Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Die Frankfurter Band Here The Beat! auf einer ihrer Frankreich-Tourneen: Andy, Ferdi, Mathias, Dirk (v.l.).
+
Die Frankfurter Band Here The Beat! auf einer ihrer Frankreich-Tourneen: Andy, Ferdi, Mathias, Dirk (v.l.).

Rockmusik

Frankfurt: Das Abenteuer Musik und was davon weiterlebt

  • Thomas Stillbauer
    VonThomas Stillbauer
    schließen

Jahrzehnte nach ihrer Auflösung veröffentlicht die Frankfurter Band Here The Beat! ihr erstes Album. Ein Gespräch über aufregende Zeiten, Ärger über Kratzer auf Schallplatten und ein buntes Clubleben in Rhein-Main.

Frankfurt vor 35 Jahren. Kein Internet, nirgends. Aber Musik, überall. Jazzkeller. Sinkkasten. Dreikönigskeller. Und natürlich die Batschkapp in der Maybachstraße. Unfassbares Gedränge vorm Eingang, wenn Bands wie Ideal oder die Ärzte spielten. Der Autor hat heute noch eine Narbe auf dem Handrücken vom Kampf um ein Ticket für Nichts. So hieß die Band. Nichts. „Lieber Gott, ich wünsch mir so meine Stimme im Radio“. Das waren Zeiten.

In jenen Zeiten gründete sich auch die Frankfurter Band Here The Beat!. „Manchester Rock aus Seattle, gespielt mit toughen streetgrooves aus NYC, die z.Z. an Memphis angelehnt sind und mit Country Vibes aus L.A. verschmelzen“, so charakterisierte die Combo ihren Stil selbstironisch im Bandkatalog zur zweiten Frankfurter Rock-Messe, der 1994 erschien.

Viel später sitzen wir im Rödelheimer Garten von Ferdi Schmökel, dem Bassisten von Here The Beat!, und verirren uns genüsslich in den Neunzigern. Es gab eine breite, bunte Clubszene.

Dirk Rucker, der Gitarrist: „Das Negativ fällt mir ein, der Sinkkasten, die alte Batschkapp natürlich …

Das Negativ in Sachsenhausen wäre mir auch als Erstes eingefallen, dabei gab es den Laden gar nicht sehr lang.

Dirk: Dreikönigskeller, ganz wichtig. Der Alex, der das gemacht hat, ist jetzt in Texas. Mehrere Leute haben sich da eine verlassene Wüstenstadt gekauft. Ein paar Häuser vom Sinkkasten entfernt gab es das Funkadelic. Auf der anderen Seite der Zeil das Jazzica. Und am Bahnhof, wo alle immer nachts eingefallen sind …

… das Maxim in der Karlstraße. Und in Bockenheim bis heute das Exzess.

Dirk: Da haben wir sogar öfter gespielt.

Die Music Hall gab es eine Zeit lang.

Ferdi: Und das Boot.

Andy Roth , der Sänger: Das Boot vom Hans Romanov, das fand ich super.

Ferdi: Wie hieß denn das am Ostpark?

Mathias Ochs , der Schlagzeuger: Jaaa, in der Ostparkstraße. Das Gewölbe! Mit den Slags haben wir da mal gespielt. Hieß das nicht einfach Ostklub?

Dirk: Nee.

Alte Brauerei. Aber das hatte noch einen anderen Namen.

Ferdi: Sound Depot hieß das.

Alle: Sound Depot! Ja!

Wir sitzen im Garten zusammen, weil Here The Beat! ein Album veröffentlicht hat, „Dirty Grin Of Time“, im Jahr 2021. Es ist ihre erste LP und auch ihre erste CD. Das erste Album einer Band, die es seit 1995 nicht mehr gibt. Bassist Ferdi wollte sich selbst und den Kollegen von einst ein Geschenk zu seinem 60. Geburtstag machen.

Warum jetzt, nach so langer Zeit?

Ferdi: Mein Sohn Joshua fing an, Vinylplatten zu sammeln. Das hat bei mir was ausgelöst, ich habe meinen Plattenspieler repariert, meine Anlage gemacht, bisschen Vinyl durchgeguckt. Dann hat er auch noch meinen Bass in die Hand genommen. Ich hatte selbst 20 Jahre keinen Bass gespielt.

Überhaupt nicht?

Ferdi: Gar nicht. Dann dachte ich: Ich könnte mir endlich mal einen Fender-Bass kaufen. Das konnte ich mir früher nicht leisten. Es hat mich alles wieder gepackt, und als ich 60 wurde, habe ich die Band zum Essen eingeladen und jedem eine CD mit unseren besten Songs gegeben. Die Idee war: Ich nehme die Songs, lasse das alles für 50 Euro pressen, und dann sind wir fertig. Aber da hab ich die Rechnung ohne die anderen gemacht.

