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Frankfurt: Das jähe Ende eines Lebenstraums

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Doris Fisch ist die Vorsitzende im traditionsreichen Club Voltaire.
Doris Fisch ist die Vorsitzende im traditionsreichen Club Voltaire. © peter-juelich.com

Vor 50 Jahren führte der Staat die Berufsverbote ein, die angehende Lehrerin Doris Fisch aus Frankfurt gehörte zu den Betroffenen.

Ihre Erinnerungen sind noch immer lebendig. Und je länger Doris Fisch in ihrem Wohnzimmer auf dem Sofa spricht über die Zeit vor einem halben Jahrhundert, desto intensiver werden sie. „Meine Leidenschaft wäre Lehrerin gewesen“, sagt die 76-Jährige. Vieles hatte die Tochter des berühmten Frankfurter Widerstandskämpfers Hans Schwert dafür getan. Erst hatte die Bankangestellte auf der Abendschule die Mittlere Reife erlangt, dann auf dem Abendgymnasium das Abitur erworben, an der Goethe-Universität studiert, erfolgreich das Referendariat an der Ernst-Reuter-Schule absolviert. „Die Schule wollte mich gerne übernehmen, ich stand kurz vor der Verbeamtung.“ Doch es kam anders. 1974 wurde die junge Frau zu einer Anhörung ins Regierungspräsidium Darmstadt bestellt. Dort eröffnete ihr ein Beamter, dass der Staat ihr den Zugang ins Lehramt verwehre. Ein Lebenstraum war zerstört.

Fisch gehörte zu den Betroffenen des sogenannten Radikalenerlasses, auf den sich Bund und Länder am 28. Januar 1972 verständigt hatten. In den Staatsdienst sollte nur gelangen, wer jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten würde. Allein bis 1976 leitete der Staat Verfahren gegen 11 000 Personen ein, mindestens 1250 von ihnen erhielten Berufsverbot, die genaue Zahl steht bis heute nicht fest.

Für Doris Fisch war es das jähe Ende eines Lebenstraums. „Ich war völlig perplex.“ Bei der Anhörung erfuhr sie, was der Staat ihr vorwarf. Die junge Frau war Mitglied in der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), sie hatte Artikel für die DKP-Zeitung „Unsere Zeit“ (UZ) geschrieben. Und dann war da natürlich ihr Vater Hans Schwert, den man weithin in Deutschland kannte. Der Maurer war 1936 verhaftet, von der Gestapo verhört und gefoltert worden. Schwert war Kommunist, er gehörte einer Widerstandsgruppe im Untergrund an. Trotz brutaler Folter gab er keine Namen von Mitkämpfern oder andere Informationen preis. Bis zum Zusammenbruch des nationalsozialistischen Gewaltregimes 1945 überlebte er vierzehn Gefängnisse und Lager sowie fünf Jahre in Einzelhaft. Später engagierte er sich bei der Gewerkschaft, unter anderem als Personalratsvorsitzender des städtischen Versicherungsamtes. Schwert wurde 105 Jahre alt, trat Jahrzehnte als Zeitzeuge des Nazi-Terrors öffentlich auf. Zu seinem 105. Geburtstag 2012 gratulierten der Bundespräsident und der hessische Ministerpräsident.

Doch in den 70er Jahren wurde der frühere Widerstandskämpfer vom Verfassungsschutz beobachtet. Seine Tochter gab 1974 eine schriftliche Versicherung ab, dass sie jederzeit für das Grundgesetz und seine Werte eintreten würde. Vergeblich. Fünf Jahre zuvor hatte Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) in seiner Antrittsrede vor dem Deutschen Bundestag den berühmten Satz ausgesprochen: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ Doch Brandt war es auch, der für den Radikalenerlass eintrat. „Das passte überhaupt nicht zusammen“, sagt die Betroffene noch heute. Über ihre Erfahrungen zu sprechen, nimmt sie mit, es zuckt immer wieder in ihrem Gesicht: „Es war eine schlimme Zeit.“

Doris Fisch ist heute wichtig, dass sie nur eine von vielen Betroffenen des Radikalenerlasses war. Dass sie ihre Geschichte nicht für sich erzählt, sondern auch für die vielen anderen, denen es genauso erging. Allein in Frankfurt am Main waren es Dutzende, insbesondere Lehrerinnen und Lehrer, aber auch Bahnbeamte. Ihr Schicksal löste damals eine beispiellose Welle der Solidarität aus. „Das hat uns sehr berührt.“

50 Jahre Berufsverbot

In Deutschland begann vor 50 Jahren die Praxis des Staates, Menschen vom Staatsdienst fernzuhalten, weil sie angeblich nicht die Gewähr boten, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten. Betroffen von diesen Berufsverboten waren allein bis 1976 mindestens 1250 Personen.

