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Bis 1940 gehörten zum Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz noch drei Bronze-Allegorien - die Nazis haben sie eingeschmolzen.
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Bis 1940 gehörten zum Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz noch drei Bronze-Allegorien - die Nazis haben sie eingeschmolzen.

Frauenfigur hütet Geheimnis

Frankfurter Merkwürdigkeiten: Das gerupfte Einheitsdenkmal am Paulsplatz

  • Stefan Behr
    VonStefan Behr
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Das Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz in Frankfurt verbirgt bis heute viele Geheimnisse. Doch einige Teile von ihm gingen durch die Nazis für immer verloren.

Frankfurt – Denkmale sind für viele Sachen gut. Zum Sehen. Zum Wundern. Zum Erinnern. Und gut gegen eines: das Vergessen. Das Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz vereint all das. Man sieht es. Man wundert sich, was das soll. Man versucht sich zu erinnern. Aber man hat es vergessen.

Das ist die Crux mit dem Einheitsdenkmal. Es bleibt nicht im Gedächtnis. Alle Frankfurter wissen, dass da auf dem Paulsplatz irgendwas im Weg rumsteht. Aber wenn man fragt, was genau, dann weiß das keiner. Soviel ist es auch nicht. Im Grunde ist es ein dreiseitiger Obelisk aus Kelkheimer Kalkstein mit Treppen drumherum. Jeder Menge Treppen. Sie führen zu drei Reliefs, die „Abschied des Jünglings vom Vater“, „Schmieden der Waffen“ und „Bereit zum Kampf“ heißen und auch so aussehen.

Denkmal in Frankfurt: Frauenfigur auf Obelisk am Paulsplatz hütet Geheimnis

Auf dem Obelisken thront eine Figur, von der niemand so genau weiß, wen sie darstellen soll. Das war schon so, als Oberbürgermeister Franz Adickes das Ding am 18. Oktober 1903 einweihte. Es ist wohl eine Frau, die da ein Schild hält, auf dem „seid einig“ steht. Die einen tippten auf auf Klio, die Muse der Heldendichtung, andere auf Germania, eine Minderheit auf Frau Rauscher. Die Frage ist bis heute offen.

Die Serie

„Frankfurt steckt voller Merkwürdigkeiten“, hat Goethe einst gesagt. Merkwürdig ist auch, dass Frankfurt heute voller Goethe steckt. Aber ein paar Merkwürdigkeiten haben den Dichterfürsten überlebt. Andere sind gar neu dazugekommen.

Die FR stellt sie in loser Reihenfolge vor. Einige davon könnten Ihnen merkwürdig vorkommen. Aber genau das sollen Merkwürdigkeiten ja auch. Zum Beispiel: das Goethe-Denkmal, das an Goethe als Geizhals, Spaßbremse und Steuerflüchtling erinnert und das scheußliche Kunstwerk vor der DZ-Bank in der Mainzer Landstraße. Oder das Frankfurter Haus – gefühltes Neu-Isenburg, aber tatsächlich eine Exklave der Mainmetropole.

Zu Beginn hatte die Dame immerhin noch Gesellschaft. Auf den drei Postamenten um den Obelisken standen drei Figurenpaare aus Bronze – keine historischen Figuren, sondern Allegorien. Das erste Paar, ein junger Krieger, der einem alten die Fesseln löst, sollte an den Freiheitskampf des Bürgertums erinnern. Die zweite, eine fleischgewordene Alma Mater, die aus einer Schale den Wissensdurst eines Jünglings löscht, sollte das faule Studentenpack zum Besuch des Audimax ermuntern. Die dritte zeigte einen alten Mann, der eine Lyra zupft und einen jungen mit einem Schwert und war vielleicht Werbung für einen Kneipenbummel durch Sachsenhausen, vermutlich aber doch eher eine Würdigung der Verdienste der Sängerbewegung im Kampf um die nationale Einheit.

Paulsplatz in Frankfurt: Statt Allegorien gibt es am Einheitsdenkmal Stätte zum Ausruhen

Heute sind die alle weg. Das liegt daran, dass die Nazis der Meinung waren, dass Allegorien noch niemand umgebracht haben – was aus ihrer Sicht eher gegen Allegorien sprach. Metall aber hat schon jede Menge Menschen umgebracht, und also landeten die Bronze-Allegorien 1940 als „Metallspende“ im Hochofen.

Was blieb, war ein gerupftes Denkmal. Mit jeder Menge Treppen und drei leeren Postamenten. Die Frankfurter füllten die Leere auf ihre Weise und nutzen das Denkmal traditionell als Ausruhestätte und Paulsplatzbank. An schönen Tagen sitzt rund um das Denkmal ein Cluster, das man als Allegorie auf den Friedberger Platz verstehen könnte, wenn es aus Bronze wäre. Und in gewisser Hinsicht setzen sich die Ausruher damit selbst ein Denkmal. Man könnte den Klotz als Pendant für Hans Traxlers „Ich-Denkmal“ nahe der Gerbermühle sehen, als großklotzige Alternative für Menschen, die ihre Komplexe kompensieren, indem sie auf dicke Hose machen, also Frankfurter.

Ort zum Zusammenkommen: Einheitsdenkmal auf dem Paulsplatz in Frankfurt

Ein Denkmal zum Mitmachen. Ein Ort zum Zusammenkommen. Da kann man nicht meckern. Und ist gewillt, das etwas martialische Arabeske zu ignorieren, wie etwa den Schlachtruf des Franzosenfressers und Brutalistikpoeten Ernst Moritz Arndt „Wir sind geschlagen, nicht besiegt. In solcher Schlacht erliegt man nicht.“ Und auch wenn die Stadt Frankfurt 1898 die Erbauer – den Architekten Fritz Hessemer (Obelisk) und den Bildhauer Hugo Kaufmann (Allegorien) – gebeten hatte, das Monument solle „den Antheil, welchen Dichtung und Gesang“ und anderes unnützes Zeug „von 1815 bis 1864 an der Einigung des deutschen Volkes gehabt haben“, verherrlichen, dass dabei aber „auch die Vertheidigung der deutschen Nordmark thunlichst zu gedenken“ sei, so muss man das nicht allzu ernst nehmen.

Hauptsache, die Party- und Einheitsdenkmalszene hält sich an das Gebot der Frau Rauscher oder wer immer auch da oben stehen mag: Seid einig! Und nach Einbruch der Nachtruhe halbwegs leise! (Stefan Behr)

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