1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Deutsch lernen mit Perspektive

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Timur Tinç

Kommentare

Žana Spasovska leitet den A1.1-Deutschkurs bei den Bildungsprofis, der seit dem 1. Juni für geflüchtete Frauen aus der Ukraine gestartet ist.
Žana Spasovska leitet den A1.1-Deutschkurs bei den Bildungsprofis, der seit dem 1. Juni für geflüchtete Frauen aus der Ukraine gestartet ist. © christoph boeckheler*

Das soziale Start-up Bildungsprofis bietet geflüchteten Frauen aus der Ukraine kostenlose Sprachkurse an und vermittelt sie bei Interesse in Berufe im Gesundheitswesen.

Dass Svitlana Kolinenko und Olena Trubnikova noch einmal die Schulbank drücken müssen, hätten sich die beiden Ukrainerinnen vor einigen Monaten nicht vorstellen können. Kolinenko besaß ein Restaurant in Donezk, Trubnikova war Ärztin in Mariupol. Kurz nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar aber sind die beiden Frauen wie so viele Menschen aus ihrer Heimat geflohen.

Seit März leben sie in Frankfurt. Seit dem 1. Juni sitzen sie montags bis donnerstags von 9 bis 13 Uhr im vierten Stock des Bürogebäudes der Bildungsprofis im kostenlosen Deutschkurs A1.1 von Sprachlehrerin Žana Spasovska. „Wir verstehen die deutsche Sprache schon ganz gut, aber die Sätze zu bilden ist schwierig“, sagt Kolinenko.

Übersetzt wird das Gespräch von Olga Knoll, die das Projekt der Bildungsprofis für die geflüchteten Ukrainerinnen leitet. Die 2018 gegründete Nichtregierungsorganisation hat sich darauf spezialisiert, Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund auf eine Arbeit oder Ausbildung im Gesundheitswesen vorzubereiten. „Wir haben bislang immer mit Menschen zusammengearbeitet, die ein gewisses Sprachniveau mitgebracht und Interesse hatten, im Gesundheitswesen zu arbeiten“, sagt Knoll. Wegen des Kriegs in der Ukraine hat das soziale Start-up nachgedacht, wie es den Geflüchteten, insbesondere den Frauen, am besten helfen kann. Da völlig unklar ist, wie lange der Krieg noch dauert, wann und ob die Ukrainerinnen wieder in ihre Heimat können, ist der Spracherwerb von entscheidender Bedeutung, um in Deutschland Fuß zu fassen.

Die Mehrheit der 16 Teilnehmerinnen sind auf das Projekt beim Event-Leuchtturm Ukraine an der Frankfurter Messe aufmerksam geworden. Dort hatten sich mehrere Organisationen, Vereine und Initiativen den Geflüchteten vorgestellt. „Ich bin offen für eine Umschulung in einem fremden Bereich“, sagt Kolinenko. Trubnikova würde „gerne weiter im medizinischen Bereich oder in der Pflege arbeiten“. Der Unterricht gefalle ihnen bis dato sehr gut, sagen sie einhellig.

Alle dieselbe Muttersprache

Die Bildungsprofis

Die Bildungsprofis sind eine Nichtregierungsorganisation, die im Jahr 2018 in Frankfurt gegründet wurden. Sie haben sich auf die Qualifizierung und Vermittlung von Menschen mit sprachlichen oder fachlichem Förderbedarf in die Gesundheitsbranche spezialisiert.

Unterstützt wird die gemeinnützige Gmbh vom hessischen Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) und der Arbeitswelt Hessen. Ermöglicht wird die Arbeit durch das Sozialbudget des Ministeriums. Projekte werden darüber hinaus von Geldgebern wie dem Europäischen Sozialfonds

finanziert.

