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René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt
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René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, geht in den Ruhestand.

Porträt der Woche

Frankfurt: Der Pandemie-Experte, dem man nicht zuhörte – „Widerlegt wurde ich bisher nicht“

  • Jutta Rippegather
    VonJutta Rippegather
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René Gottschalk, Chef des Gesundheitsamts Frankfurt, geht in den Ruhestand. Die Corona-Pandemie hat ihn bundesweit bekannt gemacht.

Frankfurt - Das Ägäische Meer über dem Schreibtisch, neben der Tür das riesige Porträtfoto eines alten Athleten, an der Fensterfront die Uhren mit den Weltzeiten. Und auch die afrikanischen Figuren stehen am gewohnten Platz. Auf den ersten Blick deutet im Büro von René Gottschalk nichts auf den anstehenden Umzug hin. Wäre da nicht der Karton auf dem Sideboard – mit dem handgezeichneten Liegestuhl und der Aufschrift: „Bin denn mal im Ruhestand“.

Corona-Pandemie in Frankfurt: Wer folgt auf Gottschalk?

Das Päckchen hat die „Schokoladen-Dealerin“ aus Lörrach geschickt – eine Patientin aus der Zeit, als der Frankfurter als Internist und Experte für Eisenspeicherkrankheiten an der Uniklinik arbeitete. Das ist 30 Jahre her. Seitdem versorgt sie ihn mit feinstem Naschwerk aus der Schweiz. Vor rund vier Wochen kam das Präsent im fünften Stock des Frankfurter Gesundheitsamts an. Da war es pickepackevoll und richtig schwer. Jetzt nimmt die Zahl der kalorienhaltigen Tütchen rapide ab. So wie die Zeit, die noch bleibt, bis der vernaschte und doch schlank gebliebene Behördenchef das Büro für seinen Nachfolger räumt. „Mein Wunschkandidat.“ Mit Peter Tinnemann (53) beginnt der Generationswechsel an der Amtsspitze. In zwei Jahren hat Vize Antonie Walczok ebenfalls das Pensionsalter erreicht.

Der Countdown läuft. Nach 23 Jahren im Dienst für seine Heimatstadt, darunter zwölf als Chef, naht mit dem 18. Juni der letzte Arbeitstag des Experten für Infektionskrankheiten wie Ebola, Lassa oder Sars. Dass er sich in der aktuellen Pandemie mit Äußerungen jenseits des Mainstreams viele Feinde machte, ficht ihn nicht an. Ein wenig mag er die Rolle des Buhmanns sogar genossen haben, der als Kontrapunkt gerne in die Talkshows eingeladen wurde. Über den seine Gegner in sozialen Medien reflexartig den erwartbaren Mist ausschütteten. „Widerlegt wurde ich bisher nicht.“ Was ein Geschrei. Aber der Grund dafür, dass er sich in den vergangenen Monaten aus der Öffentlichkeit zurückgezogen habe, sei ein anderer gewesen, versichert Gottschalk. Er wollte sein Team auf seinen Abgang vorbereiten.

Corona In Frankfurt: Schulen sollten offenbleiben

„Ich bleibe bei meinen Aussagen.“ Etwa zu Luftfiltern in Klassenräumen. Das Coronavirus Sars-CoV-2 übertrage sich hauptsächlich per Tröpfcheninfektion, sagt er. Filter verhindern dies nicht, sondern schaden eher, weil sie sich mangels Wartung zu Dreckschleudern entwickeln. Zweiter Aufreger: Schulen sind keine Treiber der Pandemie und können offen bleiben. Sicher kommt es auch dort zu Ansteckungen. Doch nur, weil die Viren von außen eingetragen wurden.

Würde es nach dem Infektiologen gehen, könnte die Eintracht vor Publikum spielen, wären die Städtischen Bühnen offen, die Museen, Geschäfte und viele andere Einrichtungen mit guten Hygienekonzepten ebenfalls. „Maskenpflicht ist das Einfachste.“ Dass manche Leute auf der Zeil das bis heute nicht kapiert haben, macht ihn rasend. So wie die Ausgangssperre, die Menschen in die engen Wohnungen zwingt, wo die Ansteckung viel größer ist als draußen. „Das ist nicht angemessen.“

