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Frankfurt: Der Wunsch nach nachhaltiger Integration

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Von: Steven Micksch

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Bei einer Podiumsdiskussion im Amt für multikulturelle Angelegenheiten in Frankfurt wird klar: Wenn Einwanderung gelingen soll, braucht es alle Teile der Gesellschaft. Und in vielen Bereichen gibt es noch Verbesserungsmöglichkeiten.

Faisal Shehadeh, Vorsitzender der Syrischen Gesellschaft für Ärzte und Apotheker in Deutschland und tätig am Klinikum Hanau, schwärmte beim Diskussionsabend im Amt für multikulturelle Angelegenheiten von den deutschen OP-Sälen, die ein Traum seien. „Doch was ist ein traumhafter OP ohne Menschen darin“, schob er als Frage hinterher. Für viele ausländische Ärztinnen und Ärzte sei der Weg nach Deutschland immer noch zu schwierig und mit großen Unwägbarkeiten verbunden.

Deshalb sei die Syrische Gesellschaft gegründet worden. Sie unterstützt Menschen mit medizinischem Hintergrund aus Syrien dabei in Deutschland Fuß zu fassen. Die Anerkennung sei allerdings nicht einheitlich. Bei 16 Bundesländern gebe es auch 16 unterschiedliche Anerkennungsprozesse und verschiedene Behörden, die die Abschlüsse anerkennen, so Shehadeh. Der Zugang zu den Prüfungen in Deutschland sei zu kompliziert. In Amerika gebe es beispielsweise verbindliche Termine pro Jahr, auf die man sich einstellen könne.

Neben Shehadeh spürten noch vier weitere Personen beim Interkulturellen Mediendialog Rhein-Main der Frage „Integration und Wirtschaft – alle Probleme gelöst?“ nach. Die Moderation übernahm Joachim Valentin Direktor des Haus am Dom.

Eine der positiven Nachrichten des Abends war sicherlich, dass viele Menschen großes Interesse daran haben nach Deutschland zu kommen und hier zu arbeiten. Alberto Coronado vom Welcomecenter Hessen sieht dies als Chance dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz wurde schon viel verbessert und beschleunigt. Trotzdem sollten zukünftig die Bearbeitungszeiten bei Behörden weiter verringert werden.

Gülabatin Sun, Führungskraft in der Revision der Deutschen Bank (Head of Audit), sieht vier mögliche Hebel gegen den Fachkräftemangel. Zunächst die Migration. 500 000 Menschen bräuchte es dabei jährlich, um die Bedarfe zu decken. Zweitens: Qualifizierte Frauen, die aktuell nicht im Berufsleben sind, dorthin zurückzuführen. Die dritte Möglichkeit sei das Rentenalter weiter anzuheben oder – viertens – die Produktivität durch künstliche Intelligenz und Digitalisierung zu erhöhen. „Wenn wir nicht alle Hebel nutzen, werden wir ein Problem haben unseren Wohlstand in Deutschland zu erhalten“, sagte sie.

Fessum Ghirmazion von der Gewerkschaft IG Metall Frankfurt ergänzte die Hebel noch um Ausbildung und Weiterbildung sowie um die Verbesserung von Arbeitsbedingungen. „Sonst können wir Leute holen, so viel wir wollen. Wenn sie ausgebrannt sind, bringt es nix.“ Er wies zudem daraufhin, dass es nicht nur einen Fachkräftemangel, sondern einen Arbeitskräftemangel im Allgemeinen gebe. Er hoffe wirklich, dass sich in Deutschland die Haltung zur Einwanderung geändert habe. Denn das müsse sie, um das Problem zu lösen.

Ghirmazion forderte ein „klares Statement von diesem Land“, dass es die Migration wolle. Und man müsse aufhören über Nützlichkeit zu reden. Die Menschen müssten komplett genommen werden – mit Familie und auch dann wenn sie nicht mehr arbeiten können.

Der letzte Diskussionsteilnehmer war Emre Berk, Bereichsleiter Berufliche Bildung und Arbeitsmarktintegration beim Frankfurter Verein Kubi (Kultur und Bildung). Er berichtete, dass sich bei der Arbeitsförderung durch die Jobcenter viel tue. Programme wie Perspektiven für Flüchtlinge oder Perspektiven für junge Flüchtlinge seien Beispiele dafür. Essenziell für den Berufseinstieg seien Sprachkenntnisse. In der Regel gebe es flächendeckende Angebote dafür.

Berk wünsche sich, dass perspektivisch auf non-formale und informelle Kompetenzen anerkannt werden. Also Dinge, die auch an anderen Orten oder zu anderen Themen gelernt werden.

Er brachte auch die nachhaltige Integration ins Spiel. Nur wenn die Menschen sich wohlfühlen, würden sie auch bleiben. Dafür sei häufig eine Kultursensibilität auf deutscher Seite nötig. Gülabatin Sun bekräftigte die ganzheitliche Betrachtung der Integrationsbemühungen. Die Integration in die Gesellschaft sei enorm wichtig. Dafür müsse man auch auf jene Menschen schauen, die schon (jahrelang) da sind. Was sei dort verpasst worden und was müsse nun noch nachgeholt werden.

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