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Der neue Institutsleiter Stephan Lessenich.
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Der neue Institutsleiter Stephan Lessenich.

Institut für Sozialforschung

Anschub für die Frankfurter Schule: Kritisches Denken in Zeiten der Corona-Pandemie

  • George Grodensky
    vonGeorge Grodensky
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Das Land Hessen hebt den Etat des Instituts für Sozialforschung an. Der Soziologe Stephan Lessenich wird neuer Leiter. Ein Gespräch mit Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn und dem neuen Direktor.

Das Gebäude an der Senckenberganlage 26 strahlt gleichermaßen Moderne wie Patina aus. Im Saal im Erdgeschoss des Instituts für Sozialforschung sprechen Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) und der neue Leiter Stephan Lessenich über die Zukunft des Hauses. Zwischen wirklich alten Buchrücken und Stühlen, auf denen Adorno selbst schon gesessen hat. Die Wissenschaft auf den Fluren ist allerdings auf der Höhe der Zeit. Damit das so bleibt, hat das Land den Etat erhöht und für den neuen Leiter eine Kooperationsprofessur mit der Goethe-Universität geschaffen.

Frau Dorn, Herr Lessenich, das Institut für Sozialforschung (IfS) hat so viel Tradition. Max Horkheimer hat es geleitet, Theodor W. Adorno. Seit 2019 ist der Platz an der Spitze vakant. Warum hat es so lange gedauert, die Position zu besetzen?

Lessenich: Das hat relativ lange Zeit in Anspruch genommen, weil die Konstruktion der Professur komplex ist. Viele Spielerinnen und Spieler sind beteiligt, die Universität, das Land Hessen, das Institut selbst.

Was macht das so komplex?

Lessenich: Ich habe einen Ruf an die Goethe-Universität bekommen, auf eine neu eingerichtete Kooperationsprofessur, finanziert durch einen Sondertatbestand des Ministeriums. Die Professur ist verbunden mit dem Direktorat des Instituts für Sozialforschung, ich bin sozusagen hälftig abgeordnet. Das macht die Stelle auch so attraktiv: dass man nicht nur in Verwaltung und Forschung involviert ist, sondern den Kontakt zur Lehre behält, zu den Kolleginnen und Kollegen, zu den Studierenden.

Dorn: Diese Konstruktion macht es komplizierter, aber auch produktiver. Das war eine Empfehlung aus dem Wissenschaftsrat, eine engere Anbindung des Instituts an die Hochschule zu ermöglichen. Wir wollen das IfS in die Zukunft führen, es ist bundesweit einzigartig und renommiert. Ich freue mich sehr, dass wir es geschafft haben, die Finanzierung noch mal um mehr als 250 000 Euro anzuheben. Das Land gibt somit fast 900 000 Euro im Jahr, die Stadt Frankfurt gut 350 000 Euro.

Frankfurt: Stephan Lessenich ist neuer Leiter des Instituts für Sozialforschung

Der vorige Leiter, Axel Honneth, hat mal geklagt, in der Forschung ausschließlich abhängig von Drittmitteln zu sein. Oft reiche das Geld nicht bis zur Fertigstellung des Abschlussberichts ...

Lessenich: Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass es dem Ministerium gelungen ist, die Finanzierung anzuheben. Das ermöglicht es dem Institut erstmalig, etatisierte wissenschaftliche Stellen einzurichten, nicht nur von Drittmittelakquise abhängig zu sein. Mit der neuen Grundlage kann man ein Forschungsprogramm auf Dauer stellen und strukturiert Forschungsagenden verfolgen. Das ist dann aber natürlich auch ein Auftrag, etwas draus zu machen.

Frau Dorn, wie haben Sie die verbesserte Finanzierung ermöglicht?

Dorn: Wir haben eine schwierige Haushaltssituation, nicht erst seit der Pandemie. Ich kann nicht überall mehr Mittel zur Verfügung stellen, wir müssen Prioritäten setzen. Wir haben uns also ganz bewusst entschieden, dass wir gerade jetzt eine kritische Gesellschaftswissenschaft brauchen. Wir tragen Verantwortung für dieses Institut. Stadt und Land haben sich nach dem Zweiten Weltkrieg angestrengt, es aus den USA zurückzuholen. Und wir haben heute die Verantwortung, es für die Zukunft aufzustellen.

Frankfurt: Wieso die Sozialforschung wichtig ist

Wofür brauchen wir die Sozialforschung?

