1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Der Elektro-Direktor

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Thomas Stillbauer

Kommentare

Alex Azary in einer Lichtinstallation im Dezember 2021 im Momem.
Alex Azary in einer Lichtinstallation im Dezember 2021 im Momem. © Christoph boeckheler

Alex Azary und die Freunde des Momem sind mit ihrem Clubkulturmuseum nach sieben Jahren endlich am Ziel. Am Mittwoch wurde an der Frankfurter Hauptwache gefeiert.

Sieht so ein Museumsdirektor aus? Oder konkret: Sieht so ein Clubkulturmuseumsdirektor aus, der Chef eines Hauses, das die moderne elektronische Musik feiert? Natürlich. Wie soll er denn sonst aussehen? Er hat sie schließlich mitgegründet, die moderne elektronische Musik. Zumindest den Hype, wie man heute sagt. Damals, als es losging, kannte man so etwas noch nicht: Hype. Und Techno.

Damals war Alex Azary einer derjenigen, die schon früh darauf vertrauten, dass diese neuartige Musik Anklang finden würde. Musik, bei der nicht unbedingt jemand mit einer E-Gitarre auf den Knien liegen und ein kreischendes Solo spielen würde, bei der kein schwitzender Schlagzeuger Fontänen von sich werfend auf die Trommeln hauen musste. Auch wenn das durchaus vorkommt bei der Technomusik. Beides. Aber nicht sehr häufig.

Häufiger stand und steht jemand an den Plattentellern und legt auf – Sven Väth etwa, der in Frankfurt seine Weltkarriere als Techno-DJ startete und jetzt Star der ersten Ausstellung im Momem sein wird: im Museum of Modern Electronic Music, dessen Direktor Alex Azary ist.

Er war damals an der Seite von Sven Väth, als er loslegte im Dorian Gray, der legendären Disco am Frankfurter Flughafen. Er war aber auch schon an der Seite von Andreas Tomalla, als er den Schritt wagte, in der Frankfurter Innenstadt die ersten Elektroplatten aufzulegen. Als Tomalla alias DJ Talla 2xlc den Begriff Techno erfand.

Jetzt, Jahrzehnte später, sind Azary und Tomalla und Designer Stefan Weil die Gründer des allerersten Museums für elektronische Musik und Clubkultur auf der ganzen Welt. „It’s simple to tell what saved us from hell“ heißt die Eröffnungsschau: Es ist einfach zu sagen, was uns vor der Hölle bewahrte.

Gerade erst hat das Frankfurter Kindermuseum seinen 50. Geburtstag gefeiert. Ein Kindermuseum. Fünfzig. Kurios. Es war bis vor kurzem an der Hauptwache angesiedelt – exakt dort, wo jetzt das Momem die ganze Geschichte seit der Kindheit der Technobewegung erzählt. Die ersten Kraftwerk-Platten, Depeche Mode, Heaven 17, Propaganda, all die synthesizerbasierte Musik begleitete den Tanz, der um den Globus ging. „It’s simple to tell what saved us from hell“ – mehr als 1200 Treffer zeigt das Internet dazu, alle beziehen sich auf die Momem-Eröffnung, in allen erdenklichen Sprachen und Schriftzeichen geht das Motto um die Welt.

Woher stammt er, der Slogan? „Von den beiden Künstlern“, sagt Azary. Von Sven Väth und Tobias Rehberger, für die Ausstellung kreiert. Der Direktor ist ein wenig außer Puste, es war so viel zu tun in den vergangenen Monaten vor der Eröffnung. Zuletzt nahmen die Abstimmungen mit den Behörden die meiste Zeit in Anspruch. Jetzt wird Väth zum Start also auf der Hauptwache auflegen, nicht auf der Zwischenebene vorm Museum wie geplant. So soll es denn sein. „Wichtig ist jetzt erst mal, dass wir endlich eröffnen.“ Sieben Jahre, nachdem die Freunde des Momem das Konzept erstmals auf der Musikmesse vorstellten.

MOMEM

Das Museum of Modern Electronic Music, kurz Momem, ist nach siebenjähriger Vorlaufphase an der Frankfurter Hauptwache feierlich eröffnet worden.

