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Frankfurt: Den Hitler-Gruß verweigert

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Von: Anja Laud

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Dieses Bandeon spielte Willy Held im Konzentrationslager Buchenwald für Mitgefangene, wenn diese etwa Geburtstag hatten.
Dieses Bandeon spielte Willy Held im Konzentrationslager Buchenwald für Mitgefangene, wenn diese etwa Geburtstag hatten. © Monika Müller

Frankfurt im Nationalsozialismus: Ein Bandoneon erinnert im Historischen Museum an einen verfolgten Zeugen Jehovas.

Gleich drei Ausstellungen befassen sich im Historischen Museum mit der Zeit des Nationalsozialismus in Frankfurt. Die FR stellt in einer Serie einzelne Exponate vor, die dort zu sehen sind. Heute: ein Bandoneon, das von dem Frankfurter Musiker Willy Hild im Konzentrationslager Buchenwald gespielt wurde.

Willy Hild, Mitglied des Opernorchesters, spielte mit dem Bandoneon, das im Historischen Museum in der Ausstellung „Eine Stadt macht mit“ zu sehen ist, im Konzentrationslager Buchenwald für Mithäftlinge. Der Frankfurter Musiker war von den Nationalsozialisten in „Schutzhaft“ genommen worden, weil er ein Zeuge Jehovas war. Es drohte ihm zudem die Zwangssterilisation. Er litt nach einer Verletzung im Ersten Weltkrieg unter Epilepsie.

Ins Visier der Nationalsozialisten geriet Willy Hild, der bis zu seiner Inhaftierung Zweiter Violinist im Opernorchester gewesen war, nach einer Feier zum zehnjährigen Gedenken an den Hitlerputsch am 10. November 1933. Der Leiter der „Betriebszellenorganisation Orchestermusiker“ denunzierte ihn beim Generalintendanten, weil er nach einer im Radio übertragenen Rede Hitlers nicht den Arm gehoben hatte. Hild wurde beurlaubt. „Später entschuldigte er sich für sein Verhalten. „Er musste die Kosten, die durch seine Beurlaubung entstanden waren, erstatten und 50 Reichsmark an die Witwen- und Waisenkasse des Orchesters zahlen“, erzählt Erika Krämer.

Sie recherchiert seit 1998 gemeinsam mit ihrem Ehemann Günter zur Geschichte der Zeugen Jehovas in Frankfurt. Sie hat das Schicksal von 150 Verfolgten erforscht und zu jeweils 30 von ihnen eine Biografie geschrieben, darunter auch die von Willy Hild. Motiviert hat sie der Wunsch, „vergessenen Opfern“ des Nationalsozialismus ein Gesicht zu geben und eigene Betroffenheit. Ihre Schwiegereltern. Jakob und Gertrud Krämer, beide Zeugen Jehovas, waren wegen ihres Glaubens in Konzentrationslagern.

Ausstellungen

Im Historischen Museum , Saalhof 1, sind zum Thema „Frankfurt und der NS“ drei Ausstellungen zu sehen.

Die zeitgeschichtliche Ausstellung „Eine Stadt macht mit – Frankfurt und der NS“ (bis 11. September 2022) führt an 19 typische Orte städtischen Lebens und verdeutlicht, wie der Nationalsozialismus die Stadt prägte.

Die Ausstellung „Auf Spurensuche im Heute“ (bis 11. September 2022) ist im Stadtlabor des Historischen Museums entstanden. Frankfurter:innen haben dafür in Frankfurt Orte, Dinge oder Ereignisse untersucht, die sie persönlich an die NS-Zeit erinnern.
Das Junge Museum des Historischen Museums gibt mit der interaktiven Ausstellung „Nachgefragt: Frankfurt und der NS“ Einblick in das Alltags- und Familienleben junger Frankfurterinnen und Frankfurter im Nationalsozialismus. Sie ist für Kinder ab zehn Jahren geeignet und wird bis 23. April 2023 zu sehen sein.

