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Frankfurt: Der Weltmeister aus Bornheim

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Sohn Rolf hält die Erinnerung an seinen Vater Richard Herrmann wach, der bei der WM 1954 einmal zum Einsatz kam.
Sohn Rolf hält die Erinnerung an seinen Vater Richard Herrmann wach, der bei der WM 1954 einmal zum Einsatz kam. © Peter Jülich

FSV-Spieler Richard Herrmann gehörte 1954 zum Team, das Fußballweltmeister wurde. Am heutigen Samstag wäre er 100 Jahre alt geworden

Michael Görner wird am Samstag ein Grab aufsuchen, an dem er noch nie gestanden hat. Dabei liegt der Verstorbene schon seit 1962 auf dem Bornheimer Friedhof. Der Präsident des FSV Frankfurt erweist einem die Ehre, der an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre und für ihn „ein Sinnbild für die Tradition und den erfolgreichen Weg des FSV ist“: Richard Herrmann, Frankfurts erstem Fußball-Weltmeister (gemeinsam mit dem 2008 verstorbenen Eintracht-Kapitän Alfred Pfaff). Sein Porträt prangt in diesem Jahr auf den Mitgliederkarten des Klubs, ein Fanklub feiert den runden Geburtstag des Idols heute sogar in der Kabine der ersten Mannschaft im Stadion am Bornheimer Hang.

Der wohl größte Spieler des FSV war am vielbesungenen „Wunder von Bern“ beteiligt, wenn auch nur als privilegierter Beobachter. „Er saß in Anzug und Krawatte auf der Tribüne, denn einwechseln durfte man damals noch nicht. Das wurmt mich bis heute, dass die Ersatzspieler damals so außen vor waren“, sagt sein jüngster Sohn Rolf der FR. In seinem Reihenhaus in Bergen-Enkheim kann man dem „Wunder von Bern“ nachspüren. Der Sohn des Reservisten, der 1954 einmal zum Einsatz kam und sogar ein Tor beim bedeutungslosen 3:8 gegen Ungarn schoss, besitzt eine Postkarte mit den Unterschriften aller Weltmeister, eine Miniatur des Mannschaftsbusses und eine Replik des braunen Lederballs, der im Finale zum Einsatz kam.

Das hilft bei der Erinnerung an einen Vater, „von dem wir privat nicht viel hatten“, wie sein älterer Bruder Horst sagt. Denn einen Teil seiner Popularität macht auch das tragische Ende des Mannes aus, der in englischer Kriegsgefangenschaft einen Bornheimer kennenlernte, der ihn 1947 zum FSV brachte, wo er zur Legende wurde und in 320 Oberligaspielen 100 Tore schoss. 1962 dann wurde der achtmalige Nationalspieler ins Katharinen-Krankenhaus eingeliefert, nachdem er wochenlang an Appetitlosigkeit gelitten hatte. Am 27. Juli verstarb er an einer Leberzirrhose in Folge „einer übergangenen Gelbsucht“, wie Horst Herrmann erzählt.

Sie war der unwillkommene Teil des Lohnes für seine WM-Teilnahme, bei der sich fast alle Spieler eine Gelbsucht eingefangen hatten. Angeblich durch die Spritzen des Mannschaftsarztes, was noch Jahrzehnte später Dopinggerüchte am Leben hielt. Herrmanns Gelbsucht indes wurde verkannt und daher nie behandelt. Der im schlesischen Kattowitz geborene Linksaußen starb mit nur 39 Jahren, er hinterließ Frau Lilo und Söhne im Alter von sieben und zwölf Jahren.

Zu Lebzeiten des Vaters hatten sie seine Popularität weniger wahrgenommen als danach. „Wir haben auch nie groß über die WM gesprochen. Angegeben hat er ja nicht“, sagt Rolf. Gewisse Privilegien aber blieben nicht aus. Bundestrainer Sepp Herberger schenkte den Söhnen jedes Jahr Fußballschuhe von Adidas, und dass Enkel Andreas heute Talentscout von Manchester United ist, mag auch daran gelegen haben, dass er seine Abstammung von einem Weltmeister auf Anweisung des Vaters in der Bewerbung erwähnte. Rolf Herrmann weiß auch noch, dass sein Lehrer am ersten Schultag in der Carlo-Mierendorff-Schule in Preungesheim die Klasse fragte: „Wisst ihr denn eigentlich, dass wir hier einen Weltmeister-Sohn in der Klasse haben?“ Und als er seine Lehre bei der Deutschen Bank antrat, holte ihn der Abteilungsleiter nach der Einweisung zu sich und raunte: „Herr Herrmann, ich habe Ihren Vater spielen sehen!“

Das war wohl der am meisten gehörte Satz im Leben der Söhne, die ihre Karrieren beim FSV wegen Verletzungen früh beenden mussten und von 1984 bis 2022 den Zeitschriftenladen der Eltern im Schatten des Uhrtürmchens führten, den in Bornheim alle kennen. Auf dessen Rolladen prangt das Konterfei des Weltmeisters, aufgesprayt von einem Künstler, der eigentlich Heinz Schenk porträtieren wollte – doch Herrmanns Söhne hatten eine bessere Idee …

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