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Das Lerchenfeld in Niederursel, aktuelles Lieblingsprojekt von Ingolf Grabow und den Lebewesen, die dort wohnen.

Stadtnatur

Frankfurt: Der mit dem Biber baut

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
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Ingolf Grabow wird am Sonntag 80 Jahre alt, und was wäre die Frankfurter Stadtnatur ohne ihn?

Ingolf Grabow plant für Sonntag keine Geburtstagsparty. Die Zeiten laden nicht zum Feiern ein, ganz Frankfurt kennt ihn eh als bescheidenen Mann, der ungern viel Aufhebens um sich macht. „Ich hab’ eigentlich nie groß Geburtstag gefeiert“, sagt er.

Kann allerdings sein, dass ein paar Mauersegler und Störche extra noch nicht nach Afrika abgeflogen sind, damit sie Ingolf Grabow noch zum Achtzigsten gratulieren können. Schwalben dürften kurz vorbeisausen, Amseln „Happy Birthday“ zwitschern, Lerchen aufgeregt im Garten quasseln, Falken aus der Höhe fiepen. Vielleicht kommen auch Kröten und Biber, Hasen und Bienen. Denn sie alle wissen: Einen besseren Freund als diesen wirst du nicht so leicht finden.

Wer das Glück hat, ihn und seine Frau schon vorher besuchen zu dürfen, wird mit Kuchen und Kirschsaft im Garten verwöhnt, alles selbst gemacht. Der Jubilar breitet Landkarten und Akten auf dem Tisch aus: Arbeitsnachweise eines Lebens für die Stadtnatur. Er zeigt, was sich getan hat und was sich noch tun müsste.

Naturschützer beim BUND und beim Nabu ist Ingolf Grabow seit Jahrzehnten, auch Beauftragter der Vogelschutzwarte, das wissen die Leute. Er steht ja regelmäßig in der Rundschau, weil stets berichtenswert ist, was er macht. Was viele noch nicht wissen, ist ... aber fangen wir von vorne an. In Lüneburg geboren und aufgewachsen lernt Ingolf Grabow Schmied und Schlosser und geht nach altem Brauch auf die Walz. „Drei Monate war ich zu Fuß durch Deutschland unterwegs.“ In Frankfurt findet er Freunde und eine gute Arbeit bei den Praunheimer Werkstätten.

War’s das? Noch lange nicht. Nach einem Jahr zieht es ihn weiter, zuerst nach Köln, wo er sich als Entwicklungshelfer ausbilden lässt, und dann – nach Bombay. Mit zwei Freunden auf großer Reise. Die Zeit dort prägt sein ganzes Leben: „Ich war 21 und total überfordert, aber unsere Abenteuerlust hat alles überdeckt.“ Noch heute hält er Kontakt zum Subkontinent. Einer, der damals erst zwölf war, ist inzwischen Geschäftsmann und kommt jedes Jahr aus Indien zu Besuch.

In den 60er Jahren schaut sich Grabow in Berlin um und kehrt schließlich 1965 zurück zu den Praunheimer Werkstätten, wo er bis zur Rente 2003 bleibt, Arbeitsgruppen für Menschen mit Behinderung leitet, Tische und Bänke mit ihnen baut.

Der Wald als Lernort

Eine Hauptrolle in seinem Leben spielt stets die Natur. Schon als Kind ist er immer draußen. „Wir hatten gar nicht solches Spielzeug – wir waren im Wald, von April bis Oktober in kurzen Lederhosen. Da lernt man so viel.“ Er schwört auf Waldkindergärten.

Und aufs Fahrrad. „Radfahren macht den Kopf frei, man kriegt gute Gedanken.“ Die hatte er, als er in den 80er und 90er Jahren Vorschläge für Vogelschutzgebiete in Frankfurt machte. „Tom Koenigs, der Umweltdezernent, war damals sehr offen dafür.“ Grabows Überzeugung: „Naturschutz fängt vor der Haustür an.“ Er baute einen Staudamm und wartete ab. Irgendwann kam tatsächlich der Biber und baute weiter. „Das war unheimlich erfreulich“, sagt der Biber-Animateur.

Mehr als 3500 Nistplätze für Mauersegler hat Ingolf Grabow angebracht. Sein jüngstes Projekt ist das Lerchenfeld in Niederursel, eine Oase, die auf die Bauern ringsum ansteckend wirkt. „Mein liebstes Plätzchen zurzeit.“ Abgesehen vom eigenen Garten in der Römerstadt natürlich, wo sich Kopfweiden tummeln, die Wegwarte ihren Platz als Lieblingsblume erobert hat, wo wilder Hopfen wächst und auch die eine oder andere meterhohe Möhrenpflanze: „Schöne Blüten für Insekten.“

Wenn man sich das alles in Ruhe anschaut, ist das Gefühl nicht fern: Je mehr Leute wie Ingolf Grabow auf der Welt lebten, desto weniger Probleme hätten wir. Das will er natürlich nicht hören. Er schaut die ins blühende Kraut geschossenen Möhren an. Er sagt: „Der faule Gärtner ist der beste Naturschützer.“ Und der Steinkauz kichert.

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