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Joachim Letschert im regenbogenfarbenen Kreisel zwischen Großer Friedberger und Alter Gasse.

Porträt

CSD-Organisator Joachim Letschert: Streiter für Respekt

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Joachim Letschert organisiert gemeinsam mit vielen Helfern den Christopher Street Day in Frankfurt. Trotz einiger Erfolge, gebe es keinen Grund sich zurückzulehnen.

Die zurückliegenden Tage waren für Joachim Letschert äußerst intensiv. In dieser Woche wird das Ganze noch mal eine kleine Steigerung erfahren, denn der Frankfurter Christopher Street Day beginnt am Donnerstag. Der 51-Jährige ist im Vorstand des Vereins CSD Frankfurt und damit auch intensiv in die Vorbereitungen der Veranstaltung rund um die Konstablerwache eingebunden. „Jetzt ist eine spannende Zeit. Es gibt nun keinen Tag mehr, wo man nicht etwas für den CSD machen muss“, sagt er.

Dabei hatte Letschert am Anfang nicht so viel mit der Organisation des CSD in Frankfurt am Hut. In den Anfängen der Veranstaltung Anfang der 90er Jahre war er als Besucher dabei, dann eine Zeit lang gar nicht mehr. Bis ihn Käthe Fleckenstein in den Backstagebereich einlud, um den CSD noch mal mit anderen Augen zu sehen. Letschert gefiel es, kam auch im kommenden Jahr wieder und erhielt prompt vom damaligen Organisator Rainer Gütlich die Ansage: „Wenn du im nächsten Jahr wieder im Backstagebereich sein willst, musst du aber mitmachen.“ Von da an gehörte der 51-Jährige zum Team.

Schon damals habe das Hauptaugenmerk auf der Community gelegen. „Es ist heute im Grunde noch der CSD, den Rainer Gütlich geschaffen hat“, sagt Letschert. Das Konzept habe sich kaum verändert. 2009 nahm sich Gütlich das Leben. Ab 2012 wurde der CSD dann erstmals vom Verein organisiert.

Joachim Letschert ist der Stadt verbunden, obwohl er eigentlich kein waschechter Frankfurter ist. Aufgewachsen in Eddersheim, einem Stadtteil von Hattersheim, zog es ihn aber bald in die große Stadt. „Mit zehn war ich ständig in Frankfurt unterwegs.“ Er ging in der Mainmetropole zur Schule und spielte sogar mit der Marionettengruppe auf dem Weihnachtsmarkt. Eine Zeit lang hat er auch im Nordend gelebt. Heute wohnt er gemeinsam mit seinem Freund „auf dem Land“ in Bad Vilbel. Eine lebenswerte Stadt mit Wasser, Kino und Theater, so der 51-Jährige.

Zur Person
Joachim Letschert ist Teil des Vorstands des Vereins CSD Frankfurt.

Der 51-Jährige ist selbstständig als Trainer für Kommunikation tätig. Zudem ist er Heilpraktiker für Psychotherapie.

Im Verein ist er in die Organisation des CSD involviert. Die Frankfurter Veranstaltung an der Konstablerwache beginnt am 18. Juli um 20 Uhr und endet am 21. Juli um 22 Uhr.

Die große Demo startet am Samstag gegen 12.15 Uhr auf dem Römerberg.