Gelächter im Garten. Die Band wollte nicht einfach die rohen Aufnahmen von einst pressen. Daraus sollte etwas Besonderes werden. Sie setzten sich zusammen, trieben Geräte auf, die heute noch abspielen können, was vor 30 Jahren mitgeschnitten wurde, und das war nicht leicht.

Ferdi: Wir mussten es richtig angehen. Die alten Masterbänder suchen.

Dirk: Wir hatten auf allem aufgenommen, was es damals gab: Vierspur-Kassette, Tonband, Magnetband, DAT – teilweise mussten wir die Abspielgeräte in Reparatur geben, weil sie in die Jahre gekommen waren. Irgendein Musiker aus Offenbach hatte einen Acht-Spur-Kassettenrekorder, ein riesiges Gerät, mit dem wir unsere Sachen abspielen können. Bei manchen Bändern löst sich, wenn du Pech hast, der Klebstoff zwischen der Auflage und dem Magnetteil. Du kannst dann die Aufnahme für eine einmalige Wiedergabe retten, indem du sie in den Ofen steckst. (Gelächter) Es war abenteuerlich. Wir saßen im Studio und haben Material überspielt, und unten im Abspielgerät wuchs ein Berg aus abgelöster Magnetspur. (Gelächter) Es war sehr speziell.

Auf der LP sind zehn, auf der CD und beim Streamingdienst Spotify 16 Here-The-Beat!-Titel von einst, oft mit zusätzlichen Tonspuren, frisch eingespielt und gemastert. Man hört immer noch Einflüsse der Bands, deren Musik die vier damals selbst mochten. Ferdi schrieb im Juli einen langen, anrührenden Brief und verschickte Exemplare aus der 100-Stück-Auflage an Wegbegleiter. „Mit der Platte und der CD möchten wir uns bei Dir für die damalige Verbundenheit bedanken“, schließt der Brief: „Es war eine schöne Zeitreise bis dahin.“ Eine große Ehre für die Bemusterten. Und Auslöser des Wiedersehens im Garten.

Damals, 1985, 1990, gab es eine starke Verbundenheit zwischen den Rockbands der Region, auch mit Hilfe der Musikerinitiative Kick um Sepp’l Niemeyer. Bis heute ackert er unermüdlich für den Band-Nachwuchs in Rhein-Main, unter anderem mit dem Kick-Nachfolger Virus Musik und regelmäßigen Newcomer-Festivals. Die jungen Combos taten sich zusammen, organisierten gemeinsame Auftritte und halfen einander mit Equipment und Kontakten.

Andy: Wir hatten viel mit The B-Call zu tun, mit den Slags, mit Situation B …

Dirk: … mit den Three O’Clock Heroes …

HERE THE BEAT!

Die Band, gegründet 1985, war bis 1995 Bestandteil der Indie-Rockszene Frankfurts. Indie kommt von independent, unabhängig: ohne Vertrag bei großen Plattenfirmen.

2021 haben die Vier aus den Songs von einst ein Album gemacht. Beruflich sind zwei von ihnen Sozialpädagogen, Andy ist Rentner, Mathias beim HR im Hörfunk. ill

Ferdi: … Tapsi Turtles – die Namen sind einem geläufig, aber ich hab keine Bilder mehr dazu im Kopf. Von Sit B und B-Call hab ich Platten, aber alles andere …

Andy: Die Smiles in Boxes gab’s noch.

Und den „Sounds Like Money?“-Sampler, für den der Künstler Jim Avignon das Plattencover gestaltet hat. Da waren die Slawheads drauf, Kyoto Blue, die Hungry Cascades, The Dead Adair, Relaxte Atmosphäre, die Lilien mit Sängerin Lulu und dem grandiosen „Take A Ride In The Sun“. Der Titel „Sounds Like Money?“, deutsch: Klingt nach Geld?, spielte trotzig auf das Image der Bankenstadt an und darauf, dass es hier viel mehr gibt als die Jagd nach der Kohle. Andere Sampler hießen „The Frankfurt Independent Collection“ und „Die geilen Götter aus Frankfurt“.

Dirk, 61, macht heute noch Musik in der Band Übermut. „Wir sind übermütig, uns an so Zeug zu wagen, Jazzrock, ich muss richtig üben. Aber das tut total gut.“ Andy, 66, hat ein eigenes Studio und gab lange Gitarrenunterricht. Ferdi, 62, ist wieder am Bass dran und Mathias, 49 – was? 49?

Dirk: Als Du bei uns eingestiegen bist, das war Dein Abi-Jahr, oder?

Mathias: Ich war halb so alt wie Andy.

