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Frankfurt: Der Rückkehrer

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Von: Timur Tinç

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Danijel Dejanovic ist an die Frankfurter Volkshochschule zurückgekehrt, jetzt als Leiter.
Danijel Dejanovic ist an die Frankfurter Volkshochschule zurückgekehrt, jetzt als Leiter. © christoph boeckheler*

Danijel Dejanovic leitet seit Dezember die Volkshochschule und muss vor allem erst mal mit den Folgen der Corona-Pandemie fertigwerden.

Der Flur im vierten Stock der Volkshochschule (VHS) Frankfurt ist fast wie ausgestorben. Die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sitzen im Homeoffice. Das kommt für Danijel Dejanovic nicht infrage. Der 51-jährige leitet seit 15. Dezember die Bildungsinstitution und hat alle Hände voll zu tun, sie durch die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen der Coronavirus-Pandemie zu manövrieren. „Wir könnten ängstlich sein. Aber wir planen für den nächsten Zyklus im Herbst und Winter mutig“, sagt Dejanovic. Die Kursangebote werden wieder hochgefahren, neue Formate sind in der Planung, um die Menschen wieder für die VHS zu gewinnen.

Danijel Dejanovic hat vor einigen Jahren selbst noch einmal Lust gefunden zu studieren. An der TU Kaiserslautern schloss er 2016 einen Masterstudiengang in Erwachsenenbildung ab. „Ich habe mehr Spaß am Studieren bekommen, weil ich dann das, was ich schon getan habe, auch wissenschaftlich abgleichen konnte“, sagt Dejanovic.

Geboren wurde er im schwedischen Jonskjöping als Sohn von aus dem ehemaligen Jugoslawien stammenden Eltern. Im Alter von fünf Jahren zog er mit der Familie in den Kreis Offenbach, nach Rodgau. Dejanovic besuchte das Offenbacher Leibniz-Gymnasium und nahm nach seinem Abitur an der Goethe-Universität ein Politologiestudium auf.

Zur VHS Frankfurt kam er bereits 1993, um als Kursleiter für Deutsch als Fremdsprache zu arbeiten. „Das Thema Bildung hat mich schon immer fasziniert“, sagt Dejanovic, der in Offenbach lebt. Gleichzeitig interessierte er sich stark für das Thema Computer. Er brach sein Studium irgendwann ab und machte seinen Informatik-Betriebswirt an der VWA in Frankfurt. In der VHS arbeitete er als Systemadministrator, IT-Leiter, als Fachbereichsleiter und stellvertretender Direktor. Kurz vor seinem 20. Dienstjubiläum als festangestellter Mitarbeiter wechselte er 2019 erst nach Groß-Gerau und danach kurz in die Region Kassel.

Dann wurde die Leitung der VHS in Frankfurt ausgeschrieben. „Ich bin gerne zurückgekommen“, sagt Dejanovic. „Ich habe noch gefühlt 90 Prozent der Mitarbeitenden gekannt.“ Den ersten Monat nutzte er, um Gespräche mit den Mitarbeiter:innen zu führen und sich wieder einzufinden.

Vor der Pandemie gab es 2019 noch 4861 Kurse mit 53 339 Belegungen beziehungsweise Buchungen. Im vorigen Jahr waren es 3215 Kurse mit 27 921 Belegungen, 28 Prozent der Kurse fanden digital statt – 2019 lag die Quote bei nur bei 0,11 Prozent. „Wir bauen hybride Lernformate aus“, sagt Dejanovic. Auch für die Sprachkurse, die viele Menschen brauchen, um einen Aufenthaltstitel zu bekommen oder eingebürgert zu werden. In der VHS überlege man derzeit, ob mit fixen oder mobilen Systemen gearbeitet werden solle. Außerdem müssen sich sowohl die Dozentinnen und Dozenten als auch die Teilnehmer:innen auf den Stand der Technik bringen.

„Anders als für die Schulen gibt es für uns keinen Digitalpakt“, beklagt Dejanovic. Er könne keine Hardware wie Laptops oder Tablets an Teilnehmende ausgeben. Dabei habe die VHS auch mit Zielgruppen zu tun, die nicht über Medienkompetenz verfügten. Außerdem stellten sich auch Fragen wie: Haben die Menschen den Raum zu Hause? Ist die Internetverbindung gut genug?

„Wir verlieren durch Corona Zielgruppen, für die wir eigentlich da sein wollen und die mitmachen müssen. Die verzichten dann von sich aus“, sagt Dejanovic. Es sei heute noch gar nicht abzuschätzen, wie sehr sich das Verhalten der Menschen durch die Pandemie verändert habe. „Ich mache mir keine Sorgen um das Thema: ,Ich muss was lernen‘, sondern um das ’Ich will was lernen’“, erklärt Dejanovic. Menschen hätten andere Interessen für sich gefunden.

Dozentinnen und Dozenten unterrichteten mittlerweile über Onlineplattformen und verdienten so ihr Geld. Auch hier besteht die Gefahr, dass einige so gar kein Interesse oder nicht mehr die Notwendigkeit haben, in der VHS zu unterrichten.

Viele Geschäfte und Einrichtungen, die das Programmheft der VHS führen, haben die Auflagen reduziert, weil die Frequenzen stark gesunken sind. Deshalb suchen Dejanovic und seine Mitstreiter:innen nach anderen Vertriebskanälen, um Aufmerksamkeit zu erregen. Das Gartenprojekt sei zum Beispiel eines, um die Menschen in die Institution zu holen, um ins Gespräch zu kommen. „Wir brauchen viel mehr Lernermöglichung. Zum Beispiel in Lernateliers. Wir wollen Formate etablieren, in denen Menschen sich ausprobieren können“, sagt Dejanovic. Ein Ansatz aus Skandinavien, den er sehr schätze. „Es zeigt sich, dass Lernen global stattfindet und nicht kommunal begrenzt werden kann.“

Deshalb möchte er die Internationalisierung vorantreiben, die VHS mit Migrantenvereinen vernetzen, zudem enge Kontakte zu diplomatischen Corps pflegen.

Kürzlich war der serbische Konsul bei ihm, um über Kooperationsmöglichkeiten in diesem Jahr zu sprechen, da Novi Sad eine von drei Kulturhauptstädten ist. Genauso wie die litauische Stadt Kaunas. Die VHS will entsprechende Angebote ausarbeiten. „Wir werden mit unseren Bildungsangeboten attraktiv sein“, ist Dejanovic überzeugt. In den kommenden Monaten werde es darauf ankommen, bei den Menschen wieder die Neugierde auf das Lernen zu wecken.

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