Über diese Zeit und die Lehren aus den Geschehnissen spricht der frühere FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert am Montag, 17. Oktober, mit Betroffenen und einer Historikerin. Auf dem Podium im Club Voltaire, Kleine Hochstraße 5, in Frankfurt sitzen die ehemaligen Lehrerinnen Doris Fisch und Anne Kahn sowie die Historikerin Alexandra Jaeger von der Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Der Eintritt ist frei. jg

Fisch kramt in alten Zeitungsartikeln, holt Broschüren und vergilbte Hefte hervor. Die Frankfurter Rundschau berichtete vor 50 Jahren intensiv über ihr Schicksal und das anderer Betroffener. Es gab viele Demonstrationen, Versammlungen an den Schulen. Sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete, aber auch der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) unterstützten die Betroffenen. Eine Aktion bewegt die Pädagogin noch heute in besonderer Weise. Das Schauspiel Frankfurt gab den Opfern des Radikalenerlasses Rückendeckung. Innerhalb von nur drei Wochen schrieben sieben Mitglieder des Ensembles eine Matinee mit „Texten und Liedern zum Radikalenerlass“ unter dem Titel „Vielen Dank, Sie werden von uns hören.“ Die Betroffenen traten dann bei Aufführungen mit den Schauspielerinnen und Schauspielern auf, darunter berühmte Darstellerinnen wie Elisabeth Trissenaar und Barbara Sukowa. Auch der Regisseur Hans Neuenfels, der mit seinen Inszenierungen in Frankfurt damals Theatergeschichte schrieb, war mit von der Partie.

„Das Stück wurde zehn Mal aufgeführt, in Frankfurt und Offenbach, aber auch in Luxemburg“, so Fisch. Sie weiß noch, „wie ich mit Barbara Sukowa zusammen in der Straßenbahnlinie 16 nach Offenbach zum Theater gefahren bin.“ Im Frankfurter Stadtparlament beantragte die CDU-Fraktion am 5. November 1975, die Stadt müsse die Aufführung des Stücks untersagen. Doch der Antrag scheiterte am Votum der damaligen absoluten SPD-Mehrheit im Römer.

Kulturdezernent Hoffmann trat öffentlich für die Betroffenen ein. Der CDU-Antrag, so sagte er, kollidiere „flagrant“ mit den Bestimmungen der Hessischen Verfassung und des Grundgesetzes. Dort sei die Meinungsfreiheit garantiert. Außerdem verstoße die CDU „gegen jede politische Moral einer freiheitlichen Demokratie“. Hoffmann zitierte aus Schillers Drama „Don Carlos“ den Satz „Sire, geben Sie Gedankenfreiheit!“ Der Kulturdezernent erinnerte im Stadtparlament daran, dass die CDU schon 1955 die Aufführung des Stückes „Der kaukasische Kreidekreis“ und 1961 die Proben für „Galileo Galilei“, beide von Bertolt Brecht, am Schauspiel Frankfurt habe verbieten wollen.

Auch an der Ernst-Reuter-Schule, an der die Lehrerin Doris Fisch hätte unterrichten sollen, wurde die kritische Matinee gezeigt. Es gab immer wieder Proteste vor dem hessischen Kultusministerium in Wiesbaden. Doch all dieser Widerstand blieb ohne Erfolg. Doris Fisch musste in den 70er Jahren ihr Leben ganz neu organisieren. Eine Zeitlang bezog sie Sozialhilfe, fand dann eine Arbeit als Schulsekretärin: eine besondere Ironie. 1991 schließlich stellte sie die Stadt Frankfurt in der Außenstelle Bockenheim des Sozialamtes ein. Bis zu ihrer Rente im Jahre 2011 arbeitete die Pädagogin dort, am Ende war sie Teamleiterin. „Ich habe diese Arbeit gerne gemacht, ich konnte vielen Menschen helfen.“

Schon 1974 war Willy Brandt als Bundeskanzler zurückgetreten. 1989 entschuldigte der Sozialdemokrat sich öffentlich für den Radikalenerlass von 1972: Er sei ein „Irrtum“ gewesen. Fisch reagiert noch heute mit einem bitteren Unterton auf diese Äußerung: „Dafür konnten wir uns auch nichts mehr kaufen.“ Heute, 50 Jahre später, fordert sie eine „öffentliche Zurücknahme“ und „eine Entschuldigung“ des Staates für das, was ihr und vielen anderen damals widerfuhr: „Das wäre mir wichtig.“

Es gab damals viele Demonstrationen gegen die Berufsverbote.
Es gab damals viele Demonstrationen gegen die Berufsverbote. © Klaus Rose/Picture Alliance

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