1. Startseite
  2. Frankfurt

Frankfurt: Das Museum in der Schublade

Erstellt:

Kommentare

Astrid Reuter ist am Frankfurter Städel neue Leiterin der Graphischen Sammlung für die Kunst auf Papier. Bild: Christoph Boeckheler
Astrid Reuter ist am Frankfurter Städel neue Leiterin der Graphischen Sammlung für die Kunst auf Papier. Bild: Christoph Boeckheler © Christoph Boeckheler

Die Kunsthistorikerin Astrid Reuter kommt zum 1. November an die Graphische Sammlung des Frankfurter Städels. Die ist immer noch ein echter Geheimtipp

Wer sich für die Sammlungen des Frankfurter Städel-Museums interessiert, der könnte bei einem Besuch enttäuscht werden: Von den rund 120 000 Kunstwerken ist grade mal ein Prozent zu sehen, der gewaltige Rest schlummert im Depot. Der allergrößte Teil besteht aus rund 100 000 Zeichnungen und Drucken, es ist eine der bedeutendsten Graphischen Sammlungen in Deutschland, und sie ist den wenigsten Besucherinnen und Besuchern bekannt.

Das ist schade, denn im Reich von Astrid Reuter, die hier am 1. November die Nachfolge des langjährigen Kurators Martin Sonnabend antritt, ließe sich unendlich viel entdecken, es ist eine wahre Schatzkammer voller Meisterwerke auf Papier. Der Zutritt zum Studiensaal ist – im Gegensatz zum übrigen Museum – kostenlos, und ein Besuch ein ganz besonderes Erlebnis.

Denn wer hier zu Gast ist, kann sich auf Wunsch echte Dürers, Rembrandts oder Picassos vorlegen lassen, ganz ohne Glas, ganz für sich alleine, bequem im Sitzen, ohne Drängeln, ohne Schubsen. Man wird sozusagen bedient am Platze, und es gibt Kunst à la carte. Allerdings sei da wohl schon eine Hemmschwelle, das einmal auszuprobieren, sagt Reuter. „Wir versuchen, dafür zu werben! Es sind doch die Sammlungen der Städte und Menschen, die dort leben!“

Wenn man Zeichnungen oder Kupferstiche im Original sehe, dann merke man, dass sie dreidimensional sind, berichtet sie. „Das Papier wellt sich, man sieht Schichten und Übermalungen. In Zeichnungen kann man die Handschrift lesen wie in Briefen. Das ist mal zögerlich, mal kraftvoll. Da kommt man den Künstlern sehr nahe“, schwärmt Reuter, die bisher an der Kunsthalle Karlsruhe gearbeitet hat und nun mit ihrem Mann nach Eschersheim zieht.

Die Graphische Sammlung im STädel-Museum

Das Frankfurter Städel, Schaumainkai 63, besitzt nicht nur eine berühmte Gemäldesammlung, sondern auch eine sehr viel umfangreichere, ähnlich bedeutende Sammlung von Zeichnungen, Holzschnitten, Radierungen und Künstlerbüchern. Weil Arbeiten auf Papier allerdings sehr lichtempfindlich sind, bleiben sie meist in Schubladen und Mappen verborgen.

Im Studiensaal der Graphischen Sammlung können sich Kunstfreund:innen aber die Originale vorlegen lassen und ohne Glas und bequem im Sitzen bewundern – kostenfrei. Geöffnet ist der Saal mittwochs bis freitags von 14 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. Um Anmeldung per E-Mail mit Angabe von Uhrzeit und Aufenthaltsdauer wird gebeten unter graphischesammlung@staedelmuseum.de.

Aktuell zeigt die Ausstellung „Vor Dürer“ noch bis 22. Januar frühe Kupferstiche des 15. Jahrhunderts aus dem eigenen hervorragenden Bestand des Museums. Am Eingang lassen sich Lupen ausleihen, um alle Details dieser „gestochen scharfen“ Werke zu entdecken. Mit der kenntnisreichen und faszinierenden Schau verabschiedet sich Martin Sonnabend, Vorgänger von Astrid Reuter an der Graphischen Sammlung, nach mehr als 30 Jahren am Städel. aph

Die Kunsthistorikerin geht in bestem Einvernehmen, insofern darf man interessante Kooperationen beider bedeutender Museen erwarten. „Das Tolle an großen graphischen Sammlungen ist die immense Vielfalt, die vielen gar nicht so bewusst ist. Den Frankreich-Schwerpunkt, den ich bisher hatte, würde ich gerne hier fortsetzen. Ich muss sagen, ich freue mich riesig. Frankfurt kenne ich bisher nur von den Museen und Ausstellungen, ich muss es erst entdecken. Aber die Großstadt lockt mich“, meint sie.

Die gebürtige Berlinerin, Jahrgang 1970, war nach dem Studium in Leipzig, Freiburg und Paris und einer kulturwissenschaftlichen Tätigkeit in Brandenburg fast 20 Jahre lang an der Kunsthalle Karlsruhe. Dort hat Reuter beispielsweise die international wahrgenommene erste große Ausstellung über den einst sehr berühmten und dann sehr geschmähten Rokoko-Maler François Boucher in Deutschland organisiert. Ihre Dissertation schrieb sie über eine große Unbekannte, die Künstlerin Marie-Guilhelmine Benoist, deren ikonischer Halbakt einer jungen schwarzen Frau aus dem Jahr 1800 im Pariser Louvre ihr während des Studiums begegnete. „Das ist eine aufregende Biografie mitten in der Revolutionszeit“, sagt sie.

Grafik sei inzwischen auch für ein junges Publikum wieder reizvoll, hat sie beobachtet. „Grade bei Jugendlichen war ich erstaunt, wie fasziniert sie von Dürer-Arbeiten sein können.“ Offenbar haben sich die Sehgewohnheiten in den vergangenen Jahren ziemlich verändert, durch Videospiele und ähnliches. Man kann allein schon in Dürers fantastisch-wilden Graphik-Welten unendlich viel entdecken.

Apropos entdecken – da kam die Kunsthalle Karlsruhe vor einigen Jahren sogar international in die Schlagzeilen. Ein Schülerpraktikant fand damals einen echten Schatz, sehr seltene Zeichnungen des italienischen Barockkünstlers Giovanni Battista Piranesi, eingeklebt und falsch verzeichnet in einem Sammelband. Reuter muss lachen, wenn sie daran denkt. „Das sind natürlich Sternstunden“, sagt sie. Wer weiß, was noch so alles in der Städel-Sammlung schlummert?

Auch interessant

Kommentare