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Frankfurt: Das vermaledeite Haltbarkeitsdatum

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Von: Thomas Stillbauer

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Franziska Wendrich verteilt aussortierte Nahrungsmittel an Bedürftige.
Franziska Wendrich verteilt aussortierte Nahrungsmittel an Bedürftige. © Renate Hoyer

Was tun gegen Verschwendung? Der Frankfurter Ernährungsrat hat einen Arbeitskreis dazu eingerichtet.

Lebensmittelverschwendung hat ganz verschiedene Gesichter. Ein Phänomen ist relativ neu hinzugekommen: Seit Corona haben viele Menschen Unmengen an Vorräten gehamstert. Die Sachen liegen dann monate-, oft jahrelang im Keller – und wenn sie das Mindesthaltbarkeitsdatum erreicht haben, wandern sie in den Müll.

Bäckereiketten fahren abends die nicht verkaufte Ware in großen Mengen weg. Restaurants bleiben auf nicht verkauften Menüs sitzen. Spargel wird nicht geerntet, sondern einfach untergepflügt, weil das mitunter billiger ist, als ihn zu ernten und zu verkaufen. „Das Problem ist riesengroß“, sagt Franziska Geese vom Arbeitskreis „Zero Waste“ (deutsch: null Abfall) des Frankfurter Ernährungsrats. „Gerade in der Gastronomie wird so viel weggeworfen – aber das ist nicht mal die Hauptursache. Die größten Sünder sind die Privathaushalte.“

Joerg Weber, Geschäftsführer des Vereins Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung (Bionales), kennt es aus eigener Erfahrung. „Ich habe ja selbst Vorräte angelegt. Die Sachen sind alle noch okay, aber manches, was da liegt, vergisst man auch zwischendurch.“ Eine gewisse „Unfähigkeit zum Haushaltsmanagement“ erkennt die Ernährungsrat-Sprecherin Susanne von Münchhausen hinter dem Problem. „Hauswirtschaft – unsere Großmütter lernten das noch“, sagt sie. Dieses Wissen fehle heute, hinzu komme Ignoranz gegenüber dem Wert von Nahrungsmitteln, weil sie billig zu kaufen seien. „Es ist auch eine kulturelle Frage.“

Dass Frankfurt sich der Initiative „Städte gegen Food Waste“ (Städte gegen Lebensmittelverschwendung) angeschlossen hat, begrüßt der Ernährungsrat ausdrücklich. „Das ist ein gutes Signal“, sagt Franziska Geese, die auch Mitinhaberin des Bockenheimer Unverpacktladens „Grammgenau“ ist. „Siegel helfen zu verstehen.“ Und wer mehr davon verstehe, wie viel Essen bei uns weggeworfen werde, während anderswo Menschen hungerten, ergänzt Joerg Weber, denke auch in der Kantine eher nach. „Da heißt es oft: mehr, mehr! Und am Ende wird das Tablett halbvoll zurückgestellt.“

Der Ernährungrat

Der Frankfurter Ernährungsrat wurde vor knapp fünf Jahren gegründet vom Trägerverein Bürger für regionale Landwirtschaft und Ernährung (Bionales).

Schirmherrin ist die Frankfurter Klima- und Umweltdezernentin Rosemarie Heilig (Grüne).

Als Ziel hat der Rat die „Ernährungssouveränität“ ausgegeben. Das bedeutet: Konsum guter Lebensmittel aus regionaler und saisonaler Produktion. Dazu gehören Direktvermarktung und klimaneutrale Produktion.

Seit seinem Bestehen hat der Rat einige Arbeitskreise gegründet: Sie kümmern sich um Ernährungsbildung & Stadtschulgarten, Produktion & Vermarktung, Kommunikation & Praxistipps im Internet, Zero Waste, Permakulturinseln, und sie arbeiten am Projekt eines „House of Food“ Frankfurt, also eines „Hauses des Essens“, das die Interessen rund um saisonale Bio-Ernährung aus der Region vertritt.

Gemeinsam mit dem Netzwerk der Ernährungsräte und unterstützt von 17 Nichtregierungsorganisationen hat der Frankfurter Ernährungsrat jüngst an den Bundestag appelliert: Er solle einen Rat der Bürgerinnen und Bürger einrichten, der über „die drängende Frage nach einer klimagerechten und zugleich sozial ausgewogenen Preisbildung bei Lebensmitteln“ berate. Das bundesweite Gremium solle Antworten suchen auf die „Preisfrage für Menschen, Tiere und Natur: Was ist uns unser Essen wert?“. ill

Was tun? „An Kitas und Grundschulen rangehen“, sagt Franziska Geese, „erklären, wie es funktioniert.“ Kinder wüssten oft schon viel, mitunter mehr als ihre Eltern. „Schulklassen sind wahnsinnig interessiert an dem Thema“, sagt Weber, „die wollen wissen, was wächst.“ Da müsse man mehr ansetzen: „Über die Kinder an die Erwachsenengeneration.“ Bildung gehöre unbedingt zur Wertschöpfungskette, sagt Susanne von Münchhausen: „Wenn jemand versteht, wie es hergestellt wird, dann ist Essen alles andere als trivial.“

Nahrung müsse den Charakter des Wegwerfgegenstands verlieren. „Wie bei Elektrogeräten“, etwa bei teuren Mobiltelefonen: „Da haben sie es geschafft.“

Ein Problem an der Wertschätzung: „Alle befürchten, dass das Geld jetzt knapp wird wegen des Kriegs“, sagt die Ernährungsrat-Sprecherin. „Viele wollen jetzt lieber mal sparen.“ An den Lebensmitteln. Bei den Eiern zeichne sich das schon ab, sagt Weber. „Da ist offenbar gerade eine Grenze erreicht – die Leute sind geneigt, wieder Eier aus Hühnerhaltung mit schlechteren Bedingungen zu kaufen – wegen ein paar Cent Unterschied.“

„Das fällt gerade bei den Grundnahrungsmitteln auf, die man am häufigsten kauft“, sagt Franziska Geese. Weber: „Teure Produkte werden nicht weggeworfen, teure werden gegessen.“ ,Wenn man sie sich leisten kann.

Noch ein guter Tipp von der Null-Müll-Fachfrau: „Gerichte planen, gezielt dafür einkaufen, auch mal gleich für zwei Mahlzeiten kochen.“ Packungsgrößen seien oft das Problem – und das vermaledeite Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD). „Viele nehmen es zu ernst und werfen die Sachen genau an dem Tag weg, an dem sie angeblich abgelaufen sind.“ Dabei seien die meisten Lebensmittel viel länger haltbar als angegeben. Wer einmal eine Packung Buttermilch im Kühlschrank vergessen hat, weiß das. Nach zwei Monaten noch wie neu. Also, das MHD: „Ändern – oder am besten ganz weg“, sagt Geese.

Und, na gut, noch ein allerletzter Tipp: die Gewürzschublade, in vielen Haushalten ein Fass ohne Boden, öfter mal durchforsten. So manches Gewürz ist nach Jahren plötzlich zwei- oder dreimal vorhanden. Und andere entdeckt man wieder: Das hab ich doch voriges Jahr mal ausprobiert – das war doch sehr lecker! Und schon wieder ein Lebensmittel vor dem absehbaren Ende im Müll gerettet.

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