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Frankfurt: „Das Thema Hunger ist in vielen Familien aktuell.“

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Von: Judith Köneke

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Mitarbeitende der Frankfurter Tafel beim Ausladen von gespendeten Lebensmitteln am Zentrallager.
Mitarbeitende der Frankfurter Tafel beim Ausladen von gespendeten Lebensmitteln am Zentrallager. © Michael Schick

Die Armut in Frankfurt ist nicht immer sichtbar, aber für manche allgegenwärtig. Die aktuellen Krisen verschärfen sie zudem. Vielen Menschen fehlen die Lebensmittel. Die Kühlschränke sind leer, andere essen tagelang nur Butterbrot.

Aus dem weißen Lieferwagen werden Lebensmittel ausgeladen, zahlreiche Kisten gefüllt mit Obst, Gemüse, Brot, Milch, aber auch Marzipanpralinen werden ins Lager der Frankfurter Tafel gebracht. Eine Frau fährt auf den Hof, sie hat eine kleine Kiste mit Lebensmitteln dabei. Und versichert: „An Weihnachten spende ich Ihnen Geld, meine Enkelkinder bekommen keine Geschenke mehr.“

Von dem sogenannten Logistikzentrum in Bergen-Enkheim wird das Essen in die 14 Ausgabestellen in der ganzen Stadt verteilt. So versuche man, jeden in Frankfurt zu erreichen, manche können schließlich keine langen Wege zurücklegen, sagt der erste Vorsitzende der Tafel, Rainer Häusler. An den Ausgabestellen können sich diejenigen die Nahrungsmittel abholen, die sie brauchen. Das sind viele: rund 15 000. Sie müssen sich registrieren lassen und bestimmte Voraussetzungen erfüllen, um alle 14 Tage ein Essenspaket zu erhalten.

Hinzu kommen rund 12 000 Menschen in 56 Einrichtungen. Seit diesem Jahr würden sie zudem noch zwischen 3000 und 5000 Ukrainer:innen versorgen, sagt Häusler. Das erschwere die Situation, man sei nun zu 150 Prozent ausgelastet, statt wie zuvor schon zu 120 Prozent. Da komme man an seine Grenzen.

Abgesehen von den neuen Gästen habe es schon immer Jahr für Jahr einen leichten Zuwachs gegeben, erklärt Häusler, der seit Beginn im Jahr 1995 mit dabei ist. Das liege daran, dass sich die Altersstruktur verschiebe, also immer mehr ältere Menschen kommen, so dass diese mittlerweile überwiegen. Junge Frauen mit Kindern nutzten aber ebenso verstärkt die Hilfe. Deutsche genauso wie Menschen mit Migrationshintergrund, multikulturell sei man auf beiden Seiten der Ausgabestelle.

Über die Gründe der Menschen wisse man meist wenig. „Wir hinterfragen nicht“, sagt Birgit Pangritz, zweite Vorsitzende. Der Respekt müsse bleiben. Ein großer Teil der Menschen müsse sich überwinden, den Weg zur Tafel zu gehen. Viele gingen arbeiten, aber es reiche trotzdem nicht zum Leben, auch die Rente nicht.

Die Tafel finanziere sich immer schon über Spenden, Geld von der Stadt bekämen sie nicht. „Aber das wollen wir auch gar nicht“, betont Häusler. Der Verein wolle sich vor keinen politischen Karren spannen lassen. Man helfe dort, wo man sei, mit den Mitteln, die man habe. So könne man immer noch selbst entscheiden,

Rund 200 Ehrenamtliche arbeiten mit, auch die kommen aus allen Schichten. Aber die Tafel sucht noch mehr Helfer:innen und mehr Lebensmittelspenden. Probleme machen auch die hohen Spritkosten, rund 7000 Euro kommen da bei den zwölf Fahrzeugen im Monat zusammen.

Dass Menschen in einer reichen Stadt wie Frankfurt auf diese Versorgung angewiesen sind, ärgert Häusler aber nicht. „Wir helfen ihnen, dass es da unten nicht so schlimm ist.“ Müsste die Stadt mehr tun? Ein Bürgergeld oder ähnliches würde nicht helfen, ist er sich sicher. Dann wäre die Motivation, arbeiten zu gehen, noch niedriger.

In Frankfurt waren 2019 laut Paritätischem Wohlfahrtsverband 19 Prozent der Menschen von Armut betroffen, die Quote lag 2018 noch bei 15,4 Prozent. Über aktuellere Zahlen für die Stadt verfüge man nicht, teilte der Verband auf FR-Anfrage mit. Laut EU-Konvention gelten Haushalte als arm, die mit ihrem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Einkommens liegen. Diese Armutsschwelle lag 2021 bei einer alleinstehenden Person bei einem monatlichen Einkommen von 1148 Euro, bei einem Paar ohne Kinder bei 1721 Euro. Bei einem Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren sind es 2410 Euro.

