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Frankfurt: „Da entsteht eine ganz neue Welt“

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Von: Brigitte Degelmann

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Die Villa Kennedy war das Projekt des Stadtteilhistorikers Dieter Wesp.
Die Villa Kennedy war das Projekt des Stadtteilhistorikers Dieter Wesp. © Christoph Boeckheler

Frankfurts Stadtteilhistorikerinnen und -historiker erforschen die Geschichte ihrer Heimat und leisten damit viel für die Gesellschaft. Ein Interview mit Frank Dievernich und Projektleiterin Katharina Uhsadel.

Das Projekt Stadtteilhistoriker der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft (SPTG) geht bald in eine neue Runde. Derzeit läuft die Bewerbungsphase für die neunte Staffel des Programms. Frank Dievernich, der Vorstandsvorsitzende der SPTG, und Projektleiterin Katharina Uhsadel erklären, warum die Teilnehmer:innen mit ihren Arbeiten das Wir-Gefühl in der Stadt stärken können und welche Themen sie selbst gerne erforschen würden.

Frau Uhsadel, Herr Dievernich, in Frankfurt gibt es etliche Geschichtsvereine, dazu Einrichtungen wie das Historische Museum und das Institut für Stadtgeschichte. Warum hat ein Programm wie die Stadtteilhistoriker trotzdem seine Berechtigung?

Katharina Uhsadel: Wir wollen dem allgemeinen Geschichtsinteresse ein Format geben. Es gibt viele Menschen, die sich für Stadtgeschichte interessieren. Das wollen wir aufgreifen. Geschichte hört ja oft jenseits der Schule auf. In diese Lücke stoßen wir mit unserem Programm. Dabei sind wir keine Konkurrenz zu den bestehenden Einrichtungen und Vereinen, im Gegenteil: Ganz oft kommen Verbindungen zustande, weil bei der Recherche zwangsläufig der Weg mal ins stadtteilbezogene Geschichtsarchiv führt.

Frank Dievernich: Zumal das Programm dennoch einen wichtigen Beitrag zur Erschließung der Geschichte Frankfurts leistet und zugleich maßgeblichen Einfluss auf die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit „ihrer“ Stadt ausübt.

Die Themenpalette ist ja unglaublich bunt: In der jüngsten Staffel gab es beispielsweise eine Arbeit über den Punkrock in Frankfurt, aber auch Arbeiten über Schopenhauer und über die Musikzüge in den Freiwilligen Feuerwehren.

Uhsadel: Ja, anfangs hatten wir noch überlegt, ob wir bestimmte Themen ausschreiben sollen. Davon haben wir aber Abstand genommen. Denn die Stadtteilhistoriker arbeiten ja – abgesehen von einer Aufwandsentschädigung – ehrenamtlich und betreiben dafür erheblichen Aufwand. Dafür ist die Motivation ganz wichtig. Und die Tatsache, dass sie sich ihr Thema selbst gesucht haben, ist ein großer Motivator.

Dievernich: Diese Vorgehensweise ist für uns auch ein wunderbarer Mechanismus, um neue Facetten der Stadt kennenzulernen. Diese Breite ist uns sehr wichtig.

Warum?

Dievernich: Durch das Projekt Stadtteilhistoriker wollen wir Menschen mit dieser Stadt in Berührung bringen. Wir wollen, dass sie eine Bindung zu und eine Faszination für Frankfurt entwickeln. Denn nur solche starken Bindungen machen eine Stadt robust. Die Stiftung versucht ja, das große „Wir“ dieser Stadt mitzubauen – und dabei sind die Stadtteilhistoriker ein wichtiges Element.

Welche Hilfe erhalten die Teilnehmer:innen während ihrer 18-monatigen Arbeit vonseiten der Stiftung?

Uhsadel: Unser Projektkoordinator Oliver Ramonat unterstützt sie schon in der Ausschreibungsphase, beim Themenzuschnitt und bei der Recherche. Auch während der Arbeit ist er kontinuierlich ansprechbar. Außerdem gibt es zwei Werkstatttreffen, unter anderem mit einem Fachvortrag von einem Historiker der Goethe-Universität sowie Praxisworkshops mit Experten, dazu informelle Monatstreffen. Darüber hinaus erhält jeder Stadtteilhistoriker 1500 Euro, zum Beispiel für anfallende Fahrt- und Kopierkosten oder um eine Broschüre zu erstellen.

Das Projekt

Während des 18-monatigen Programms erforschen seit 2007 bis zu 25 Frankfurter:innen pro Staffel ehrenamtlich die Stadt- und Stadtteilgeschichte. Die Themen entstammen ihrem Lebensumfeld und werden von ihnen selbst ausgewählt. Dabei können die Geschichten von Personen, Familien, Unternehmen oder Ereignissen behandelt werden.

Nach Ende der Projektlaufzeit sollen die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt werden. In welcher Form, kann jede:r Stadtteilhistoriker:in selbst entscheiden.