Dorn: Wir stehen vor enormen gesellschaftlichen Herausforderungen, auf vielen Feldern vor einer Spaltung der Gesellschaft. Wir reden in Pandemiezeiten viel über die Virologie, über Medizin, Digitalisierung – all das ist wichtig, aber hat ohne Geisteswissenschaften keine gesellschaftliche Verankerung. Wir brauchen anspruchsvolles sozialwissenschaftliches, geisteswissenschaftliches, philosophisches Denken, das uns hilft, kritisch zu reflektieren. Und wir brauchen es auch, um die Postulate, auf deren Grundlage wir Politik machen oder auf denen unsere Wirtschaftsweise fußt, immer wieder zu hinterfragen.

Lessenich: Um die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft, auch der näheren, zu bewältigen, brauchen wir vernetztes Denken. Dafür steht das Haus. Es hat eine starke interdisziplinäre Tradition, eine Tradition auch der Verkopplung von Theoriebildung und Empirie. Um zum Beispiel ganz praktisch Fragen von sozialer Ungleichheit zu untersuchen. Nehmen wir die Pandemie: Schon ihre Entstehung kann man aus sozialwissenschaftlicher Sicht der herrschenden Produktions- und Konsumweise anlasten. Das Entstehen von Zoonosen, das Überspringen von Viren von Tier auf Mensch, hat ganz stark mit unserem Ressourcenverbrauch und unserer Natur-Vernutzung zu tun. Auch was das Infektionsrisiko angeht, das Risiko von schweren Krankheitsverläufen, die Möglichkeiten, mit den Pandemiefolgen umzugehen, für Haushalte, für Individuen, für soziale Milieus und Gruppen: All das ist extrem ungleich verteilt. Im Grunde genommen reproduziert das Virus die Ungleichheitsachsen, die wir schon kennen. Hier wie auch grundsätzlich zu fragen: „Wie könnte es anders sein?“ – das ist die Aufgabe des Hauses.

Zu den Personen

Stephan Lessenich (56) ist ein Soziologe aus Stuttgart. Von 2004 bis 2014 forschte und lehrte er als Professor in Jena, von 2010 bis 2013 war er Dekan. Zum Wintersemester 2014/2015 wurde er als Nachfolger von Ulrich Beck auf den Lehrstuhl für Soziale Entwicklungen und Strukturen an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Ab 1. Juli 2021 tritt er eine Professur für „Gesellschaftstheorie und Sozialforschung“ an der Goethe-Universität an, die beinhaltet die Direktorenstelle am Frankfurter Institut für Sozialforschung.

Angela Dorn (38) ist gebürtige Aschaffenburgerin. Seit Januar 2019 ist die Psychologin hessische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst. Von November 2017 bis Mai 2019 war sie Landesvorsitzende der Grünen. Dorn wurde im Januar 2009 als damals jüngste Abgeordnete in den Landtag gewählt und war bei der Landtagswahl 2013 Spitzenkandidatin ihrer Partei. sky

Stephan Lessenich über Theodor W. Adorno

Herr Lessenich, Sie sprechen die Tradition an. Wenn Sie aus dem Fenster auf den ehemaligen Labsaal schauen, sehen Sie ein Porträt von Theodor W. Adorno. Fühlen Sie sich beobachtet? Ist das eine Bürde? Oder beschäftigt Sie das nicht?

Lessenich: Wenn ich sagen würde, ich hätte mich gar nicht damit beschäftigt, wäre das nicht sehr glaubwürdig. Aber ich sehe mich nicht als Nachfolger von einzelnen Personen. Ich sehe mich in einer Verbundenheit zur Tradition, kritische Gesellschaftstheorie zu betreiben. Und auch in einer Tradition eines bestimmten Wissenschaftsverständnisses. Nämlich nicht nur im viel zitierten Elfenbeinturm zu forschen, sondern in die Öffentlichkeit zu wirken, in die Stadtgesellschaft hinein.

Adornos Schriften gelten vielen als arg kompliziert ...

Lessenich: Adorno war ein kluger Kopf, der komplex schreiben und denken konnte, der aber gleichzeitig als öffentlicher Wissenschaftler extrem wirkungsvoll war. Der als Radiosoziologe eine Riesenwirkung hatte und da auch so sprechen konnte, dass man ihn verstand.

Die Tradition setzen Sie fort?

Lessenich: Es ist eine aktuelle Debatte, wie öffentlichkeitswirksam die Soziologie sein soll. Geht es nur darum, Wissen zu produzieren und das dann der Politik zur Verfügung zu stellen oder öffentlichen Einrichtungen – oder gibt es auch eine Verantwortung, nicht zuletzt, weil man steuerfinanziert ist, mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren? Im Austausch mit dem Publikum gesellschaftliche Probleme zu ergründen, nicht nur aus Sicht der Wissenschaft, auch aus Sicht der Leute selbst? Ich glaube, dass die Frankfurter Schule und die Kritische Theorie da immer sehr weit vorne waren, wenn es galt, die Öffentlichkeit einzubeziehen.

