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Frankfurt: Der Architekt Jochem Jourdan feiert 85. Geburtstag und ist selbst längst ein Klassiker

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Jochem Jourdan in seinem Architekturbüro in Sachsenhausen.
Jochem Jourdan in seinem Architekturbüro in Sachsenhausen. © Renate Hoyer

In seiner Heimatstadt Frankfurt finden sich viele Spuren des Architekten. Zuletzt gestaltete er mit der Rekonstruktion der „Goldenen Waage“ das vielleicht wichtigste Gebäude der neuen Altstadt.

Der große runde Tisch, an dem wir sitzen, böte einer Wohngemeinschaft Platz. Seit 1979 begleitet das Möbel den Architekten Jochem Jourdan. Jetzt steht es in Sachsenhausen in einem Unternehmen, das längst von seinen Söhnen Benjamin und Felix geführt wird. Der Vater ist hier, wie er knapp sagt, „Gast“. Seit einiger Zeit schreibt er an seiner Autobiografie. „Ich hatte es mir einfacher vorgestellt, die Erinnerungen kommen aber kaleidoskopisch über einen hergefallen“, sagt der Mann mit dem wallenden weißen Haar. Am 23. September feiert der vielfach Ausgezeichnete seinen 85. Geburtstag. Er ist selbst ein Klassiker geworden, reagiert darauf mit gelassener Ironie.

Sein Berufsleben ließe sich in wenigen Worten so zusammenfassen: 235 Projekte in 50 Jahren, an 100 Architekturwettbewerben teilgenommen, bei 31 den ersten Preis gewonnen, bei 35 weiteren andere Auszeichnungen errungen. „Es ist eine sehr gute Bilanz“: Diese Worte begleitet das kleine, für ihn so typische Lächeln, das stets fast entschuldigend wirkt. Jourdan macht kein großes Aufhebens um sich, er hasst rhetorisches Geschwurbel, das in seinem Berufsstand nicht selten ist.

Seine Arbeit galt zum großen Teil dem Erhalt und der Sanierung historischer Bausubstanz. Immer häufiger werden seine Bauten unter Denkmalschutz gestellt. So gerade geschehen mit dem Sitz des traditionsreichen Verlags Hoffmann und Campe in Hamburg, fünf historische Villen hatte der Baumeister dort in den Jahren 1989 bis 1992 umgestaltet und erhalten. Von einem anderen Beispiel kramt er Fotos hervor: Die Kioske und Kassenhäuschen des 1972 eröffneten Olympia-Parks in München, der jetzt sogar Weltkulturerbe werden soll.

„Ich freue mich natürlich, weil es Anerkennung bedeutet.“ Denkmalschutz für ein Bauwerk heißt freilich nicht, „dass es stehen bleibt“, das weiß er nur zu gut. Nach seinem Besuch im Höchster Schloss vor kurzem, das er 1970 bis 1972 denkmalgerecht umgebaut hatte, heißt sein kurzes Urteil: „Sie haben es zerstört“. Aus den Fassaden im historischen Rot sei ein „lieblich-weißer Anstrich“ geworden, es gebe viele „unmaßstäbliche Einbauten“, wie „mit der Faust aufs Auge“, das, bekennt der Architekt, „tut schon weh“. Ironischerweise sei der Eigentümer des Schlosses die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Jourdan lächelt, schweigt vielsagend.

Sein Berufsleben lang arbeitete er mit Künstlerinnen und Künstlern zusammen. Der Frankfurter Maler und Grafiker Thomas Bayrle gestaltete etwa Räume eines Einkaufszentrums in Kassel, für ein Kraftwerk in Saarbrücken gewann er die bildende Künstlerin Katharina Fritsch und den Bildhauer Thomas Schütte. Das Plateau Kirchberg in Luxemburg entwickelte er mit anderen zum europäischen Viertel fast ohne Autos, das unter anderem den Europäischen Gerichtshof beherbergt. Nicht ohne eine große Skulptur des Bildhauers Richard Serra zu berücksichtigen. „Künstler sind Seismografen im Schrecklichen wie im Schönen.“

Jourdans Lehrmeister an der Technischen Universität Darmstadt war der Architekt Ernst Neufert, der am Bauhaus studiert, mit den Architekten Gaudi und Gropius, schließlich in den USA mit Frank Lloyd Wright zusammengearbeitet hatte. Jourdan sog die griechische und römische Klassik und Philosophie in sich auf, bedauert sehr, dass heute „in den Schulen keine Bildung in Ästhetik“ mehr stattfinde: „Ein großes Problem.“ Vielen Menschen fehle daher der Zugang zu Architektur und Kunst.

In seiner Heimatstadt Frankfurt am Main finden sich viele Spuren des Architekten. Zuletzt gestaltete er mit der Rekonstruktion der „Goldenen Waage“ das vielleicht wichtigste Gebäude der neuen Altstadt. Trotz seiner anfänglichen Ablehnung der Rekonstruktion: „Man kann ja lernen.“ Wieder das kleine Lächeln. Die „Goldene Waage“ bildet seit 2018 ein Ensemble mit dem benachbarten Haus am Dom, das er schon 2006 entwickelte. Damals war Jourdan in heftigen Streit mit Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) geraten, weil er das Haus ohne Giebeldach entworfen hatte. Für ihn eine lehrreiche Begegnung mit populistischer Kommunalpolitik. Am Ende gab er nach, setzte ein Dach auf.

Heute stehe sein Berufsstand unter enormem wirtschaftlichen Druck. „Alles muss billig sein, man spart bei der Architektur.“ Sein Studium dauerte noch sechzehn Semester. „Heute werden die jungen Architekten getrimmt, möglichst schnell zu machen, was die Immobilienwirtschaft will.“ Das freie Zeichnen spiele eine immer geringere Rolle, obwohl es ein wichtiger, „ein haptischer Vorgang“ sei.

Seine Bauten in der Stadt: von der Landeszentralbank an der Taunusanlage über den Umbau der Gerbermühle in Oberrad bis zur Umgestaltung des Städel-Museums mit dem Restaurant Holbein’s. Dass Erhalten und Umbauen teurer sei als Neubau hält er schlicht für „Fake“. Auch bei der Zukunft der Theaterdoppelanlage am Willy-Brandt-Platz „stimme ich immer für Umbau“.

Jourdans Bauwerke, das darf man hoffen, werden lange bleiben.

Die „Goldene Waage“ ist heute eine Attraktion für Besuchergruppen.
Die „Goldene Waage“ ist heute eine Attraktion für Besuchergruppen. © peter-juelich.com

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