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Gunter Deller, einer der Programmkinomacher, im Kinosaal des Mal Seh’n.

Kultur in der Pandemie

Mit Leidenschaft gegen Corona: Frankfurter Kinos kämpfen

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Im Programmkino Mal Seh’n stemmt sich die Belegschaft vehement gegen die Auswirkungen der Pandemie.

  • In Frankfurt wütet Corona so heftig wie nie zuvor.
  • Die Kinos müssen schließen.
  • Das Kino Mal Seh‘n, spezialisiert auf Indie-Filme, zeigt sich kämpferisch.

Frankfurt - Die Herbstsonne zaubert goldene Flecken auf die Wände. Verwaiste Tische, eine verlassene Bar. Der Name des Ortes passt in fataler Weise zur Situation. „Filmriss“ haben die Macher des kleinen Programmkinos „Mal Seh’n“ im Frankfurter Nordend ihr Café vor Jahren schon getauft. Gunter Deller kann das Datum, an dem der Film riss, noch präzise benennen: „16. März, das vergesse ich nicht“, sagt er ohne nachzudenken. An diesem Tag musste der Programmleiter das kleine Lichtspielhaus an der Adlerflychtstraße wegen der Corona-Pandemie zum ersten Mal schließen. An diesem Tag begann, was der Dozent der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Offenbach mit den Worten „eine unwirkliche Situation“ beschreibt.

Kino inmitten der Corona-Pandemie: Ein Vergnügen mit fadem Beigeschmack

Anfang Juli wagte das Team die Wiedereröffnung. Seither schlug man sich durch. Gerade einmal 24 der 80 Sessel im Saal vor der Leinwand durften besetzt werden. Denn in Hessen galt immer noch die Abstandsregel: Ein Radius von 1,50 Meter rund um jeden Sitzplatz musste frei bleiben. Und jetzt ist das Kino seit dem 2. November wieder völlig geschlossen. „Das war ein Schock“, so Deller. Die Programme für November waren gerade frisch gedruckt, mit Filmen, von denen sich der Macher viel versprach. „Winterreise“: Der letzte Film des großen Schauspielers Bruno Ganz, der das Schicksal jüdischer Musiker im Deutschland der 30er Jahre beleuchtet. Oder „Matthias & Maxime“, die neue Arbeit des französischen Kultregisseurs Xavier Dolan. Normalerweise ist der November der beste Kinomonat im Jahr. Während draußen die Tage immer kürzer werden, drängt sich das Publikum in den Kinos.

Normalerweise. Mittlerweile fragt sich Deller: Wird es je wieder so sein wie vor der Corona-Pandemie, wird sich das alte Kinogefühl je wieder einstellen? Die Menschen dichtgedrängt vor der Leinwand, das Raunen, das Lachen im Dunkeln. „Je länger der Ausnahmezustand dauert, desto unvorstellbarer wird die Rückkehr zur Normalität.“ Angst ist bei vielen das vorherrschende Gefühl. Deshalb kommen sie nicht ins Kino. Wie lange wird es dauern, die Angst abzubauen und die alte Unbeschwertheit wieder zurückkehren zu lassen? Lange, glaubt der Programmmacher.

Trotz vieler Spenden und Preisgelder: Wirtschaftliche Lage der Kinos bleibt äußerst angespannt

Tatsächlich hatten sie im Kino alles getan, damit die Menschen sich sicher fühlen. Hatten im Café zwischen den Tischen Plexiglasscheiben hochgezogen. Hatten gelüftet, was das Zeug hält. Dennoch war es schon vor dem zweiten Lockdown schwierig. Von einem Zettel liest Deller die Zahlen für die Zeit seit März ab: Umsatz im Kino nur noch 40 Prozent von „Normal“, im Café 20 bis 30 Prozent. Was das Team dennoch motiviert hat, war die große Solidarität des Publikums. „Wir haben Hunderte von Gutscheinen für spätere Besuche verkauft.“ Spenden gingen ein, einzelne überwiesen bis zu 1000 Euro.

Es waren außerdem die Auszeichnungen, die das Kino bisher überleben ließen. Hessischer Kinopreis 2020: 20 000 Euro. Preis des Bundesministeriums für Kultur und Medien: 10 000 Euro. Immer wieder ist das 1984 gegründete „Mal Seh’n“ in den zurückliegenden Jahren für seine Arbeit prämiert worden.

Trotz Corona-Pandemie: Streaming würde das Kino langfristig nicht ersetzen

Corona freilich wirft die Grundsatzfrage auf: Was wird von der Kinokultur in Frankfurt übrig sein, wenn die Pandemie irgendwann einmal überwunden ist? Deller glaubt nicht wirklich an die Konkurrenz durch Streaming: „Die Leute haben schon jetzt die Nase voll von Streaming.“ Das Herunterladen von Filmen aus dem Internet könne das angestammte Kinogefühl nicht ersetzen. Aber die Angst bei den Menschen, wie kann die Angst überwunden werden? Deller glaubt, dass die Leute gar nicht mehr ins Kino kämen, wenn die 1,50 Meter-Abstandsregel abgeschafft werden würde.

Wegen Corona: Rückstau guter Filme wächst

Währenddessen wächst der Rückstau guter Filme, die nicht gezeigt werden können. Anders als in den Mainstreamkinos, bei denen Hollywoodblockbuster immer wieder geschoben wurden, leiden die Arthouse-Kinos nicht unter Mangel: „Es gibt jede Menge gute Filme, das Angebot ist da!“ Deller setzt erst einmal einen Kaffee auf. Die neuesten Nachrichten vom Morgen klingen nicht gut. Die Corona-Fallzahlen haben einen neuen Höhepunkt erreicht. Der Kinobetreiber ahnt, dass der Lockdown vielleicht Ende des Monats nicht vorbei sein wird, dass die Auszeit länger dauern kann. „Wir müssen durchhalten!“, sagt er in beschwörendem Ton. Vier Personen bilden das Kernteam des Kinos, dazu kommen eine Frau an der Bar und vier Filmvorführer. Wenn es ganz hart kommt, muss Personal abgebaut werden.

Das Programmteam hockt ratlos zusammen. „Es ist völlig unklar, wie es weitergeht.“ Sollen sie jetzt für ein Dezemberprogramm Filme bei den Verleihen anfordern, „auf die Gefahr hin, dass man dieses Programm auch wieder in die Tonne tritt“? Hinter jedem Kino steckt eine unsichtbare wirtschaftliche Verwertungskette, Filme müssen bestellt und natürlich auch bezahlt werden. Das wäre aber jetzt ein großes Risiko.

Corona trotzen: Leidenschaftlicher Kampf für den Erhalt des Kinos

1987 stieß Gunter Deller zum Team des „Mal Seh’n“, in der ehemaligen Turnhalle begann er zunächst als Filmvorführer. 1999 wurde er Mitbetreiber und Programmmacher, ein leidenschaftlicher Filmliebhaber, mit dem man lange über seine Leidenschaft sprechen kann. Derzeit wirkt er ein wenig ratlos. „Ich glaube an die Zukunft des Kinos“, sagt er schließlich mit trotzigem Unterton. (Claus-Jürgen Göpfert)

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