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Die grüne Bank steht vor dem Eingang des ISOE. Thomas Jahn sitzt da gut.
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Die grüne Bank steht vor dem Eingang des ISOE. Thomas Jahn sitzt da gut.

Porträt

Frankfurt: Der Mann, den es antreibt

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
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Thomas Jahn, Mitgründer des Instituts für sozial-ökologische Forschung, geht nicht in den Ruhestand. Hat jemand etwas anderes behauptet?

Eine Transformation? Nein: die Transformation? „Wenn ich das höre, gehen bei mir alle Lampen aus“, sagt Thomas Jahn. Wenn er hört, dass wir jetzt unbedingt „die Transformation“ brauchen, gesellschaftlich, sozial, ökologisch, gegen die Klimakrise, gegen Pandemien. „Es gibt nicht diese eine große Transformation“, sagt er. „Es verändern sich Formen, es braucht viele Eingriffe, viele verknüpfte sozial-ökologische Transformationen.“ Denn sonst verliere das Anliegen seine Schärfe. „Dann wird es zur Begriffsblase, und alle können sagen: ja, genau!“ Und am Ende fühlt sich wieder niemand verantwortlich.

Eine der vielen Transformationen vollzieht sich gerade im Institut für sozial-ökologische Forschung, kurz: ISOE. Dort räumt Thomas Jahn sein Büro aus. Und Thomas Jahn räumt auch seinen Posten. Die FR verstieg sich unlängst sogar zu der Formulierung, Thomas Jahn gehe in den Ruhestand. Aber nein. Wer ihn kenne, kam es da aus dem ISOE zurück, freundlich, nachsichtig, aber unmissverständlich, der wisse: nein. Ruhestand gewiss nicht. Nebenan geht’s weiter.

1989 gründete der in Tübingen geborene Soziologe als Teil eines Quintetts etwas, das es so noch nicht gab. Um was sollte es gehen? Mitgründer Egon Becker wollte es in einem Gutachten für die Landesregierung mal so sagen: „Die Materie ist eher sperrig, das Anliegen diffizil und der Zugriff eher kompliziert.“ Bei den Feierlichkeiten zum 30-jährigen Bestehen sorgte das für nachhaltige Erheiterung unter den mittlerweile rund 60 Forschenden am ISOE, genau wie der Rückblick auf bisweilen erhobene Vorwürfe: Das Institut sei zu theorielastig. Beziehungsweise zu praxisbezogen. Es kommt halt immer auf den Blickwinkel an.

Es geht um die Beziehung zwischen Gesellschaft und Natur, und zwar ohne Grenzen. Transdisziplinarität ist ein Wort, das Thomas Jahn schon so oft gesagt hat, dass er es häufig gar nicht mehr ganz ausspricht, das Substantiv verzwirbelt sich irgendwo in der Mitte, es ist auch nicht nötig, den Begriff bis zum Ende zu hören, jeder weiß, wie er weitergeht und was er bedeutet: die Zusammenarbeit über Fachbereiche hinweg. Die einzig denkbare Lösung, gerade für unsere ganz großen Probleme.

Warum eigentlich entstand das ISOE ausgerechnet in Frankfurt? „Es konnte nur in Frankfurt entstehen“, sagt Jahn. Aus der Verarbeitung der sozialen Bewegungen heraus. Da sei Frankfurt Brennpunkt gewesen, wo die Studentenbewegung und die Kritische Theorie aufeinandertrafen, wo im Kampf um die Startbahn West alles auf einmal zur Debatte stand, nicht nur der Wald. Es ging um die politische Auseinandersetzung mitsamt der Kritik an großtechnologischen Projekten, wie Jahn es sagt, „am Fortschrittswahn“. Wo die Stadt zudem „ein Dorf“ war, aus dem der Widerstand sich erhob, gallisch, wie es etwa im Berlin jener Zeit nicht möglich gewesen wäre.

Und besonders: die Goethe-Universität als Ort der Auseinandersetzung. Thomas Jahn war nach Frankfurt gezogen, um zu studieren, Soziologie, Politik, Germanistik, Geschichte, um zu fragen und vor allem zu hinterfragen: „Moment mal – stimmt das eigentlich?“

In Frankfurt angekommen, wohnte er mit dem ebenfalls 1952 geborenen Heiner Goebbels zusammen, Musiker, Theatermann, und gründete mit ihm das Sogenannte Linksradikale Blasorchester. Es lieferte einen Soundtrack zur umkämpften Republik, zur Aufarbeitung des vergangen Geglaubten, es präsentierte die „Tagesschau“-Melodie und die Nationalhymne in Zerrissenheit. Seine Lieder hießen etwa „Ohne dass ich sagen würde, ich bin der neue Führer“, „Verstandsaufnahme“, „La resistencia se organiza“, „Baderkatalog“. Jahn spielte die Querflöte, schaffte sich in jener Zeit auch das Sopransaxofon drauf, und das Orchester verglühte fünf Jahre und zwei Langspielplatten später wieder. „Intensiv“, sagt Jahn über diese Jahre, „die prägende Zeit für mich überhaupt.“ Es war die Einwanderungszeit der Politik in die Musik, die Kunst, die Literatur. Als es irgendwo hieß, das Sogenannte Linksradikale Blasorchester sei „frisch und frech“, war das zu viel: „Nee. Nee. Das war nicht, was wir wollten. Die Auflösung der 20-köpfigen Band jährt sich gerade zum 40. Mal. Jahn kehrte nicht ans Instrument zurück, er blieb begeisterter Musikhörer.