FR Serie

Wie lebt es sich in Frankfurt? Dieser Frage geht die FR in der Serie „Frankfurt – meine Stadt“ bis zum 3. Dezember nach. Zu Wort kommen junge und alte Menschen, Familien und Geringverdienende. In Interviews, Porträts und Reportagen zeichnen wir ein Bild ihrer Stadt.

In dieser Woche geht es um Armut: An allem knapsen - sparsam leben in Frankfurt.

ARMUT IN ZAHLEN

Um Auskunft über die soziale Entwicklung der Bewohner:innen in den verschiedenen Teilen Frankfurts zu erhalten, gibt es das „Monitoring zur sozialen Segregation und Benachteiligung“. Das aktuellste des auf amtlichen Daten beruhende Beobachtungssystems stützt sich auf Informationen aus 2019, die Corona-Krise ist also noch nicht berücksichtigt.

In Frankfurt sank die Zahl der Arbeitslosen von 25 799 (2009) auf 20 773 (2019), die Arbeitslosenquote sank im gleichen Zeitraum von 5,7 auf 3,9 Prozent. Auch die Zahl der Menschen, die Mindestsicherung erhalten (dazu zählen zum Beispiel Arbeitslosengeld II, die Grundrente oder Asylbewerberleistungen), sank – trotz des Zuzugs vieler Geflüchteter. Die Mindestsicherungsquote ging im gleichen Zeitraum von 12,9 (2009) auf 11,1 Prozent (2019) zurück.

Trotz dieser Entwicklungen gibt es weiterhin große Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen. Ein Indikator ist die Wohnfläche. Die durchschnittliche Wohnfläche pro Einwohner liegt derzeit bei 36 Quadratmetern. In 25 Stadtbezirken wohnt eine Person auf über 40 Quadratmetern. In drei Stadtbezirken (Westend-Süd, Westend-Nord und Nordend-West) standen im Jahr 2019 sogar mehr als 50 Quadratmeter zur Verfügung. Gleichzeitig liegt in 17 Stadtbezirken die durchschnittliche Wohnfläche pro Person zwischen 26 und 30 Quadratmetern.

Das Medianentgelt ist ebenfalls ein Indikator. Es wird aus den Daten der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Gehältern unterhalb der Beitragsbemessungsgrenzen erhoben. 2018 lag das Medianentgelt in Frankfurt bei monatlich 3970 Euro brutto. Das Medianentgelt von deutschen Arbeitnehmern lag mit 4379 Euro fast 2000 Euro über dem von ausländischen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten (2381 Euro).

Auch zwischen den einzelnen Stadtteilen gibt es deutliche Unterschiede. Die Schlusslichter bildeten Fechenheim (2708 Euro) und Griesheim (2766 Euro). Am höchsten waren die monatlichen Entgelte in Westend-Nord (5279 Euro) und Westend-Süd (6166 Euro), wobei die tatsächlichen Unterschiede noch größer sein dürften, weil Einkommen oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze von 6500 Euro nicht erfasst werden.

Die Stadtteile unterscheiden sich auch in Bezug auf die Arbeitslosenquote erheblich voneinander: 2019 war der Stadtteil Riedwiese/Mertonviertel der Stadtteil mit der niedrigsten Arbeitslosenquote (1,3 Prozent), während Zeilsheim mit 8,6 Prozent die höchste Arbeitslosenquote aufwies. Zehn Jahre zuvor war allerdings die Spreizung noch deutlich größer.

Der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund stieg von 47,4 im Jahr 2009 auf 54,1 Prozent im Jahr 2019. Bei den Minderjährigen haben inzwischen drei Viertel (71,8 Prozent) Migrationshintergrund (2009: 66,8 Prozent). Ausländische Wurzeln zu haben, ist allein noch kein Zeichen sozialer Benachteiligung: Der gut bezahlte Angestellte einer ausländischen Bank zählt ebenso zu dieser Gruppe wie ein gering qualifizierter Logistikmitarbeitender am Flughafen. Doch sind die Stadtteile mit einem hohen Migrantenanteil oftmals auch jene, in denen Anzeichen sozialer Benachteiligung verstärkt auftreten. jkö

Generell wendeten sich immer mehr Hilfesuchende an Einrichtungen wie Schuldnerberatungsstellen, die Wohnungsnotfallhilfe, die Tafeln und sozialpsychiatrische Dienste, hatte die Liga Frankfurt gemeinsam mit Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne) im September festgestellt. Viele einkommensarme Haushalte klagten über Geldsorgen und Zukunftsängste. Das erlebten sie täglich in ihren Einrichtungen. Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege Frankfurt, ein Zusammenschluss von sechs Organisationen, appelliert an das Land Hessen und die Bundesregierung für mehr Unterstützung.

