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Frankfurt: Die Liebe im Wettbewerb

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Von: Andreas Hartmann

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Anica Haubrich (vorne), Muriel Valentin (links hinten) und Larissa Wunderlich beim Proben im Schauspiel Frankfurt. Bild: Peter Jülich
Anica Haubrich (vorne), Muriel Valentin (links hinten) und Larissa Wunderlich beim Proben im Schauspiel Frankfurt. Bild: Peter Jülich © Peter Jülich

Eine Stiftung ermöglicht Jugendlichen in Hamburg, Frankfurt und Dresden die Teilnahme am Theater-Projekt „Unart“ - mit professioneller Anleitung und eindrucksvollem Ergebnis

Der Weg durch die endlosen Gänge des Frankfurter Schauspielhauses am Willy-Brandt-Platz ist lang und verwinkelt und endet schließlich in einem Probensaal hoch oben über den Dächern der Stadt, den Besucherinnen und Besucher von Oper oder Theater wohl nie zu Gesicht bekommen. Das ist ein Ort für die Profis. Der abendliche Main vor den großen Fenstern sieht spektakulär aus, doch die 15-jährige Larissa Wunderlich, die 18-jährige Muriel Valentin und die 24-jährige Anica Haubrich, die grade mit dem Choreografen Jason Jacobs hier proben, haben dafür keinen Blick.

Dass die drei jungen Laienschauspielerinnen hier unter Anleitung des versierten Tanzpädagogen von der Frankfurter Hochschule für Musik und darstellende Kunst seit November für ihre Performance üben dürfen, ist etwas ganz Besonderes, das ahnt man schon.

„Es ist ein cooles Projekt“, sagt der gebürtige New Yorker Jacobs, der sich von der Begeisterung der drei anstecken lässt. „Wir müssen hier ganz anders arbeiten als an der Hochschule, wir springen bei unseren Proben immer direkt rein. Ich mag das sehr gerne, man spürt die Frische.“

Die jungen Frauen bilden eine von aktuell fünf Gruppen in Frankfurt, die mit professionellen Coaches jeweils ein eigenes Tanz-, Musik- oder Theaterstück erarbeiten. Jason Jacobs ist erstmals als Lehrer daran beteiligt. Alle Teilnehmer:innen haben sich beworben, ein Casting durchlaufen. Klingt das jetzt ein bisschen nach TV-Show mit fieser Jury und Seifenopern-Elementen? Es ist aber etwas ganz Eigenes, Kreatives und Verbindendes, da werden keine „Superstars“ geformt wie im Fernsehen. Hier geht es ums Dabeisein, nicht um Siege oder Niederlagen. Es gibt viel Zeit und Sorgfalt bei der Vorbereitung, aber klar, am Ende steht auch hier eine Aufführung vor Publikum.

Möglich macht es die gemeinnützige Stiftung der Oddo-BHF AG, die mit ihrem Wettbewerb „Unart“ seit vielen Jahren Jugendliche in Hamburg, Dresden und Frankfurt für die Bühne begeistern will. „Es ist ein Projekt, das uns sehr am Herzen liegt. Zum Aufwachsen gehört es, sich auszuprobieren. Wir wollen junge Menschen dazu couragieren“, sagt Sigrid Scherer von der Stiftung. Sie ist seit 2007 dabei und hat bisher alle Jahrgänge des Wettbewerbs und sämtliche Performances erlebt.

Das sind inzwischen ganz schön viele. Etwa 1300 Jugendliche haben an dem alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerb teilgenommen, haben sich begeistern lassen für das Unbekannte in der Kunst, sich führen lassen von Dramaturginnen, Schauspielern und sonstigen kreativen Profis, standen auf echten Theaterbühnen. „Am Anfang ist es erst mal schwer zu vermitteln, wie groß die Chancen sind, die das Projekt bietet“, sagt Scherer. „Ich treffe immer mal wieder Ehemalige und habe stets das Gefühl, dass sie durch das Projekt gewachsen sind.“

Der Wettbewerb

„Unart“ gibt es seit inzwischen 15 Jahren, rund 1300 Jugendliche haben bisher an dem von der BHF-Bank-Stiftung finanzierten Projekt teilgenommen und sich begeistern lassen, nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Berlin, Hamburg und Dresden.

Der Name passt zu einem Jugendwettbewerb. Wer jung ist, will nicht artig sein, aber Art, Kunst, das ist auch für Jugendliche etwas sehr faszinierendes, wenn ihnen der Weg zu multimedialen Performances von Profis wie der bekannten Theaterpädagogin Martina Droste vom Schauspiel Frankfurt oder dem Choreographen Jason Jacobs erklärt wird.

