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Corona in Hessen: Impfzentzrum Frankfurt
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In der Frankfurter Festhalle wurde bereits geimpft. Viele, die dringend eine Impfung brauchen, warten noch vergeblich auf einen Termin. (Symbolbild)

Corona-Impfung

Frankfurter Familie kämpft um Corona-Impfung für behinderten Sohn

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

In Frankfurt kämpft eine Familie um eine Corona-Impfung für ihren schwerkranken Sohn – ein Beispiel für viele: Warum besonders gefährdete Menschen oft gar nicht in der Statistik auftauchen.

  • Eine Familie in Frankfurt kämpft um eine Corona-Impfung für ihren Sohn, der eine schwere Behinderung hat.
  • Wegen des Kontakts mit vielen Pflegern ist der 32-jährige Frankfurter einem hohen Risiko ausgesetzt, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Der Verlauf einer Infektion könnte tödlich sein.
  • Bei den Behörden in Frankfurt konnte bislang keine Erhöhung der Impf-Priorität erreicht werden. Die Stadt verweist auf die Zuständigkeit des Landes.

Frankfurt – Corona verlangt uns allen viel ab, aber einigen noch mehr. Dazu zählen Menschen, die eine sehr schwere Grunderkrankung haben und zu Hause betreut werden. Sofern sie noch nicht 80 Jahre, noch nicht einmal 60 Jahre alt sind, fallen sie völlig aus den offiziellen Richtlinien heraus, die für die Reihenfolge der Impfung gegen das Coronavirus gelten. So wie der Sohn von Andrea Schumann.

Die Frankfurterin wandte sich in dieser Woche an die FR, weil sie von Benni Over gelesen hatte, dem jungen Mann aus Rheinland-Pfalz, der vor vielen Jahren an Muskeldystrophie Duchenne erkrankte. Wie der 30-jährige Benni Over ist auch Andrea Schumanns Sohn wegen derselben Krankheit am ganzen Körper gelähmt, wie Benni Over wird er ständig beatmet, wie Benni Over lebt auch er nicht in einer Pflegeeinrichtung, sondern daheim. Aber anders als der Rheinland-Pfälzer, der kürzlich nach langem Kampf seine Impfung erhielt, wartet der 32-jährige Frankfurter immer noch auf einen Termin.

Corona-Impfung: Schwerbehinderter Sohn ist besonders gefährdet

„Er hat im Schichtwechsel 16 Betreuer zwischen 20 und 40 Jahren“, sagt seine Mutter, um zu erklären, in welcher latenten Gefahr sich der Patient befindet. Eine Infektion mit dem Coronavirus wäre für ihn eine weitaus größere Gefahr als für die meisten anderen Menschen – eine aller Voraussicht nach tödliche. Andrea Schumann versucht deshalb seit Wochen alles, um ihren Sohn als vordringlichen Fall auf die Impfliste zu setzen zu lassen, aber: „Ich bekomme fast überall nur automatische Antworten, die uns vertrösten wollen.“ Sozialministerium, Kassenärztliche Vereinigung, Gesundheitsamt, nirgends gab es schnelle Abhilfe – trotz Attests des behandelnden Arztes. „Die Telefonnummer 116 117 haben wir von morgens bis abends versucht.“

Stiko empfiehlt Einzelfälle für Corona-Impfungen zu priorisieren

Die Ständige Impfkommission (Stiko) beim Robert-Koch-Institut hatte kürzlich empfohlen, Einzelfälle wie diesen aus der geltenden Impf-Priorisierung nach Alter und Aufenthaltsort (Pflegeheim) herauszunehmen und je nach Dringlichkeit vorzuziehen. Mit der Umsetzung dieser Zusatzregel sind die Behörden vor Ort jedoch offenbar häufig überfordert – unter anderem, weil niemand genaue Statistiken über den betroffenen Personenkreis führt.

„Wir haben Hunderte, vielleicht 1000 schwerkranke Menschen, die zu Hause betreut werden“, sagt Udo Götsch, Abteilungsleiter der Infektiologie im Frankfurter Gesundheitsamt. „Wir können nicht alle mobil versorgen, das ist praktisch nicht möglich.“ Das sei kein böser Wille. „Wir wollen ja niemandem den Impfstoff vorenthalten, der ihn dringend braucht“, sagt Götsch, „aber wir müssen die Leute im Moment leider vertrösten und bitten, in der Zwischenzeit zu Hause die Hygieneregeln so streng einzuhalten, wie es irgend geht.“

Gesundheitsamt verweist auf logistische Probleme bei Corona-Impfung

Wer Betroffene zu Hause pflegt, solle sich durchaus beim Gesundheitsamt bemerkbar machen, empfiehlt Götsch. „Aber das hilft im Moment nicht viel, weil wir nicht den passenden Impfstoff haben.“ Das Serum von Pfizer/Biontech sei so empfindlich, dass es sich nicht von Patient:in zu Patient:in transportieren lasse. „Es ist sehr erschütterungsanfällig, und wir können ja nicht eine Ampulle mit sechs Dosen wegwerfen, nachdem wir die erste Dosis verabreicht haben und über holprige Straßen zur nächsten Adresse fahren.“ Das sei jedoch nicht das letzte Wort. „Sobald wir andere Impfstoffe bekommen, etwa den von Astrazeneca, wird es leichter – dann gibt es Hoffnung.“ Andere Vakzine seien weniger empfindlich.

Für ihren Sohn sei der Transport zum Impfzentrum nicht das Problem, sagt Andrea Schumann. „Er kann zu einem Impfzentrum im Auto mit Rollstuhl gefahren werden. Er bräuchte nur eine Zulassung mit Code.“

Corona-Impfung: Stadt Frankfurt verweist an Landesregierung

Aber woher nehmen und nicht stehlen? Aus dem Frankfurter Gesundheitsdezernat erhielt die Familie Schumann gestern eine sehr freundliche Antwort. Darin steht, dass die Situation der Familie sicher sehr viel abfordere, dass eine „vorzeitige“ Impfung die Situation entspannen könnte, dass es das Amt freuen würde, wenn dem Sohn kurzfristig und unbürokratisch geholfen werden könnte, dass man mit den Schumanns auf eine Erleichterung der Lebenssituation hoffe – und dass nicht das Frankfurter Gesundheitswesen, sondern die Landesregierung dafür zuständig sei, die Prioritäten zu setzen. Aus Frankfurt sei das Schreiben daher an das Hessische Ministerium für Soziales und Gesundheit weitergeleitet worden.

Dorthin hatte sich Andrea Schumann schon längst gewandt. Die Familie fühlt sich „von Pontius zu Pilatus geschickt“ und hätte sich gewünscht, wenigstens an einer der vielen Stellen ein Zuständigkeitsgefühl vermittelt zu bekommen, noch besser: eine gewisse Lobbyarbeit für die Schwächsten in der Impfkette. Die Odyssee der Schumanns ist nur ein Einzelfall. Wie viele dieser Einzelfälle es allein in Frankfurt, in Rhein-Main, in Hessen gibt – niemand weiß es. (Thomas Stillbauer)

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