einem Krankenhaus traf er auf einen schwer verletzten Handwerker, der von einem Gerüst gefallen war. Schob dem Mann ein Blatt Papier unter die eine Hand und steckte ihm einen Bleistift in die andere. „Mit seiner Hand zeichnete ich eine Katze.“ Der Schwerverletzte begann zu lachen.

In Frankfurt arbeitet Bernstein seit zehn Jahren als Künstlerischer Leiter eines Ateliers für Menschen mit Handicap. Es ist der Brotberuf, der ihm wirtschaftliche Sicherheit bietet. „Ich bin zum Glück unabhängig.“ Nur Bilder produzieren am Fließband und Ausstellungen organisieren, um zu verkaufen, „das ist nicht meine Welt“. Er verzieht das Gesicht. „Der Kunstmarkt ist superhart.“

Immer wieder thematisiert der Maler die Verlorenheit des Einzelnen, des Menschen in der Welt. „Ich als Mikrobe“, so beschreibt er sich ironisch, und auf der anderen Seite „das große Weltall“. Der Künstler ist ziemlich sicher, dass die Menschen nicht die einzige intelligente Spezies sind: „Es wäre zu selbstverliebt zu sagen, es gäbe nichts außer uns.“

In diese Welt des Costa Bernstein ist der russische Angriffskrieg in der Ukraine buchstäblich hereingeplatzt. Seine Mutter wurde im ukrainischen Odessa geboren, sein Vater stammt aus der ukrainischen Großstadt Donezk. In Russland habe das früher nie eine Rolle gespielt. „Viele Familien sind gemischt, darüber hat man nicht gesprochen, darüber hat man nie nachgedacht.“ Er schüttelt den Kopf: „Es war ein Land.“ Der Künstler beruhigt mit einer Hand die kleine Hündin, die aufgeregt zu seinen Füßen bellt. „Es ist traurig und lächerlich.“

Der Bildhauer tut, was er tun kann. Beherbergt in seiner beengten Wohnung eine ukrainische Mutter und ihre halbwüchsige Tochter. Bietet Keramikkurse für ukrainische Geflüchtete an. Die Nachfrage ist groß. Zwanzig Menschen kommen regelmäßig. „Mittlerweile trinken wir unseren Tee schon aus selbst gemachten Tassen.“ Wieder ein Lachen.

All das ist für Bernstein kaum der Rede wert. Er ist überhaupt einer, der keine großen Worte macht. Und dabei doch viel sagt. Wie wird der blutige Krieg in der Ukraine enden? Werden die Menschen noch einmal zum Zusammenleben von Russen und Ukrainern zurückfinden? Der Künstler zögert, schweigt. Sagt dann: „Ich hoffe sehr, aber ich bin pessimistisch.“ Zwei Triebfedern hielten den Krieg im Gange: „Geld und Macht, Macht und Geld.“

Auf dem kleinen Herd brüht er einen heißen, tiefschwarzen Tee. Warnt dann vor Illusionen. Es werde „sehr, sehr lange“ dauern, zum Frieden zurückzufinden, „mehrere Generationen“. Mehr Zeit also, als einem einzelnen Menschen bleibt. Die einzige Möglichkeit ist weiterzuarbeiten. Bernstein bereitet die nächste Ausstellung vor. Er will sich auch von der aufgeregten Diskussion um antisemitische Kunst bei der Documenta in Kassel nicht ablenken lassen. „Das war kein Kunstwerk, das war pure Propaganda“, sagt er kurz zu dem kritisierten Plakat des indonesischen Künstlerkollektivs.

Noch ein Kopfschütteln. Nein, auf eine Diskussion mit den Künstlern des Inselstaats lege er keinen Wert. „Ich will mit diesen Leuten nichts Gemeinsames haben.“ Er genieße ein Privileg. „Ich mache nur, was ich machen will.“ Und da arbeitet er als Künstler weiter auf ein Ziel hin: „Ich versuche, meinen Platz in der Welt zu finden.“

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