Stephan Lessenich ist Fan der Neuen Frankfurter Schule

Es gibt einen gemeinen Bilderwitz von Hans Traxler. Darauf sind ältere Herren zu sehen, die am Fuße des Feldbergs herumirren. Der Bildtext lautet: „Kürzlich wurden im Hochtaunus mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter des Institut für Sozialforschung ausgewildert, um sie an das Leben der postmarxistischen Ära zu gewöhnen.“

Lessenich: Ich bin ein Fan der Neuen Frankfurter Schule. Der Cartoon beschreibt ein stereotypes Bild, das man womöglich von Wissenschaft haben kann, von weltfremden Denkern. Ich glaube aber, was das Institut für Sozialforschung, überhaupt die Sozialwissenschaften immer ausgezeichnet hat, war die Nähe zum gesellschaftlichen Leben. Die zentralen Figuren des Instituts waren so nah am Leben dran, dass sie emigrieren mussten, dass ihr Leben in Gefahr war, auch dass sie dann die Entscheidung getroffen haben, die man nicht so hätte treffen müssen, zurückzukehren nach Deutschland unter Umständen, bei denen man nicht wusste, ob sich die Demokratie hierzulande wieder festigt.

Dorn: Das Thema Wissenschaftskommunikation, der Austausch mit der gesamten Gesellschaft, hat das IfS schon immer ausgemacht, und dass es die Welt in der ganzen Komplexität beschreiben konnte, die Zusammenhänge darstellen zwischen der Wirtschaftsweise, den Fragen nach politischer Veränderung bis hin zur Sozialpsychologie, die mir als Psychologin besonders naheliegt. Das hat das IfS schon immer aus der theoretischen Perspektive getan, aber auch verbunden mit klaren Ideen, wie gesellschaftliche Veränderung zu erreichen wäre.

Angela Dorn, Hessische Wissenschaftsministerin.

Ist Ihnen das als amtierende Ministerin nicht unheimlich?

Dorn: Ich bin überzeugt, dass wir im Moment den Auftrag haben, die Wissensgesellschaft zu verteidigen. Es macht mir große Sorgen, dass Halbwissen und faktenlose Propaganda auf dem Vormarsch sind. Das sieht man bei der Corona-Pandemie genauso wie bei der Klimakrise, in vielen Prozessen, die die Gesellschaft in ihren Fundamenten erschüttern. Da ist es wichtig, dass die Wissenschaft laut vernehmbar ist. Kein Politiker, keine Gesellschaft kann ohne wissenschaftliche Grundlagen kluge Antworten auf die aktuellen Fragen finden. Allein die Frage nach unserer heutigen Wirtschaftsweise und dem damit verbundenen Paradox: Wie kommt es, dass wir Fortschritte erzielen in materieller Hinsicht, in ethischer, moralischer, rechtlicher Hinsicht, aber gleichzeitig Menschen von diesen Fortschritten abgehängt sind?

Lessenich: Das müssen wir übrigens auch global betrachten. Wir haben hier hohe Ansprüche an den Schutz der Vulnerablen in der Gesellschaft, zu Recht. Gleichzeitig sehen wir kein Problem darin, dass große Teile der Weltbevölkerung abgehängt sind, beispielsweise vom Zugang zu Impfstoffen. Dass wir trotzdem das Patentrecht bis auf die letzte Dosis verteidigen, muss eine kritische Sozialforschung auf den Plan rufen. Da müssen wir auch die globalen Verteilungsverhältnisse von Lebenschancen sehen.

Herr Lessenich, im Internet finde ich kein Foto, auf dem Sie Anzug tragen. Ist das so, weil es wenig fair gehandelte Anzüge aus Biomaterialien gibt?

Lessenich: Ich fühle mich einfach wohler in meiner Haut, wenn ich keinen Anzug trage. Das war für mich mit ein Grund, die akademische Laufbahn einzuschlagen, weil es da keinen Dresscode gibt. Mein Vater wollte, dass ich Bankkaufmann werde. Aber ich bin lieber ohne Anzug an die Universität.

Dorn: Ich freue mich, dass ich jetzt zum ersten Mal in einem Interview erlebe, dass ein Mann nach seiner Kleidung gefragt wird und nicht eine Frau.

Interview: George Grodensky

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