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Das Tagebuch des Franco A.: „Sehen nicht das Ganze, was man selbst sieht“

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Von: Stefan Behr

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Der Prozess gegen Franco A, begann im Februar 2022. Bild: Arne Dedert/AFP
Der Prozess gegen Franco A, begann im Februar 2022. Bild: Arne Dedert/AFP © AFP

Im Terrorprozess gegen den Bundeswehroffizier geht es um Putschfantasien und eine „spirituelle Endlösung“.

Frankfurt – „Ich sitze in Wien in einer Schenke …“ So könnte ein Roman anfangen. Oder ein Schlager. Oder die Apokalypse. „Ich sitze in Wien in einer Schenke und trinke ein Zipfer, während die Welt über mir zusammenzubrechen scheint“, hatte Franco A. im Februar 2017 notiert. Aber kein Grund zur Sorge. Solche Reaktionen sind bei österreichischem Bier keine Seltenheit, und außerdem weiß Franco A. „die Allmacht auf meiner Seite“. Aber „bin ich ihr Gestalter? Bin ich ihr Ausführer?“ Das ist hier die Frage.

Nun machen sich Prozessbeobachter hinsichtlich des Geisteszustandes des Bundeswehroffiziers, der sich seit gut einem Jahr vor dem Staatsschutzsenat des Oberlandesgerichts unter anderem wegen des Vorwurfs der Vorbereitung eines Terrorakts verantworten muss, schon lange keine Illusionen mehr. Was aber am Montag im Prozess verlesen wird, legt nahe, dass dünnes Austria-Bier eines der geringsten Probleme von Franco A. sein dürfte.

Prozess: ranco A. widerspricht leidenschaftlich

Der widerspricht erst einmal leidenschaftlich und mit brechender Stimme der Verlesung seiner Notizen. Diese hätten „tagebuchähnlichen Charakter“, eine Verlesung verletze seine Persönlichkeitsrechte, „ich wurde schon einmal vergewaltigt in dieser Art und Weise“, und es habe schon beim ersten Mal keinen Spaß gemacht, sein „Innerstes“ außen zu präsentieren.

Rein theoretisch könnte A.s Widerwille gegen die Verlesung auch aus Schamgefühl resultieren. In Notizen aus 2007, die sich eigentlich mit dem „jüdischen Vernichtungskrieg“ beschäftigen, verrät A. seine „Militärputsch-Gedanken“, die er „schon so lange habe“. Es gebe nur noch „zwei Wege, das Ruder in diesem Land herumzureißen“. Der erste ist eigentlich ganz einfach: „Soldat werden, sich an die Spitze der deutschen Streitkräfte setzen“, das könne er sich „gut vorstellen“, und logischerweise „würde darauf ein Militärputsch folgen“. So einfach sind die kleinen Freuden.

Prozess um Franco A.: Leute „sehen nicht das Ganze, was man selbst sieht“

Ob der zweite Weg auch so bequem begehbar wäre, weiß man leider nicht, da der Vorsitzende Richter Christoph Koller ihn bei der Verlesung totschweigt. Er wird seine Gründe haben. Anders als A. hat Richter Koller nämlich nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch Schamgefühl. Weshalb ihm eine Notiz A.s aus dem März 2017 unangenehm auffällt. „Man darf den Leuten nicht zu schnell die Endlösung zumuten“, hatte A. damals notiert. Die würde den Leuten nämlich als „zu radikal erscheinen“. Denn diese Leute hätten ja keine Ahnung und „sehen nicht das Ganze, was man selbst sieht“.

Ihm würde jedwedes „Schreibgerät abbrechen“, bevor er ohne Not einen Begriff wie „Endlösung“ nutze, sagt Koller. Das dürfe man nicht so eng sehen, sagt Franco A., „ich bin ein sehr gläubiger Mensch“, er halte auch viel vom Buddhismus; was er sich damals so von der Seele geschrieben habe, sei vor allem „eine spirituelle Angelegenheit“ gewesen. „Eine spirituelle Endlösung?“, fragt der Vorsitzende Richter. „Jawoll“, antwortet A.

Spätestens jetzt fragt sich der Prozessbeobachter, warum er sich das alles antut. Etwa „für Deutschland, für die Freude, für die Liebe“, wie A. gerne seine tagebuchähnlichen Aufzeichnungen beendet? Ein dreifach Nein! Er tut es, weil er nun mal da ist. Zumindest körperlich. Spirituell sitzt er längst in Wien in einer Schenke und genießt einen Überstürzten Neumann. (Stefan Behr)

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