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Bis zu 17 Meter hoch, Stammumfang 2,70 Meter: struwwelige Kopfweiden am Berger Rücken.
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Bis zu 17 Meter hoch, Stammumfang 2,70 Meter: struwwelige Kopfweiden am Berger Rücken.

Stadtnatur

Frankfurt: Die Frisur aus der Natur

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Kopfweiden waren früher wichtig für Korbmacher. Heute bewahrt die Stadt sie als Denkmale, denn sie können Sachen, die nicht viele Bäume können.

Kopfweiden sind natürlich in allererster Linie unendlich große Flächen, auf denen der Kopf weiden kann, auf denen sich Gedankenherden tummeln und fortpflanzen und die tollsten Ideenfohlen gebären. Köpfe mit besonders viel Auslauf, beispielsweise jener des leider schon in die ewigen Jagdgründe eingegangenen F. K. Waechter, bringen dann Einfälle zur Welt wie den Struwwelpeterbaum in den Schwanheimer Wiesen.

Der ist auch eine Kopfweide, der Struwwelkopf mit den aufgerissenen Augen, denn in zweiter Linie handelt es sich bekanntlich um Bäume. In dritter sogar: um Naturdenkmale. Sie heißen mit weiteren Namen Silber- (Salix alba) oder Korbweiden (Salix viminalis). Letzteres, weil aus den vielen Trieben, die unaufhaltsam aus dem Kopf des Baumes wachsen, früher Körbe geflochten wurden. Heute nicht mehr? Doch, durchaus, sagt Anja Stein von der Unteren Naturschutzbehörde, zuständig für die Pflege der Naturdenkmale, aber wenn, dann besorgten sich die Korbmacher ihr Material wohl eher im Internet.

Die Weidenstöcke, die alle zwei Jahre von den Frankfurter denkwürdigen Weiden abgeschnitten werden – Kopfweiden werden regelmäßig „geköpft“, bis sie glatzköpfig sind –, bleiben vor Ort. „Die belassen wir da, wenn es nicht allzu viele sind, als Totholzhaufen“, sagt Anja Stein. Dann freuen sich kleine Tiere und ziehen mit der Familie ein.

Eine besonders schöne Kopfweidenreihe steht in Bergen-Enkheim, genauer: am Berger Rücken. „Das sind etwa 30 Bäume, wir sind ganz glücklich damit“, sagt Volker Rothenburger, der die Untere Naturschutzbehörde beim Frankfurter Umweltamt leitet. „Kulturhistorisch sind diese Weiden ein bedeutendes Thema.“

Nachdem so ein Baum „auf Kopf gesetzt“, also in Kopfhöhe seiner Triebe beraubt wurde, was häufig für Entsetzen bei arglosen Betrachtern sorgt, aber der übliche Umgang ist und zur typischen Baumfrisur führt – nachdem also alle Zweige ratzekahl abgeschnitten wurden, wachsen rasant unzählige elastische Ruten nach.

Worin besteht der Wert solch eines Baums? „Alte Bäume sind ökologisch wichtig“, erklärt Rothenburger. Mitunter sei es nur noch die Außenschicht, die eine Weide zusammenhalte, während sie innen schon „total vermulmt“, das Holz also zersetzt und aufgeweicht, sei: „Das ist optimal für Vögel und Käfer.“ Die haben es dann leicht, Nistplätze zu bauen. Im Seckbacher Ried, sagt Rothenburger, sei der Eremit in Kopfweiden nachgewiesen worden, ein Käfer, der stark um das Überleben seiner Art bangen muss.

Ob er auch in Bergen-Enkheim wohnt? Das wird zurzeit nicht so genau untersucht, um bloß keine zusätzliche Baumsubstanz kaputt zu machen. Kopfweiden leben nicht allzu lang, sind aber trotzdem enorm zäh. „Irgendwann bricht der Stamm einfach ab – aber der Baum treibt weiter aus“, sagt Anja Stein. „Und die sind unheimlich ausschlagkräftig“, sagt Rothenburger. Es genüge, eine der Ruten in den Boden zu stecken. Sobald genug Feuchtigkeit da sei, wurzele der Ast und treibe auch bald aus.

Demnächst wollen die Fachleute sich alle Weiden angucken, die auf der Liste der Frankfurter Naturdenkmale stehen. Einige davon sind unter www.frankfurt.de aufgelistet. Kriterien für die Einstufung als Denkmal sind Schönheit, Eigenart und Seltenheit. Das trifft auch auf jene Kopfweiden zu, die in Preungesheim auf der Wiese an der Endstation der U-Bahn-Linie 5 stehen. Einer der Bäume sei sehr nah an der Straße gewachsen, sagt Anja Stein. „Da müssen wir gucken, ob wir den erhalten können.“ Es gehe um die Verkehrssicherheit. „Unser Bestreben ist immer: erhalten.“ Und auch: nachpflanzen. Aber Brombeeren könnten dort ruhig auch mal wieder weggemacht werden, mahnt der ortskundige Baumfreund Ingolf Grabow.

Wer Zeit hat, Muße, kann sich sommers unter eine Salix viminalis setzen, Schatten spendet sie ja auch noch, und dann lassen wir gemeinsam den Kopf weiden.

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