Das Begleitprogramm zu der Ausstellungstrias bietet neben Führungen und Vorträgen auch Kunstperformances und Stadtgänge an. Ein Überblick findet sich auf der Webseite des Historischen Museums. Diese wird fortlaufend aktualisiert. lad www.frankfurt-und-der-ns.de/de

Nach der Recherche von Erika Krämer entstammte Willy Hild, 1894 in Höchst geboren, einer evangelischen Familie. Er kam durch seine Ehefrau Frieda, die er 1919 geheiratet hatte, zu den „Ernsten Bibelforschern“, wie sich die Religionsgemeinschaft damals nannte. Nicht nur sein Glaube, auch seine Kriegsverletzung machte ihn zu einem Ziel der Verfolgung. Als er am 22. Dezember 1936 bei einer Vorführung in einer Spielpause in Ohnmacht fiel und sich verletzte, wurde das Gesundheitsamt auf ihn aufmerksam. Ärzte diagnostizierten Epilepsie. Von einer Zwangssterilisation sah die Behörde ab. Die Begründung: „Da die Ehefrau 45 Jahre ist, besteht keine dringende eugenische Gefahr.“ Der Musiker sollte aber, so der Behördenleiter, weiter beobachtet werden.

Im Mai 1938 wurden erst Willy Hild, später auch seine Ehefrau in ihrer Wohnung im Marbachweg 291 wegen ihrer Tätigkeit als „Bibelforscher“ verhaftet. Vor dem Haus, das nur wenige Meter von dem Geburtshaus Anne Franks entfernt ist, erinnern heute zwei Stolpersteine an das Ehepaar. Willy Hild kam ins Polizeigefängnis Klapperfeldstraße in der Innenstadt, Frieda Hild ins Gefängnis nach Preungesheim. Sie kam nach fünf Tagen wieder frei, weil ihr der Gefängnisarzt „Haftunfähigkeit“ bescheinigte. Willy Hild wurde zunächst zu einer Haftstrafe verurteilt. Als er die abgesessen hatte, wurde er der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) übergeben, die ihn in „Schutzhaft“ nahm und ins Konzentrationslager Buchenwald brachte.

„Dort kam er in den sogenannten Strafblock. Die Insassen dort mussten besonders schwere Arbeiten verrichten“, sagt Erika Krämer. Willy Hild musste trotz seines Gesundheitszustands in einem Steinbruch arbeiten. Währenddessen verschlechterte sich Friedas Herzerkrankung. Ihre gemeinsame Tochter Elsa bat die Lagerverwaltung um die Entlassung ihres Vaters. Die lehnte ab, Willy Hild sei „nach wie vor hartnäckiger Bibelforscher“, der sich weigere von diesem Glauben abzulassen. Frieda starb 1939 mit 47 Jahren, ohne dass sie ihren Mann noch einmal sehen konnte.

In Buchenwald spielte Willy Hild nicht für die Lagerkapelle, doch er schrieb für sie Noten und kam so an das Bandoneon heran. Wenn Freunde eines Insassen ihn baten, für diesen ein Ständchen zu spielen, soll er sich zu dessen Baracke geschlichen und das Wiegenlied von Brahms gespielt haben. Zurück in Frankfurt nach seiner Befreiung nahm Willy Hild, der 1977 starb, seine Arbeit im Opernorchester wieder auf, doch seine Epilepsie hatte sich durch die Lagerhaft verschlechtert. Er konnte nicht mehr auf einer Bühne spielen und musste in Rente gehen. Ein spätes Glück war ihm beschieden. 1947 heiratete er eine ehemalige Kollegin, die Opernsängerin Martha Grässler. Auch sie war Zeugin Jehovas und in den Konzentrationslagern Lichtenburg und Ravensbrück gewesen.

Geschichte-jz-ffm.de

Der Musiker Willy Hild.
Der Musiker Willy Hild. © Jehovas Zeugen, Archiv Zentraleu

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