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Fecher: Die ersten Baumhäuser fallen

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Von: Thomas Stillbauer, Florian Leclerc

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Menschen demonstrieren gegen die Rodung im Fechenheimer Wald, die Polizei sperrt das Areal ab.
Menschen demonstrieren gegen die Rodung im Fechenheimer Wald, die Polizei sperrt das Areal ab. © Renate Hoyer

Die Polizei beginnt mit der Räumung im Fechenheimer Wald: Baumhäuser krachen zu Boden, Menschen werden weggetragen. Die Autobahn-GmbH lässt Bäume fällen.

Die Nachricht von der Räumung im Fechenheimer Wald kam für viele überraschend. Am Montag teilte die Polizei noch mit, sie warte die gerichtlichen Entscheidungen ab. „Sofern Beschwerde in diesem Verfahren am VGH Kassel eingelegt werden sollte, werden wir diese Entscheidung abwarten“, sagte ein Sprecher, nachdem das Verwaltungsgericht Frankfurt beschieden hatte, einem Baumhausbewohner keinen Zutritt zum Wald zu gewährend. Der Wald ist bis Ende Januar gesperrt.

Am Dienstag um 5.33 Uhr kam die Polizeimitteilung: Der Fechenheimer Wald wird geräumt. Die Beschwerde habe keine aufschiebende Wirkung, sagte der Polizeisprecher am Dienstagmorgen im Fechenheimer Wald.

Die Lage am Donnerstag

Die Polizei setzt an diesem Donnerstag ihren Einsatz zur Räumung des Fechenheimer Waldes in Frankfurt fort. In dem
Gebiet hielten sich weiter Umweltaktivisten auf, wie die Polizei mitteilte. Wie viele Aktivisten sich genau noch in dem Gebiet befinden, konnte die Polizei nicht angeben. Einige hatten sich am Mittwoch mit Seilen hoch in den Bäumen eingehängt. (dpa)

Gegen 7 Uhr hatten sich etwa 30 Personen an der Mahnwache nahe der U-Bahn-Station Kruppstraße eingefunden, um bei der Räumung des Waldes dabei zu sein. Darunter Mirjam Schmidt und Katy Walther, Landtagsabgeordnete der Grünen. Außerdem Bürger:innen, Aktivist:innen, Medienvertreter:innen.

Einfach so durch den Wald zu laufen, ging zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr. Die Polizei hatte sich an entscheidenden Punkten postiert. Medienvertreter:innen gelangten im Pulk an das Waldstück nahe der Auffahrt zur Autobahn 66 nach Hanau. Dort standen sie dann herum. Zu sehen war, wie ein Waldstück binnen weniger Stunden komplett fiel.

Wer noch nie erlebt hat, wie ein Harvester arbeitet, hat keine Vorstellung von der Präzision und Schnelligkeit dieses Geräts. Der Harvester packt einen Baum in der Mitte mit einem Greifarm, sägt ihn entzwei und legt die obere Hälfte am Boden ab. Das dauert zehn Sekunden.

Die untere Baumhälfte sägen Waldarbeiter in etwa 50 Sekunden durch. Nach einer Minute ist ein Baum, der wohl hundert Jahre lang gewachsen ist, gefällt. Sägen sirren, Bäume krachen: Gleich zwei Harvester sind in dem Waldstück im Einsatz. Eine Leitplanke wird funkensprühend zersägt.

Neben den Harvestern fuhren Forstmulcher durch den Wald, von Menschen per Fernbedienung gesteuert, um das Unterholz kleinzumachen. Der Kampfmittelräumdienst prüfte, ob sich alte Munition oder Weltkriegsbomben im Waldstück befanden.

Ein Mensch wird aus dem Wald geführt.
Ein Mensch wird aus dem Wald geführt. © Renate Hoyer

Am Waldeingang hatten sich zwei Menschen in einem Baumhaus verschanzt und kommentierten die Rodung. Etwa 20 Personen hielten sich nach Polizeiangaben am Dienstagmorgen im Rodungsgebiet auf. Einige gingen freiwillig, als die Polizei ihre Durchsagen machte. Die meisten harrten in den Baumhäusern aus.

Für Medienvertreter:innen und parlamentarische Beobachter:innen war es allerdings unmöglich mitzubekommen, wie die Räumungsaktionen an verschiedenen Orten abliefen. Die Polizei wies sie an, sich als Gruppe in einem mit Flatterband als sicher deklarierten Waldstück aufzuhalten.

Landtagsabgeordnete geschubst

Als Katy Walther unter dem Flatterband durchlief, um einen besseren Blick auf die Räumung eines Baumhauses zu bekommen, wurde sie vom Einsatzleiter geschubst und hinter das Absperrband gedrängt. „Ich erteile ihnen einen Platzverweis, wenn sie dem nicht Folge leisten“, sagte der Einsatzleiter. „Ich habe hier ganz klar das Recht, mich im Wald zu bewegen und die Ereignisse zu dokumentieren, denn ich bin quasi Zeitzeugin für die Aufarbeitung der Geschehnisse im parlamentarischen Ausschuss“, sagte Walther. Vergebens.