Weitere Informationen unter: bildungsprofis.com

„Der Vorteil der Gruppe ist, dass alle dieselbe Muttersprache sprechen“, sagt Lehrerin Spasovska. So könnten sich die Frauen im Unterricht gegenseitig helfen, wenn eine mal etwas nicht verstehe. Dass sei in anderen Kursen, in denen Menschen aus unterschiedlichsten Nationen sitzen, ungleich schwieriger. Die 38-Jährige teilt sich den Unterricht mit einer Kollegin. Beide Lehrerinnen sprechen darin nur Deutsch. Die Unterrichtsmaterialien sind die gleichen wie in Integrationskursen, die Spasovska zehn Jahre lang geleitet hat, ehe sie zu den Bildungsprofis kam.

Der Unterschied zu normalen Kursen ist, dass sie hier etwas sensibler vorgeht. Bei einer Höraufgabe ging es zum Beispiel darum, ein Geräusch einer Aktivität zuzuordnen. In diesem Fall schaute jemand einen Film an – allerdings war in dem Audioausschnitt eine Schießerei zu hören. „Über solche Kleinigkeiten hat man sich früher keine Gedanken gemacht“, räumt Spasovska ein. „In den nächsten Kursen werde ich das weglassen.“ Außerdem wird weniger über familiäre Themen gesprochen, da dies Wunden aufreißen könnte.

Viele Termine bei Ämtern

Die Sprachlehrerin hat festgestellt, dass die älteren Frauen motivierter sind als die jüngeren, die eher mal abwesend wirken. „Einige von ihnen studieren nebenbei noch online in der Ukraine“, erzählt sie. Problematisch sei nur, dass einige Frauen ab und zu fehlten, da sie viele Termine bei Ämtern wahrnehmen und den Stoff dann individuell nacharbeiten müssen. „Das geht nun mal nicht anders.“

Nächste Woche beginnt ein neuer Kurs mit 14 Teilnehmerinnen. Die Gruppe von Kolinenko und Trubnikova wechselt dann schon in Kurs A1.2, jeweils vier Wochen später folgen A2.1 und A2.2. „Am Ende der Projektlaufzeit hoffen wir, dass unsere Teilnehmerinnen so stabil sind, dass sie in einen B1-Kurs gehen können“, sagt Olga Knoll. Sie hofft, dass das Projekt verlängert wird, damit der Kurs weiter bei den Bildungsprofis laufen kann. „Ziel ist es, die Frauen über A2.2 hinaus beruflich zu orientieren, sie zu vermitteln, bei den Bewerbungsunterlagen zu unterstützen oder auch Vorstellungsgespräche zu üben, damit sie relativ schnell in den Arbeitsmarkt einsteigen können.“

Die Bildungsprofis haben Kooperationspartner wie Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, ambulante Pflegedienste oder Optiker. Am 1. Oktober gründen sie eine eigene Pflegeschule mit dem Namen „Care Comet“. Einer Fachkraft für Pflegepädagogik wird eine Lehrkraft mit Deutsch als Fremdsprache zur Seite gestellt, um Teilnehmerinnen, die die Sprache noch nicht so gut sprechen, zu fördern. Außerdem sollen demnächst in den eigenen Räumlichkeiten Integrationskurse angeboten werden.

Svitlana Kolinenko und Olena Trubnikova werden in den nächsten drei Monaten erst einmal weiter die Schulbank drücken, bevor sich ihnen eine berufliche Perspektive eröffnet. Privat ist Kolinenko schon mal einen Schritt weiter. Sie hat am Dienstag einen Mietvertrag unterschrieben und wird mit ihrem Neffen zum 1. Juli eine eigene Wohnung beziehen.

16 Teilnehmerinnen zählt der Kurs. Ein weiterer mit 14 Frauen startet ab dem 4. Juli.
16 Teilnehmerinnen zählt der Kurs. Ein weiterer mit 14 Frauen startet ab dem 4. Juli. © christoph boeckheler*
Svitlana Kolinenko (rechts) lässt sich eine Aufgabe erklären.
Svitlana Kolinenko (rechts) lässt sich eine Aufgabe erklären. © christoph boeckheler*

Auch interessant

Kommentare