Die Teilnehmer:innen werden von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft begleitet und unterstützt. Pro Kopf stellt die Stiftung einmalig 1500 Euro für Recherche und Kosten der Präsentation zur Verfügung. Ferner werden zur fachlichen Qualifizierung zwei Werkstatttreffen angeboten. Als Medienpartner fungiert die „Frankfurter Neue Presse“. Wir berichten während der Projektlaufzeit in einer Serie über die Stadtteilhistoriker:innen.

So bewerben Sie sich: Wenn Sie als Stadtteilhistoriker:in aktiv werden möchten, nehmen Sie Kontakt zur Stiftung Polytechnische Gesellschaft auf, die Sie gerne schon bei der Auswahl und Eingrenzung Ihres Themas und bei der Vorbereitung Ihrer Bewerbung unterstützt. Am besten per E-Mail an info@stadtteilhistoriker.de

Die Stiftung lädt Sie zu einer individuellen Bewerberberatung ein. Am Samstag, 3. Dezember, findet ein allgemeiner Beratungstermin im

Polytechnikerhaus statt (Untermain-anlage 5; Uhrzeit nach Vereinbarung mit dem Projektkoordinator).

Bewerbungsschluss ist der 15. Dezember.

Weitere Informationen:

www.stadtteil-historiker.de bd

Manche forschen ja auch nach diesen 18 Monaten noch weiter.

Uhsadel: Genau, zum Beispiel Richard Sturm, der zunächst eine Broschüre über den Pferdeliebhaber Arthur von Weinberg erarbeitet hat und sich inzwischen mit der Entstehung und Entwicklung des Frankfurter Pferderennsports beschäftigt. Das ist ein Klassiker: einmal Stadtteilhistoriker, immer Stadtteilhistoriker. (lacht) Übrigens macht das Projekt mittlerweile Schule: Inzwischen gibt es auch in Wiesbaden, Darmstadt-Eberstadt, in Bad Homburg und im Ruhrgebiet Stadtteilhistoriker.

Welche Projekte sind Ihnen denn besonders im Gedächtnis geblieben?

Uhsadel: Das ist ein bisschen wie die Frage nach dem Lieblingskind. (lacht) Alle 195 Teilnehmer, die wir bisher hatten, haben einen ganz wichtigen Beitrag zur Stadtgeschichte geleistet. Sie haben viel Herzblut, Energie und Zeit in ihre Projekte gesteckt. Ihre Forschungen sind ein unschätzbares Pfund. Ich selbst habe dadurch unendlich viel über diese Stadt gelernt. Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir beispielsweise die Arbeit von Uta Endreß, die die Geschichte der Alten Falterstraße in Griesheim untersucht hat. Oder die Recherche von Dieter Wesp über die Villa Kennedy...

...die einst einer jüdischen Bankiersfamilie gehörte.

Uhsadel: So ist es. Diese Familie wurde aber von den Nationalsozialisten enteignet. Die Recherchen von Herrn Wesp haben dann auch den Anstoß zu einem Folgeforschungsauftrag am Fritz-Bauer-Institut gegeben. Dort geht man nun der Geschichte der Arisierung von jüdischen Immobilien in Frankfurt in noch größerem Maßstab nach.

Wenn Sie selbst sich als Stadtteilhistoriker engagieren würden, welches Thema würden Sie dann wählen?

Uhsadel: Ich lebe neben dem Campus Westend und habe auch einen familiären Bezug dazu. Dort waren ja früher die IG Farben, und meine Großeltern haben sich in den 1920er Jahren vor einem der legendären Paternoster in dem Gebäude kennengelernt. Das Gelände hat eine extrem wechselvolle Geschichte – wir hatten auch schon mal ein Projekt über die Phase der amerikanischen Besetzung dort. Und vor 50 Jahren gab es dort einen Anschlag der RAF. Über dieses Gelände würde ich gerne forschen, nach dem klassischen Ansatz der Stadtteilhistoriker: Was ist vor meiner Haustür?

Dievernich: Bei mir wäre es der Ansatz: Was passiert in meinem Haus? Ich habe in München studiert und bin dort bei einem Freund ein- und ausgegangen. Irgendwann habe ich erfahren, dass Georg Elser dort in einem Innenhofgebäude wohl die Bombe gebaut hat, mit der er 1938 das Attentat auf Adolf Hitler im Münchner Bürgerbräukeller verübt hat. Das fand ich unglaublich spannend. Ich bin in einem alten Haus in Bockenheim aufgewachsen und habe mich schon als Kind gefragt: Wer ist hier wohl ein- und ausgegangen? Wir würden unglaublich viel erfahren, wenn sich Menschen der Geschichte ihres Hauses annehmen würden. Denn jedes Haus kann Geschichten erzählen – da entsteht eine ganz neue Welt.

Interview: Brigitte degelmann

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