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Silvia Morris arbeitet im Nachverfolgungsteam des Frankfurter Gesundheitsamts.

Gesundheitsamt

Frankfurt: Corona-Infektionsfeuerwehr im Dauereinsatz

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Die Mitarbeiter  stehen Infizierten in der Krise mit Rat und Tat zur Seite. Corona-Infizierte in häuslicher Isolation bekommen jeden Tag einen Anruf.

Der alte Herr in Quarantäne war irritiert. Jeden Mittag stellte die Nachbarin einen Topf Suppe vor die Tür. „Ich glaube, die will mit mir flirten“, sagte er zu Silvia Morris, die ihn jeden Tag anrief, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Und, gab es eine Happy End? „Ich glaube das ging zuungunsten der Nachbarin aus“, sagt Morris. Auch in Corona-Zeiten geht Liebe nicht immer durch den Magen.

Morris arbeitet im Frankfurter Gesundheitsamt als Sozialmedizinische Assistentin. Sie selbst nennt sich lieber „Infektionsfeuerwehr“. Seit 1974 steht sie im Dienst der Gesundheit der Frankfurter Bevölkerung. Mischte schon bei Sars mit, bei Lassa, Schweinegrippe, Aids. Jetzt also Corona. Seit das Flugzeug aus Wuhan Anfang Februar in Frankfurt landete, ist sie damit beschäftigt. Wie viele Menschen sie über ihr positives Testergebnis informierte, in der Isolation betreute, mit wie vielen Kontaktpersonen sie sprach und das weitere Vorgehen festlegte, hat sie nicht gezählt. „Es waren viele.“

Kriminologisches Arbeiten mit einem hohen Maß an Sozialkompetenz: Das zeichnet Morris und ihre Mitstreiter im Nachverfolgungsteam aus. Da ist die Mutter, die sich aus Sorge um die Gesundheit ihres Kleinkinds verbarrikadiert. Der Infizierte, dem das Geld für Lebensmittel ausgeht. Bei Lagerkoller vermitteln sie Gespräche mit dem sozialpsychologischen Dienst, in den seltenen Fällen von fehlender Nachbarschaftshilfe einen Einkaufsdienst. Ein Job, der Fingerspitzengefühl erfordert. „Das kann kein Angelernter leisten“, sagt Antonie Walcok, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts und Chef der Abteilung Infektiologie.

Pool an kompetenten Leuten

Die Behörde hat gegenüber vielen anderen personell unterbesetzten Gesundheitsämtern im Land einen großen Vorteil: Mit ihren 120 Mitarbeitern kann sie aus einem Pool an kompetenten Leuten schöpfen. Rund 80 kamen aus anderen Abteilungen, jetzt will die Behörde wieder langsam zurück zum Normalbetrieb. 60 zusätzliche Kollegen sollen mittelfristig das Team verstärken, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne). Das intensive Nachverfolgen von Infizierten werde wohl eine Daueraufgabe werden.

Es ist Montag, 9 Uhr. Majer, Walcok und Amtsleiter René Gottschalk sitzen im großen Saal im Erdgeschoss, wo jeden Tag der Führungsstab tagt. Seit 17 Wochen, oft auch am Wochenende. Alle maßgeblichen Abteilungen sind dabei - von medizinischer Gefahrenabwehr über die psychosozialen Dienste bis zur Öffentlichkeitsarbeit.

Wie die gesamte Republik ist Frankfurt mit einem blauen Auge davongekommen. Gottschalk glaubt, dass es dabei bleibt, solange Maskenpflicht und Abstandregeln eingehalten werden. Am Montag liegt die Gesamtzahl bei 1368 Infizierten, von denen 1014 entlassen sind. Es gibt 24 Beatmungsfälle in den Kliniken, fast 80 Prozent der Erkrankungen verlaufen so mild, dass die 14-tägige Isolation bei täglichem Fiebermessen zu Hause möglich ist. Silvia Morris und ihre Kolleginnen überwachen das telefonisch.

Unterstützung durch Medizinstudenten

Unterstützt von fünf Medizinstudenten, die das Wahlpflichtfach Covid-19 belegt haben, denn die Behörde ist akademische Lehreinrichtung des Klinikums der Goethe-Universität. Demnächst geht außerdem eine App an den Start, in die Infizierte selbst ihre Symptome und Kontaktpersonen eintragen können. Auch das eine Erleichterung. Die Arbeit in dem Behördengebäude in der Breiten Gasse ist aufgeteilt. Gesundheitsaufseherin Maria Müller ist die Ansprechpartnerin für die Altenheime; es gibt viele Fragen rund um das Thema Desinfektion und Besuchskonzept. Ein Stockwerk höher an der Hotline geht es auch um praktische Fragen zur Lockerung der Auflagen, aber auch zur zweiwöchigen Quarantäne für Reiserückkehrer, die Hessen als einziges Bundesland noch aufrechterhält. Geschulte Studenten betreuen die Telefone, für medizinische Fragen steht der Arzt Martin Ramloch im Hintergrund bereit. Von den zehn Plätzen sind nur drei besetzt. „Es ist ruhiger geworden“, sagt er.

Es könnte wieder lauter werden. Nämlich dann, wenn die Menschen unvernünftig werden. Sorgen bereiten Stadtrat Majer auch die Verschwörungstheoretiker, die am Wochenende auf die Straße gingen. „Es gibt Leute, die dafür angegriffen werden, dass sie Maske tragen.“ Er setzt eine Aufklärungskampagne dagegen, an der sich auch die Firma Ströer beteiligt, die die Werbeflächen in der Stadt vermarktet. Für die Straßenbahnen und U-Bahnen gibt es Flyer, die an den Griffen hängen. Gute Vorschläge aus der Bevölkerung sind beim Stabbereich Krisenkommunikation willkommen, sagt Majer. Dieses Vorgehen habe sich schon in der Zeit bewährt, als die vielen Flüchtlinge nach Frankfurt kamen.

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