Dass er homosexuell sei, sei ihm mit 16 Jahren klar geworden. Mit 19 kam dann erstmals das Thema Liebe auf. „Ich war ein Spätzünder“, sagt Letschert. Doch damals war er noch nicht in der Szene und hatte irgendwie auch Berührungsängste. Er kam auf die Idee, ein Inserat in der Rubrik „Er sucht ihn“ zu schalten und habe extra ein Postfach dafür angelegt. Sein Outing war dann eher unkonventionell. „Ich habe einfach meinen ersten Freund mit nach Hause gebracht“, sagt er und lacht. Was für eine Überraschung für seine Eltern. Später habe er aber auch noch mit ihnen darüber geredet. „Ich glaube, ich habe mein Umfeld damals manchmal überfordert. Heute würde ich es anders machen.“

Trotzdem habe er nie negative Erfahrungen nach seinem Outing gehabt. „Ich war eher etwas Besonderes im Dorf.“ Früher sei es auch leichter gewesen, in Frankfurt Kontakt zur Community zu bekommen. Es gab zig unterschiedliche Locations in die man gehen konnte – Schwulenbars, Cafés und Discos mit Darkroom. Heute brauche man eher Veranstaltungen, wie eben den CSD oder man nutze das Internet. Letschert ist auch überzeugt, dass die Coming-Out-Probleme heute nicht weniger geworden sind. Die Reaktionen vor 30 Jahren seien eventuell nur andere gewesen.

Auch der CSD habe sich im Laufe der Jahre verändert. Auf der einen Seite habe er im Laufe der Jahre mehr Aufmerksamkeit bekommen. Zudem sei man mit der Veranstaltung mehr in Richtung Community gegangen und auch die Stadt sei mehr in das Thema involviert worden. Das Hissen der Regenbogenflagge am Römer, die bunte Stadtbahn und das Implementieren der Ampelmännchen sind nur einige Beispiele. Auf der anderen Seite sei der CSD auch wieder deutlich politischer geworden. Der wachsende Zuspruch für die AfD und das Erstarken des rechten Randes lieferten auch keinen Anlass, um sich zurückzulehnen – trotz Verbesserungen wie die Abschaffung des Paragrafen 175 oder die Realisierung der Ehe für alle und des dritten Geschlechts. „Transsexuelle Menschen kämpfen immer noch für ihre Forderungen. Das müssen wir unterstützen“, sagt Letschert.

Mit seinem Freund ist das Vorstandsmitglied des CSD Frankfurt mittlerweile seit 27 Jahren zusammen. Sei nach der Möglichkeit der gleichgeschlechtlichen Ehe nie der Gedanke an Heirat gekommen? „Die Ehe war noch nie so Thema“, sagt er und fragt sich dann selbst, wieso eigentlich. Irgendwie hatten beide nie gleichzeitig gesagt, dass sie es jetzt wollen. Vielleicht sei es wieder mal Zeit, das Thema anzuschneiden.

Der selbstständige Kommunikationstrainer Letschert macht deutlich: „Der CSD ist nie unpolitisch gewesen.“ Zwar gingen die leisen Töne angesichts des musikalischen Spektakels vielleicht manchmal unter, aber auch heute gebe es noch einige von ihnen auf dem CSD. Gesetze seien zwar schön und gut, nichtsdestotrotz müsse man das Erreichte weiter verteidigen. Nur weil es ein Gesetz gebe, seien die Vorurteile in der Gesellschaft nicht plötzlich weg. Da passe auch der CSD ins Bild. „Gegen drei Tage feiern ist erst mal nichts zu sagen.“ Die Botschaft müsse dabei auch rüberkommen und man könne nicht genug für Respekt einstehen. Man solle andere so sein lassen, wie sie sein wollten.

Letscherts großer Traum für den Frankfurter CSD ist es, einmal Udo Lindenberg auf die Bühne zu bekommen. Vor einigen Jahre wäre es fast dazu gekommen. Lindenberg war zum Konzert in Frankfurt und es lief gerade der CSD. Letschert traf sich mit ihm und es gab eine Grußbotschaft für die Besucher. Der 73-jährige Künstler musste sich aber auf seinen Auftritt vorbereiten, sonst wäre er spontan auf die CSD-Bühne gekommen. „Es gibt noch einen Kontakt zu ihm“, sagt Letschert. Vielleicht wird es ja bald doch noch was mit Udo und dem Frankfurter Christopher Street Day.

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