ZUR PERSON

Thomas Jahn, geboren 1952, verheiratet, ein Sohn, ist Sprecher der Institutsleitung und wissenschaftlicher Geschäftsführer des Instituts für sozial-ökologische Forschung (ISOE) – noch. Die Funktionen gibt der Mitgründer am 31. März ab. Außerdem ist er unter anderem Sprecher des Schwerpunkts Ökosystemleistungen am Senckenberg-Biodiversitäts- und Klimaforschungszentrum.

Das ISOE, gegründet 1989,
ist eine Denkfabrik mit Sitz in Bockenheim. Seine Expertise
ist stark nachgefragt etwa in der Umwelt- und Stadtplanung. Das 60-köpfige Team entwirft unter anderem Mobilitäts-, Quartiers- und Brauchwasserkonzepte. ill

Wie sieht einer, der das Ganze sieht, unser Corona-Deutschland? Die Taktik gegen die Pandemie? „Man muss grundsätzlich anerkennen, dass Politik und Wissenschaft nicht wirklich vorbereitet gewesen sind auf diese Situation“, sagt er. Und denkt nach. Thomas Jahn denkt im Gespräch nach, wie es nicht viele Menschen tun, und er schaut den Gesprächspartner an, ehe er antwortet. Es kommt vor, dass der Gesprächspartner dann in der leisen Zeit überlegt, ob er eine besonders dumme Frage gestellt hat, auch weil man im Gespräch jetzt häufig nur Augen sieht und keinen vollständigen Gesichtsausdruck. Am Ende der Pause die Erleichterung – es kommt eine freundliche, zugewandte Antwort.

„Was völlig misslingt“, wirft Jahn den entscheidenden Köpfen in der Pandemie vor, „ist der Umgang miteinander. Da ist kein Gefühl dafür, dass sich an dieser Frage so viel entscheidet.“ Interessant sei hingegen, dabei zuschauen zu können, in Echtzeit, wie wissenschaftliche Expertise entstehe. Und festzustellen, wie bitter sich eines räche, nämlich, „dass wir es in den vergangenen 20, 30 Jahren versäumt haben, uns in transdisziplinären Zusammenhängen zu bewegen“.

In einem Radiointerview des Hessischen Rundfunks hörte sich das zum ISOE-Jubiläum noch drastischer an: „Ich bin fassungslos und wütend darüber, wie viele Gelegenheiten versäumt wurden, um weiterzukommen“, sagte Jahn da. Weiterzukommen dabei, konkretisiert er nun, Strukturen zu schaffen, Orte, Routinen, auf die zurückgegriffen werden kann in Zeiten wie diesen. Zeiten, die dringend das Zusammenspiel unterschiedlicher Wissensschätze brauchten.

Die Wissenschaft treffe freilich eine Mitschuld. Sie verschenke Potenzial. Sie müsse auch „nichtwissenschaftliches Wissen“ einbeziehen, Folgen des Handelns oder Nichthandelns stärker skizzieren – auch sagen, was sie nicht weiß: „Wir haben nicht die optimale Lösung, aber das hier sind Wege.“ Jahn bettet alles ein, auch mit den Händen, er baut beim Sprechen unsichtbare Brücken in die Luft, greift, umreißt, schachtelt. Schachtelt auch seine Sätze.

Und findet am Ende den richtigen Ausgang: Die Eckpunkte des Klimawandels seien in den 1970er Jahren klar gewesen, das Expertengremium Club of Rome, sein Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, für jede und jeden nachzulesen. Die Wissenschaft habe die akute Selbstgefährdung der Menschheit längst durchdrungen, als es schließlich die sozialen Bewegungen waren, die die Dringlichkeit des Problems endlich herausschrien. „Die Forschungsgesellschaft hat alles schon einmal durchlaufen, was jetzt für die Gesamtgesellschaft relevant ist.“

Die Sache mit der Wissenschaftsvermittlung, das Eingeständnis: Wir wissen auch vieles nicht, aber hier ist zumindest das, was wir wissen – das erkennt Jahn bei Christian Drosten und Sandra Ciesek, die abwechselnd im Podcast „Coronavirus-Update“ zum Stand der Forschung zu hören sind. „Sie reflektieren das. Mit mehr Bewusstsein wäre das ernster genommen worden.“

Über all diese Fragen denkt und forscht das ISOE, von einem Quintett um Thomas Jahn vor mehr als 31 Jahren gegründet, damals mit geringen Bordmitteln, und heute: 60 Arbeitsplätze. „Es war damals sehr unwahrscheinlich, dass es sich so lange hält“, sagt er. Eine ziemliche Leistung sei das. „Es ist ein Ort des kritischen Denkens geworden, das empirisch Probleme erforscht und die Erkenntnisse anderen zur Verfügung stellt.“ Kritisch weiterdenken, klarer Fall, wird der Mann, nun mit mehr Zeit und weniger Verantwortung. Gern weiterhin Stimme und Wirkung haben. Intellektueller auf dem praktischen Feld der Wissenschaft sein. „Ich weiß, dass es mich weiter antreibt“, sagt Thomas Jahn.

Und ganz nebenbei: Auch nach der beruflichen Altersgrenze beim ISOE zu bleiben, ist gesund. Da kommt einmal wöchentlich eine große Obstlieferung an. Für die ganze Belegschaft.

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