Momem-Direktor Alex Azary, 59, hat die Entwicklung des Museums, erstes seiner Art, seit 2015 entscheidend vorangetrieben. Fans aus der ganzen Welt warteten seit 2015 auf die Eröffnung.

Plattenladen-Paradies

Alex Azary ist jetzt 59. Hier geboren, Frankfurter mit iranischen Familienwurzeln. Typisch Frankfurt. In jungen Jahren zog er durch die Plattenläden, Montanus, Ralph’s Records, Musikladen, Marions Schallplattenboutique, es gab so viele davon in der Stadt, und so gute.

„Meine musikalische Sozialisation begann mit ,Deep Purple In Rock‘ und ,Deep Purple Live In Japan‘“, sagt er. Dann ging es rasant weiter – Rock, Punk, New Wave, Reggae, Elektro. „Ich bin keiner, der sich seine Lieblingshits von 1990 noch anhört“, sagt Azary. „Ich war schon immer Plattenjunkie, ich habe mein ganzes Taschengeld und meine ganze Freizeit ins Plattenkaufen gesteckt. Musik von morgen und übermorgen gesucht.“ Wenn etwas in den Charts landete, interessierte ihn das schon längst nicht mehr. „Wenn die anderen bei Genesis waren, war ich schon bei The Clash.“ Azary kam stets an die neusten Importe, weil er schon bekannt war bei den Plattenladenbesitzern. Er half beim Auspacken der Kisten. Die Verkäufer riefen ihn an, wenn etwas Neues eintraf.

Und dann war da Andreas Tomalla, damals Verkäufer bei City Music am Hauptbahnhof. Einziger Plattenladen, der bis 21 Uhr geöffnet hatte. Einziger Plattenladen mit Elektromusikabteilung. Die zwei jungen Männer freundeten sich an. Sich auf elektronische Musik festzulegen, auch als Konzept für die Club-Sessions, die Talla 2xlc im „No Name“ am Steinweg hinlegte, „das hat sich mir total erschlossen“, sagt Azary. „Die Herausforderung war, passende Musik zu finden. Es gab gar nicht so viele Platten in der Richtung.“

1982 wurde Alex Azary selbst DJ, als ein Kumpel ihn aufforderte einzuspringen. Er blieb es für immer. „Ob ich noch DJ bin?“ Er macht eine Pause. „Ich habe seit Corona nicht mehr aufgelegt. Aber ich sehe mich schon noch als DJ. Werde ich auch bis in alle Ewigkeit sein.“ Nicht wegen des puren Plattenauflegens. „Was mich daran interessiert hat, war immer, neue Musik zu finden und anderen zugänglich zu machen. Das ist, was mich antreibt und jung hält. Diese Attitüde werde ich immer beibehalten.“

So geht es auch den anderen im Momem-Verein. Talla 2xlc, der als Rund-um-die-Welt-DJ viel online gemacht hat in den vergangenen zwei Jahren. Stefan Weil vom Atelier Markgraph, der einst Plattencover und das Magazin „Frontpage“ für die Szene designte und jetzt das Momem unverwechselbar macht. Alex Coelius von Digitalpartner Cosalux, der den Spirit des Momem digital übersetzt. Musikmanager Mengi Zeleke (Zeleke Brothers), der viel organisierte, als es rund um den Wechsel der Frankfurter Stadtregierung in der Planung holperte und ein Eröffnungstermin nach dem anderen purzelten. All die Freunde des Momem.

„Es gibt noch viel zu tun“, sagt Alex Azary. Viele Facetten soll das Momem haben. Plattform soll es werden, ein Kulturzentrum. Kein stures Museum, das Vergangenheit abbildet. Die Eröffnung mit zwei hochdekorierten Frankfurter Künstlern sei die beste und stimmigste, die er sich vorstellen könne, sagt der Direktor. Und im Sommer, davon geht er aus, wird das Momem dann endlich auch den Platz in der Zwischenebene an der Hauptwache bespielen, von Einheimischen zärtlich „das Loch“ genannt.

„Es ist offensichtlich, dass mit diesem Platz etwas passieren muss“, sagt Azary. Auch das ist es, was ihn antreibt in seiner Stadt. Und jung hält.

Auch interessant

Kommentare