Ein Arzt orientiert sich bei seinen Entscheidungen an den aktuellen Erkenntnissen der Wissenschaft. Ein Vorgehen, das Gottschalk in der Bundespolitik vermisst: „Es werden Gesetze gemacht aufgrund nicht vorhandener Evidenz. Das ist nicht in Ordnung.“ Die wahren Expert:innen seien die Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitswesens. „Wir haben das Ganze im Blick.“ Nicht die Virolog:innen, die sich in den Talkshows die Klinken in die Hand gaben. Nicht ein SPD-Abgeordneter Karl Lauterbach oder eine Anne Will. „Sie wollen ja auch nicht von einem Augenarzt am Herzen operiert werden.“ Schlecht zu sprechen ist er auf die Lehrerlobby, die es geschafft hat, dass ihre Klientel früher geimpft wird als so mancher 85-Jähriger, obwohl der im Fall einer Infektion viel wahrscheinlicher auf der Intensivstation landet.

Corona-Experte muss politischen Vorgaben folgen

Aus seinen Worten spricht viel Frust. Verständlich. Der Behördenleiter muss politischen Vorgaben folgen, deren Sinn er zum Teil nicht sieht. Die Hauptenergie aller Beteiligten fließt in die Kontaktverfolgung. Die zur Unterstützung angerückte Bundeswehr hat dafür sogar den großen Veranstaltungsraum im Erdgeschoss okkupiert. „Das ist ein Riesenaufwand, wir haben das ganze Amt umgekrempelt.“ Dabei hatte Gottschalk schon vor einem Jahr dafür plädiert, einen stärkeren Fokus auf den Schutz der Risikogruppen zu legen – etwa den Menschen in den Altenheimen. Steht so übrigens auch in diversen Fachzeitschriften. Kümmerte trotzdem keinen. So wie das vor Jahren im Auftrag seines Amts von einem IT-Experten ausgearbeitete Konzept für eine digitale Vernetzung der Gesundheitsämter. „Es wurde wegen der hohen Kosten abgelehnt.“ Doch plötzlich ist mehr als genug Geld da. Für Sormas oder die Luca-App, von der er überhaupt nichts hält: „Sie macht uns nur noch mehr Arbeit.“

René Gottschalk, Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt, geht in den Ruhestand. Der Pandemie-Experte, der nicht gehört wurde

Ja, gibt der 64-Jährige zu, die Erfahrungen der vergangenen Monate erleichterten den Abschied. „Die Expertise dieses Amtes wurde nicht genutzt, das war ein großer Fehler.“ Im Gegensatz zu den meisten Gesundheitsämtern sei die Personalausstattung des Frankfurters sehr gut, es verfüge über großes Know-how und sei in der Stadtpolitik hochangesehen. Seine direkten Vorgesetzten nimmt er explizit von seiner Kritik aus. Er meint Berlin und kommt als Nächstes auf die Fehler bei der Kommunikation. „Die widersprüchlichen Regeln, da greife ich mir an den Kopf.“ Dann die „tollen Namen“ wie Bundesnotbremse oder 37. Fassung der Corona-Kontaktbeschränkung. „Ich bin fassungslos.“

Händeschütteln abgewöhnt: Corona-Experte aus Frankfurt

Damit muss sich der Frankfurter nun definitiv nicht mehr herumschlagen. Zum Abschied gibt es noch einen Trost: Das Händeschütteln haben sich die Leute am Ende seiner Amtszeit dann doch noch abgewöhnt. Seit Jahrzehnten fordert er eine Ende dieses „mittelalterlichen Brauchs“. Auch dass das Maskentragen nicht mehr ein Alleinstellungsmerkmal der asiatischen Touristen auf dem Römerberg ist, sieht er gerne. „Wer hätte gedacht, wie schnell sich die Verhaltensweise ändern kann.“ Ob nachhaltig – da hat er seine Zweifel: Die Erfahrung zeige, dass der Mensch sehr schnell vergesse.

Bis zur nächsten Pandemie also. Denn die ist so sicher, wie die aktuelle vorhersehbar war. Dann ist die Schokolade längst aufgefuttert, das Ägäische Meer hängt an einem anderen Nagel und Gottschalk forscht bei Sandra Cieseck am Institut für Medizinische Virologie an der Uniklinik Frankfurt oder hält Vorlesungen an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen. Ein paar Reisen sind auch in Planung. Aber erst mal freut er sich auf die Abschiedsfeier mit ausgeklügelten Hygienekonzept am 9. Juli. Sechs Tage vorher feiert Gottschalk seinen 65. Geburtstag. Die Zeichen stehen auf Neuanfang – „ein großartiges Gefühl“. (Jutta Rippegather)

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