Höhepunkt des alle zwei Jahre stattfindenden Wettbewerbs ist eine öffentliche Aufführung der von den Jugendlichen erarbeiteten Performances im Schauspiel Frankfurt am Willy-Brandt-Platz, diesmal am 23. und 24. März jeweils um 20 Uhr. Karten gibt es unter Tel. 069/21249494 oder www.schauspielfrankfurt.de.

Unter dem Namen „You Perform“ sind jetzt auch Jugendliche aus dem europäischen Ausland angesprochen, die Premiere wurde allerdings 2020 wegen der Corona-Pandemie auf Juli dieses Jahres verschoben. „Unart“ wurde 2018 mit dem Kulturförderpreis der Deutschen Wirtschaft ausgezeichnet und 2019 für den Deutschen Engagementpreis nominiert. Weitere Informationen unter www.unart.net.

Die unabhängige Frankfurter BHF-Bank-Stiftung, gegründet 1999, verfügt über ein Vermögen von etwa 24 Millionen Euro und fördert Wissenschaft, Soziales, Kunst und Kultur. Seit der Gründung hat sie etwa 18 Millionen Euro für gemeinnützige Vorhaben ausgeschüttet, wie Geschäftsführerin Sigrid Scherer berichtet. Weitere Informationen unter www.bhf-bank-stiftung.de. aph

Ein ganz, ganz altes, ja, eigentlich das älteste Thema überhaupt haben sich Anica, Muriel und Larissa für ihre Vorführung, ausgesucht – sie handelt von der Liebe in den Zeiten des Coronavirus. Das müsste Jugendliche doch stets ganz besonders beschäftigen. Aber weit gefehlt. „Ich finde es sehr interessant, wie wenige Gruppen das Thema Liebe bisher aufgegriffen haben, obwohl es doch so naheliegend scheint“, sagt Scherer. „Ich glaube sogar, dies ist die erste Gruppe überhaupt.“

Die drei Performerinnen wundern sich selbst darüber. „Das ist doch ein Thema, mit dem alle etwas anfangen können“, sagt Larissa über „Romeo oh Romeo“, so der Arbeitstitel der Performance. „Langsam nimmt es auch Formen an. Wir hatten immer neue Ideen, und jede Probe war bisher anders“, erzählt die 15-Jährige begeistert. „Aber wir gehen kritisch auf das Thema Liebe ein. Warum gibt es darüber so viele Bücher und Filme?, fragen wir uns.“

Ja, sie habe sich auch gewundert, dass Liebe offenbar erstmals ein Thema im Wettbewerb sein wird, sagt Muriel. „Wir dachten bei der Themenwahl, das sei ja gerade der Witz, dass Liebe so präsent ist.“ Das hier sei ganz anders als etwa Proben im Schultheater, sagt sie. „Da wird gesagt, mach dies, mach das – hier hingegen sollen wir das selbst herausfinden.“

Es sei schon sehr cool, in den Kammerspielen des Schauspiels auftreten zu dürfen. „Wir müssten mal eine Performance über Corona machen“, sagt Anica und lacht.

Es ist ja ein Thema, das seit zwei Jahren den Alltag dominiert. Die Corona-Pandemie hat auch bei dem Wettbewerb der BHF-Bank-Stiftung einiges gehemmt, 2020 etwa hätten erstmals Gruppen aus fünf europäischen Ländern bei dem neuen, auf „Unart“ aufbauenden internationalen Format „You Perform“ mitmachen sollen. Aber es werden wieder bessere Zeiten kommen. In Frankfurt, Dresden und Hamburg wird gerade wieder live geprobt, „das war uns sehr wichtig, dass wir das auf der Bühne machen können“, sagt Scherer.

Dank der neuen Lockerungen darf auch wieder vor größerem Publikum gespielt werden, beim Finale im Schauspiel Frankfurt am 23. und 24. März und zum Abschluss mit den ausgewählten Gruppen aus allen Städten beim „Best of Unart“ am 17. Mai im Staatsschauspiel Dresden.

Zwei der Frankfurter Gruppen, die nach den Aufführungen im Schauspiel ausgewählt werden, sind dann dabei. Und vielleicht nehmen sie ein Stück Liebe mit nach Dresden.

Coach Jason Jacobs . Bild: Peter Jülich
Coach Jason Jacobs . Bild: Peter Jülich © Peter Jülich
Besprechung mit dem Coach. Bild: Peter Jülich
Besprechung mit dem Coach. Bild: Peter Jülich © Peter Jülich

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