Dirk: Also genau wie jetzt. (Gelächter)

Mathias: Nein, Dirk, das funktioniert so nicht. Das ist mathematischer Unsinn.

Andy: Das musst Du nicht verstehen.

Dirk: Warum, bist Du jetzt nicht 98?

Früher hat die Band Frankreich-Tourneen gemacht, in kleinen Clubs, und französische Bands im Gegenzug nach Frankfurt eingeladen. Irgendwann hört so was auf, irgendwann hat es bei fast allen aufgehört, die damals in der Szene waren: diese Energie, dieses Gefühl der Unsterblichkeit, der unbedingte Wille, ständig unterwegs zu sein. Jedes Wochenende auftreten, nachts um drei nach Hause kommen und noch die Instrumente in den dritten Stock wuchten, oft zusätzlich das Schlagzeug, weil der Drummer kein Auto hatte oder besoffen war, und dann ist dir die Snare Drum die Treppe runtergefallen, BÄM, BÄM, BÄM, die ganze Treppe, Stufe für Stufe, und die Nachbarn dachten, das Haus explodiert gerade.

Ferdi, warum bist Du 1995 ausgestiegen?

Ferdi: Ich bin nicht so ein Gruppentyp. Es wundert mich eh, dass ich es mit denen zehn Jahre ausgehalten hab (Gelächter). Es ging nicht richtig weiter, du hast an einem Abend in diesem Loch gespielt, am nächsten in jenem Loch, den Verstärker dort hingeschleppt, dann wieder da hin. Man musste auch irgendwann Geld verdienen. Mein Leben hat sich anders ausgerichtet.

Hinsetzen und eine Platte hören, konzentriert, mit dem Cover in der Hand, das war in den Jahrzehnten seither bei keinem mehr in dem Maße Abendgestaltung, wie es vor 35 Jahren normal war. Wir hatten ja nichts. Wir hatten einen Plattenspieler, und wenn wir eine neue Platte hatten, dann war diese Platte für die nächsten fünf Tage auf heavy Rotation, dann ging die nicht mehr runter vom Plattenteller. Und das war geil. Aber das ist vorbei, und jetzt gibt es Youtube und Spotify, und das ist auch irgendwie geil, aber anders. Ganz anders.

Mathias: … und dann hat man die Platte nach Hause getragen, die ganze Zeit diese Vorfreude, und gespannt angehört. Allein deswegen gab es für mich in der Zeit viel mehr Momente, in denen ich mich hingesetzt und Musik gehört habe. Heute kann ich mir jederzeit alles anhören. Musik war damals wertvoller, weil sie nicht so verfügbar war. Und man hat sich so sehr geärgert, wenn da ein Kratzer drauf war.

Unser Gespräch, die Niederschrift, ist zehn Seiten lang. Das passt hier gar nicht alles hin, auch das muss jetzt aufhören. Wir reden irgendwann weiter. Weil’s guttut.

Jetzt sagt noch jeder eine Band und einen Laden in Frankfurt, in dem er diese Band gern hören würde.

Mathias: Einen aktuellen Laden?

Du kannst auch sagen: Beatles im Negativ.

Mathias: Gut, dann würde ich gern die Foo Fighters in der alten Batschkapp hören.

Andy: Ich würde auch die alte Batschkapp nehmen und gern die Beatsteaks hören.

Ferdi: Mir fällt jetzt wahrscheinlich nix ein, dann sag ich irgendwas und dann ruf ich Dich bestimmt noch 20 Mal an und …

Kannst Du jederzeit machen. (Gelächter)

Ferdi: Ich steh auf Clubkonzerte, deshalb sage ich auch: alte Batschkapp. Und Cage The Elephant.

Dirk: Total schwer. Wie heißt der Laden auf der Zeil? Gibson. Und natürlich jemanden, den man nicht mehr … klar, Jimi Hendrix.

Andy: Weißt Du noch, wie Du mal zu Nirvana wolltest, aber wir haben geprobt, und Du bist nicht hin?

Dirk: Nee, bei Nirvana war ich. Hier, äh, „Black Hole Sun“ …

Alle: Soundgarden!

Dirk: Soundgarden war’s.

Mathias: Das wäre eine Überschrift: Dirk wollte zu Soundgarden und ist wegen einer Probe mit Here The Beat! nicht hin.

Andy: Ich würde jetzt doch lieber Nirvana sehen als die Beatsteaks.

Ferdi: Ich kann auch schon anpassen. Der Musiker, der sich die ganze Zeit durch mein Leben zieht, ist Frank Zappa. Den würde ich dann gern sehen.

Dirk: Zappa! Ja, logisch!

Und die Frankfurter Band Here the Beat! heute: Andy, Ferdi, Mathias, Dirk (v.l.).

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare