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Frankfurt: Der beste Frieden ist eine dicke Taube

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Von: Thomas Stillbauer

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Professorin Nicole Deitelhoff spricht nicht nur verständlich, sie hat sich auch passend gekleidet – mit Kinderuni-T-Shirt.
Professorin Nicole Deitelhoff spricht nicht nur verständlich, sie hat sich auch passend gekleidet – mit Kinderuni-T-Shirt. © Monika Müller

Kinder und das Thema Krieg: Politikforscherin Deitelhoff zeigt in ihrer Auftaktvorlesung den Ernst der Lage, macht aber auch Mut.

Tausend Kinder in einem Raum – eine Herausforderung. Aber Nicole Deitelhoff hat schon mit ganz anderen Krisen zu tun gehabt. Sie ist Uni-Professorin und vor allem Leiterin der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, das hilft bestimmt. Darum geht es ja heute auch in der ersten Vorlesung der Frankfurter Kinder-Uni: „Wie schließt man Frieden?“

Anke Sauter, die die Studierwoche für Dritt- bis Sechstklässler organisiert, gibt zunächst einen Crashkurs in Original-Uni-Applaus (Knöchel auf die Bank) – „aber so, dass die Bank nicht gleich zusammenbricht“, kann sie gerade noch rufen, ehe alles zusammenbricht. Oder jedenfalls fast. Noch schnell den Studi-Ausweis erklärt, „denn für heute seid ihr alle Studis!“, einige von ihnen sogar mit Mund-Nase-Schutz im riesigen Audimax, schon kann’s losgehen mit dem Frieden.

Aber wie schließt man den? „Ihr hört zurzeit viel mehr über Krieg“, sagt Nicole Deitelhoff. „Mehr Waffen, mehr Waffen! Dabei vergisst man, um was es eigentlich geht. Um den Frieden.“

Ein Vogel spielt eine tragende Rolle. Welcher? „Friedenstaube!“ Frankfurter Uni-Kinder sind schlau. Warum steht die für den Frieden? „Weil die Friedenstaube heißt!“ Entwaffnend schlau. Und warum noch? „Weil sie weiß ist und so einen Zweig im Mund hat!“ Wieso hat sie eigentlich den Zweig im, äh, Mund? Weil es während der Sintflut auf der Arche allen langsam öd wurde, „wann sind wir endlich daha?“, und als die Taube mit dem Zweig zurückkam, wusste man: Land ist nicht weit. Seither war die Taube die Überbringerin der guten Botschaft. Nicht nur Kinder können in der Uni noch was lernen. Was ist eigentlich Frieden? Welche Wege führen hin? Wie sorgt man dafür, dass er erhalten bleibt? Egal, ob es darum geht, wer denn jetzt mal ins Bett muss (immer die Kinder!) oder wer noch mit dem Tablet spielen darf oder um noch ernstere Konflikte – man braucht Verhandlungen, um sie zu beenden, erklärt Deitelhoff so munter, dass alle gern zuhören. Wenn sie nicht gerade mit den Nachbarn verhandeln.

Es geht ja auch um spannende Beispiele. „Stellt euch mal vor, die Bayern würden Hessen überfallen.“ Lieber nicht. Kluge Leute hätten zudem Konzepte ersonnen, den Frieden zu wahren. Einen klugen Kopf zeigt die Dozentin an der Videowand. Wer ist es? Die Kinder-Studis so: Aha, alte Männer raten – „Mozart? Goethe? Napoleon?“ Deitelhoff: „Fängt mit K an.“ – „Beethoven?“ Aber dann, tatsächlich: „Kant?“

Der sagte, es könnte einen ewigen Frieden geben, wenn die Staaten bloß einen Vertrag einhalten würden, erklärt Nicole Deitelhoff und lässt dann ihre Vornamenskollegin „Ein bisschen Frieden“ singen. Das Audimax klatscht geschlossen mit.

Weltweit neun Kriege

Viel gibt es zu lernen über Kriege. 129 bewaffnete Konflikte zählen die Fachleute zurzeit, davon neun Kriege. Das Gegenteil, der Frieden, wann ist der? Wenn alle miteinander auskommen. Es gibt aber negativen Frieden (symbolisiert durch eine dürre Taube: nur keine Gewalt mehr) und positiven Frieden (dicke Taube: alle glücklich und gleich). Deitelhoff: „Wir versuchen in der Wissenschaft immer von der dürren zur dicken Taube zu kommen.“ Wie halten es die Kinder-Studis mit dem Frieden? „Ich und Fynn hatten mehrere Streite, aber es wurde gelöst und jetzt ist das vorbei“, sagt ein Junge. Ein Mädchen streitet auch nicht mehr mit der Freundin. Warum ist erst jetzt Frieden zwischen ihnen? „Weil wir früher jünger waren und noch nicht so gut wussten, wie.“

Manche der Kinder lösen ihre Konflikte, indem sie Lehrerinnen oder Lehrer um Hilfe bitten, andere entschuldigen sich oder sprechen zwei Wochen nicht mit ihrer Schwester. Ruhepausen, auch ein Mittel zur Konfliktlösung. „Aber niemand von euch hat sowas mal ausgekämpft?“, fragt Deitelhoff verblüfft. Nein, zumindest nicht offiziell.

Im weiteren Verlauf führen Spielzeugsoldaten Krieg um ein Gummibärchen, gibt es einen leichten Konflikt mit der Dozentin wegen wachsender Tumulte im Saal (Verhandlungslösung angestrebt), und am Ende kommen drei Faktoren zur Sprache, die Auseinandersetzungen schlichten können: Mediation, Machtteilung und Frauen. „Wenn Frauen an den Verhandlungen beteiligt sind, hält der Frieden länger“, sagt Nicole Deitelhoff. Niemand im Saal, der ihr das nicht glauben würde. Donnernder Studi-Applaus. Und alle Möbel unversehrt.

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