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Und jetzt müssen all die Wahlplakate wieder weg.
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Und jetzt müssen all die Wahlplakate wieder weg.

Bundestagswahl

Frankfurt: Die große Leere nach der Wahl

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Was sollen wir bloß mit uns anfangen, jetzt, da die Kreuzchen gemacht, die Stimmen ausgezählt sind? Ein Modetrend zeichnet sich ab.

Was soll nur werden. So viele Monate konnten wir fest davon ausgehen, dass abends was Interessantes los sein würde. Ein Brennpunkt zur Wahl. Eine sensationelle neue Umfrage zur Wahl. Gewachsene Balken, geschrumpfte Balken. Seltsame Leute mit Balken vorm Kopp.

Vorbei. Gewählt ist gewählt. Was bleibt, ist Koalitionsgehampel. Und diese Leere.

Das ganze Jahr über hatten wir Spaß, Spannung und Unterhaltung. Radio oder Fernseher an – irgendjemand hatte garantiert die eigene Dissertation oder eine Magisterarbeit bei jemandem abgeschrieben. Oder zumindest den Einkaufszettel von Tante Mariechen plagiiert, was ebenso unweigerlich zum Absturz in der Wählergunst führen musste.

Dauernd war Remmidemmi auf dem Frankfurter Römerberg. Menschen, die uns das Blaue, Rote, Schwarze, Gelbe, Grüne vom Himmel herunter versprachen. Wahlkampfstände an jeder Ecke. Aber am besten waren die Fettnäpfchen. Irgendjemand hatte seinen Genossen lächerlich gemacht. Irgendjemand hatte die Schwesterpartei desavouiert. Einem der Kandidaten war spontan nichts eingefallen, was er seinen Wählern hätte versprechen können. Einer konnte kein Gedicht auswendig. Einer wurde von Zehnjährigen in die Ecke argumentiert. Einer hatte gelacht, wo er nicht hätte lachen sollen.

Je mehr man aufzählt, desto lustiger wird es, dass einer so lange Zeit als absoluter Favorit galt, der dann am Ende den meisten Blödsinn gemacht hat, um uns zu erheitern. Danke noch mal dafür.

Aber nach der Wahl ist vor dem Nichts. Umso härter, dass wir jetzt ohne eine kommende Wahl dastehen. In zwei Jahren die nächste? Was sollen wir denn bis dahin mit uns anfangen?

Die Parteien haben als Beschäftigungstherapie wenigstens die Suche nach den Wahlplakaten, die eingesammelt werden müssen. Wir sind gespannt, wie viele sie diesmal wiederfinden. Schon laufen Wetten, welche Plakate am längsten hängen bleiben. Bei uns im Stadtteil gibt es einige FDP-Plakate, die sind so mit ihrem jeweiligen Laternenpfahl verschmolzen, die müssen schon dem heiligen Bonifatius den Weg gewiesen haben. Da steht: „Die goldene Mitte zwischen Schwarz und Rot“ – na gut, das war jetzt geflunkert, das Dreiparteiensystem ist länger vorbei als der Bonifatius-Hype. Aber „Die Mitte entlasten“, das könnte ihm geholfen haben, dem wanderfreudigen Heiligen, bei schlimmen Kreuzschmerzen beispielsweise.

Manche Plakate sind quasi „von selbst“ abgegangen von der Stange, an der sie hingen, besonders wenn sie für die Strammrechten warben. Andere werden gerade geerntet und eingemottet. Die meisten Slogans sind nächstes Mal ganz leicht wiederzuverwenden. „Stabile Renten“, „Respekt“, „Nie gab es mehr zu tun“, „Sichere Arbeitsplätze“, „Wurscht, was hier drauf steht“, „Modernes Deutschland“, „Für Frieden und Eintracht international“: Diese Sprüche werden in zwei, vier, acht, sechzehn Jahren alle noch genauso aktuell sein wie heute.

Wir haben da übrigens einen Slogan reingeschmuggelt, der auf gar keinem Wahlplakat stand. Schon gefunden? Andererseits: Heute kann man sich selbst dessen nicht mehr sicher sein. Am Ende gibt es schon eine Partei, die so ehrlich ist, dass sie die Wahrheit auf ihre Wahlwerbung druckt. Die Partei „Die Partei“ warb mal mit dem Slogan „Wahlplakate verbieten“ auf Wahlplakaten. Das könnte durchaus mehrheitsfähig sein, wenn wir darüber einst abstimmen dürften.

Apropos Eintracht. Omid Nouripour, Trendsetter und Eintracht-Fan, hat als erster Grüner das Direktmandat in seinem Frankfurter Wahlkreis gewonnen. Fußballfreunde wissen sehr genau, woran das gelegen hat. Fußballfreunde besitzen nämlich Kleidungsstücke, die sie tragen, bis sie auseinanderfallen, weil sie Glück bringen. Im Berliner Olympiastadion waren am 19. Mai 2018 mit Sicherheit mehr als 30 000 Kleidungsstücke, vom Trikot bis zum Hüfthalter, die gemeinsam das Unglaubliche bewirkt haben, den 3:1-Sieg gegen die Unbesiegbaren.

Omid Nouripour trug im Wahlkampf ununterbrochen eine braune Lederjacke. Der genaue Anteil an seinen 29 Prozent, der auf das Konto der Jacke geht, ist nicht bekannt. Als sicher gilt dennoch, dass diese Lederjacke einer der Frankfurter Modetrends im Herbst 2021 wird. Auch wenn sie, wie man hört, selbst unter den Grünen stilistisch umstritten ist.

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