Auch einer der FR-Reporter, der sich auf eigene Faust von der Mediengruppe entfernte und zum Barrio in den Wald lief, wurde von einem Polizisten wieder zum Waldrand begleitet. Nachdem die Mediengruppe drängte, den Waldeingang zu verlassen, begleitete die Polizei Journmalist:innen und Parlamentarier:innen in den Wald, zum Barrio, hinein. Dort standen sie dann erneut mehrere Stunden herum.

In dieser Zeit räumte die Polizei einige Baumhäuser. Aktivist:innen, die wollten, konnten freiwillig gehen. Im Barrio tat das niemand. Dann kletterten Polizisten mit bayrischem Akzent auf Leitern zu den Baumhäusern hinauf. Die Menschen, die sich dort aufhielten, wurden verschnürt und per Seil hinabgelassen. Anschließend wurden sie weggetragen. „Ihr seid nicht allein, ihr seid nicht allein“, schallte als Solidaritätsbekundung von anderen Besetzer:innen durch den Wald.

Baumhäuser krachen zu Boden

Mit den Baumhäusern machte die Polizei kurzen Prozess. Erst räumten Beamte die Konstruktionen: Matratzen, Banner, Decken flogen hinab. Dann wurden die Seile, an denen die Baumhäuser befestigt waren, gekappt. Unter dem Einsatz von Brechstangen, mit Seilreißaktionen und Fußtritten krachten die Hütten schließlich in sich zusammen. Von Aktivistenseite wurde dies mit derben Beschimpfungen quittiert.

Teilweise lieferten sich die Aktivist:innen ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei. Wurde ein Baumhaus geräumt, kletterten Aktivist:innen auf dem Baum weiter nach oben. Waren dort Traversen gespannt, machten sie sich an den Stahlseilen fest und schwangen sich immer ein Stück weiter, um der Polizei auf den Hebebühnen zu entkommen.

Am Waldrand, nahe der U-Bahn-Station Kruppstraße standen zahlreiche Aktivist:innen und wurden von der Polizei am Zutritt zum Wald gehindert. Eine kurzzeitige Sitzblockade auf der Autobahnzufahrt der A66 nach Hanau löste die Polizei mit einer Reiterstaffel auf.

Vorbei an Barrikaden ins Barrio.
Vorbei an Barrikaden ins Barrio. © Renate Hoyer

Die Räumung ging im Laufe des Tages weiter – bis kurz vor 15 Uhr. Dann beendete die Polizei alle Maßnahmen in der Höhe, sodass einige Baumhäuser über Nacht bewohnt blieben. Am Boden lief der Einsatz bis Einbruch der Dunkelheit mit aller Maschinengewalt. Eine Hütte wurde zum Einsturz gebracht, unmittelbar unter einem Waldbesetzer. Er befand sich auf einer Seiltraverse, die mit dem Baum verbunden war, an dem auch die Hütte befestigt war. Erst nach lauten Protest („Tickt ihr noch richtig? Von wegen Sicherheit vor Schnelligkeit!“) ließen die Arbeiter von der Hütte ab. Am Nachmittag entdeckte die Polizei außerdem einen versteckten Tunnel – just an der Stelle, an der Medien und parlamentarische Beobachter:innen seit Stunden gestanden hatten. Erinnerungen an die Protestbewegung im rheinischen Kohlerevier in Lützerath wurden wach; dort hatte ein Tunnel die Räumung für eine Weile verzögert. Der Tunnel im „Fecher“ sei freilich nur „ein Loch“ gewesen, sagte ein Polizist nach der Inaugenscheinnahme.

Bei der Kundgebung mit Demonstration, die den Tag am Waldrand abschloss, bekräftigte eine Rednerin, die Rodungsgegner:innen hätten „ein starkes Zeichen gesetzt“. Vor mehreren Hundert Demoteilnehmer:innen sagte sie: „Mitten in der Klimakrise können wir nicht zusehen, wie 2023 eine völlig aus der Zeit gefallene Autobahn gebaut wird.“

„Der Planet geht zugrunde“

Alexis Passadakis von der Organisation Klima-Attac sagte, es gehe beim Autobahnprojekt um Profite – verkehrspolitische Begründungen seien „Quatsch“. An Waldrodungen für den Straßenbau gehe „der Planet zugrunde – wir sind hier, um das zu stoppen“. Dass die Räumung am Mittwoch nicht habe beendet werden können, liege daran, „dass die Leute im Wald clever sind“, sagte Passadakis unter dem Beifall der Menge. Der Widerstand vor Ort werde sich nicht mehr lang halten lassen – aber angesichts der Klimakrise dürfe „kein Meter Autobahn mehr gebaut werden“.

Es folgte, wie so oft an diesem Tag, der Sprechchor: „Ihr seid nicht allein!“ Der Zugang zum Wald wurde für die Nacht mit Zäunen abgesperrt.

Eine Leitplanke fällt unter Funkenregen.
Eine Leitplanke fällt unter Funkenregen. © Renate Hoyer

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