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Abschlusskundgebung an der Mahnwache Teufelsbruch.
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Abschlusskundgebung an der Mahnwache Teufelsbruch.

Verkehrswende

Frankfurt: Das Herz für den Klimaschutz ausreißen

  • George Grodensky
    VonGeorge Grodensky
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Rund 180Menschen demonstrieren am Samstag gegen die Rodung des Teufelsbruchs für den Riederwaldtunnel.

Für Klimaschutz und gegen die Rodung des Teufelsbruchs in Fechenheim schlängeln sich am Samstag zwei Demos durch die Stadt. Eine Gruppe geht von Bornheim aus zu Fuß, die andere fährt vom Günthersburgpark aus mit dem Rad. Die Rad- kommt hinter der Fußgruppe, steht also die meiste Zeit im Stau. Aber das passt zum Thema. Immerhin ist auf dem Erlenbruch fast immer Stau.

Das sollte der Riederwaldtunnel ja eigentlich beheben. Wird er aber nicht, sagt Friedhelm Ardelt-Theek vom Aktionsbündnis Unmenschliche Autobahn (Aua). Der Anschluss der A66 an die A661 bringe mehr Verkehr statt weniger, außerdem eine Großbaustelle, die Anwohnerinnen und Anwohner die kommenden zehn Jahre belaste. Was es stattdessen brauche, ist mehr Platz für Fahrräder, Fußwege, öffentliche Verkehrsmittel und weniger Autos. Torben Hedderich von der BI Verkehrswende Hessen sammelt Unterschriften für ein entsprechendes Gesetz. Die Petition soll, ähnlich wie der Radentscheid in Frankfurt, die Verkehrswende ankurbeln. Nur eben hessenweit und nicht nur fürs Fahrrad. Und: „Schneller gehen“ sollte es auch.

Derweil bilden sich Sorgenfalten auf Dirk Friedrichs Stirn. Der Attac-Mann hat den Protestzug angemeldet. Er hätte auf mehr Demonstrantinnen und Demonstranten gehofft. Schließlich sei absolut unverständlich, wie die Politik an einer überkommenen Planung aus den 70ern einfach stur festhalten könne. „So verbohrt kann man doch nicht sein.“

Ob der verhaltene Zulauf an der langen Wegstrecke liege, provoziert der Reporter. Immerhin sind die Teilnehmenden größtenteils jenseits der 50 Jahre und sollen vier Kilometer laufen – über Saalburgallee, Ratsweg, Riederbruch, Erlenbruch bis zum Teufelsbruch.

„Unsinn“, kontert Martina Rüdiger. „Wir fahren ja mit der Straßenbahn“, sagt sie. Tatsächlich steckt sie zusammen mit zwei Mitstreitern aus der Aktionsgemeinschaft unter einer großen Plane, die wie eine Tram bemalt ist. Das Traurige daran: Mit der gleichen Verkleidung ist die Gruppe bereits vor 30, 40 Jahren über die Demos gerattert. Für den Erhalt der Straßenbahn in der Innenstadt, gegen den Ausbau der Autobahn. Sie hat die Verkleidung dem aktuellen Design der Bahnen angepasst. Ansonsten hat sich in Sachen Verkehrswende wohl nichts getan. „Na ja, ein bisschen was schon“, wehrt Rüdiger ab. Ohne Protest gäbe es weniger Lärmschutz, um den Klimaschutz wäre es noch schlechter bestellt.

Den ewigen Kampf gegen die Autobahn setzen Mitglieder des Antagon-Theaters in Szene. Einen Teil der Strecke begleiten die Stelzenläufer die Demo. Bei der Abschlusskundgebung an der Mahnwache Teufelsbruch präsentieren sie eine Choreographie. Die Tierfiguren symbolisieren die Natur, erklärt einer, Anzugsträger mit Geldkoffern in der Hand vertreiben sie. Am Ende steht Katharsis, die Erkenntnis. Der Raubbau an der Natur bestürzt die Anzüge so sehr, dass sie sich die Masken vom Gesicht und die Herzen aus der Brust reißen. Sie öffnen dafür ein Kästchen unterm Hemd und ziehen rote Fäden raus, was ganz eindrucksvoll aussieht.

Auf eine solche Erkenntnis hofft Gisela Schmidt nicht mehr. „Autolobby und Verkehrsministerium spielen Hand in Hand“, ärgert sie sich. Viel mehr Aufmerksamkeit müsse der Klimaschutz bekommen, viel mehr Menschen müssten auf die Straße gehen, sich empören. Die unsägliche Dürre der vorigen drei Sommer habe sie tief betroffen. Nun freue sie sich über jeden Tropfen Regen.

„Vor zwei Wochen waren es weniger Demonstranten“, sagt ein Mann erfreut. Die Polizei hat den Überblick. „91 Teilnehmer“ zählt der Einsatzleiter. Bei der Rad-Demo sind es 80 bis 90 Teilnehmer:innen. Sie haben eine laute Musikanlage zur Beschallung dabei. Bei der Fuß-Demo läuft ganz altmodisch ein Trommler mit. Krachmacher nennt er sich, er hat sich das Instrument vor den Bauch geschnallt und eine Mini-Panflöte, mit seiner Frau zusammen spielt er die über Jahrzehnte erlernten „Rhythmen der Straße“. Lateinamerikanische, türkische, auch mal einen Walzer, „wenn wir tanzbereites Publikum haben“.

Kampfbereites Publikum ist es. „Wir dürfen nach der Kommunal- und Bundestagswahl nicht hoffen, dass das nun schon wird“, ruft Jo Friedrichs von Greenpeace ins Mikro. „Wir müssen uns selber engagieren.“ Das Misstrauen in die Politik teilt Juli von „Fridays for Future“. „Im Wahlkampf versichern alle Parteien, wie wichtig ihnen Klimaschutz ist. Gleichzeitig haben sie aber keinen Plan, was zu tun wäre.“

Ja, auch junge Menschen laufen bei der Demo mit. „Wir streiten für eine lebenswerte Zukunft, sagt Helena Seiler. Ihr Nebenmann ergänzt: für mehr Radwege. „Ich habe zwar ein Auto, würde aber gerne mehr mit dem Rad unterwegs sein.“ Beide haben nicht den Eindruck, dass sich zu wenige Menschen für Klimaschutz engagieren. In ihrem Umfeld haben sie eher eine Aufbruchsstimmung ausgemacht. Die Jüngeren seien sicher mit dem Rad unterwegs, vermuten sie.

Eine ganze Reihe sitzt ja auch im Teufelsbruch in Baumhäusern und hält die Stellung. Wann die womöglich geräumt wird, liegt in den Händen der Bauherrin, der Autobahn GmbH des Bundes. „Wir haben als Magistrat auf verschiedenen Ebenen Gespräche geführt, die auf einen möglichst rationalen Umgang mit dem Konflikt hinzielen“, heißt es in einem gemeinsamen Statement aus dem städtischen Umwelt- und Verkehrsdezernat. Rechtlich sei der Komplex allerdings entschieden.

Vor dem 1. November wird da nichts passieren, da sind sich die Besetzerinnen und Besetzer sicher. Bis dahin muss die Behörde prüfen, ob im Waldstück keine Bechsteinfledermäuse leben.

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