Die Krisensituationen der vergangenen Jahre, etwa die Folgen der Corona-Pandemie und des Ukraine-Krieges, aber auch die steigende Inflation und die Auswirkungen der Energiekrise machten sich auch in Frankfurt bemerkbar, sagt Voitl der FR. Inflation und steigende Energiepreise beträfen Personen aus allen Einkommensschichten. Allerdings könnten sich bei Haushalten mit niedrigem Einkommen die erhöhten Kosten für Strom und Gas zu einem existenzbedrohenden Faktor entwickeln.

Daniel Schröder hat mit diesen Haushalten zu tun, vor allem mit denen mit Nachwuchs. Der Regionalleiter der Arche Frankfurt stellt fest, dass mehr Kinder und Jugendliche die Essensangebote des Vereins annehmen. Und teils neuerdings mehrere Mahlzeiten, also etwa Frühstück sowie Abendessen. „Das Thema Hunger ist in vielen Familien aktuell.“ Die Grundversorgung sei bei vielen nicht mehr gewährleistet.

Und das betreffe nicht nur Familien, die etwa Hartz IV beziehen. Alleinerziehende hätten Probleme, aber auch wenn beide Elternteile arbeiteten, reiche es manchmal nicht. Das sei für die Mehrzahl beschämend. Ein Vater habe ihm erzählt, dass er mit seinen Kindern dreimal in der Woche Toast mit Butter esse. Viele hätten zudem Angst vor den Erhöhungen, weil sie keine Reserven besitzen.

Die Arche kümmert sich an ihren vier Standorten in Griesheim und der Nordweststadt um Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren. Rund 500 Mittagessen stellt sie in der Woche bereit, hinzu kommen Abendessen und Frühstück in kleinerer Zahl. Zudem Hausaufgabenberatung, Spiel- und Sport- und Ferienangebote sowie Beratungen. Die Arche gebe nun auch vermehrt Lebensmitteltüten aus.

Die Stadt unterstützt zwar die Arche, aber die Hilfe könnte größer sein, findet Schröder. Generell tue sie nicht genug gegen die Armut ihrer Einwohner:innen. Natürlich gebe es Programme, aber es fehle an schneller, unkomplizierter Hilfe für Kinder und Familien. Man könnte viel bewegen, indem man Schulen in Brennpunkten besser ausstatte, etwa mit Essen und umfangreichen Angeboten. Durch eine bestehende gut ausgebaute und stetig am Bedarf orientierte Angebotslandschaft sowie die gute Zusammenarbeit mit den verschiedenen Ämtern und Trägern der Wohlfahrtspflege, sei Frankfurt gut vorbereitet, sagt Elke Voitl. „Wir können jetzt schon auf ein umfangreiches Bündel an präventiven und kompensatorischen Maßnahmen zurückgreifen, um individuelle Krisensituationen der Menschen abzufedern.“ Wichtig sei es, auch in der jetzigen Situation, die Menschen zu erreichen. „Insbesondere die Menschen, die Unterstützung benötigen, und die, die unsere Angebote bisher noch nicht nutzen.“ Neue Angebote seien entstanden und weitere in Planung.

In der aktuellen Debatte würden zwei Diskussionsrichtungen sichtbar, betont Voitl: eine Ausweitung der Angebote, um für die Menschen Treffpunkte und Orte der Teilhabe zu sichern sowie eine Einschränkung der Nutzung, um Kosten unter anderem für Energie zu sparen.

Hier sei im Speziellen auch an die ältere (alleinlebende) Bevölkerung zu denken, die durch mögliche Einschränkungen von Angeboten weniger soziale Kontakte pflegen können und somit weniger Teilhabemöglichkeiten haben. Leistungsbeziehende erhalten durch die Mitarbeitenden des Jobcenters und des Jugend- und Sozialamtes überwiegend niedrigschwellige präventive Beratung,

Dass eine große Zahl an Menschen sich in einer reichen Stadt wie Frankfurt kein Essen leisten könne, finde er schon verstörend, sagt Daniel Schröder. Hier liege arm und reich so nah beieinander - von der Innenstadt und den Bankentürmen sei man in 15 Minuten in einer anderen Welt. In Vierteln, in denen die Bewohner:innen vor leeren Kühlschränken sitzen.

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